Neues Album und zwei Konzerte in Thüringen:
Max Raabe: „Ich bin fürs Nichtstun sehr gut geeignet“

Raabe mit einem Raben.
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Nach vier Jahren gibt es ein neues Max Raabe-Album, mit dem der Bariton und sein Palast-Orchester zweimal in Thüringen Station machen. Im Interview mit AA-Redakteur Michael Steinfeld spricht der Sänger über den Mut zur Muße, die Klischeefalle bei deutschen Texten und seinen nahenden Geburtstag.

“Der perfekte Moment wird heut verpennt“ - so heißt Ihr neues Album und ein Lied darauf. Können Sie gut faul sein?
Das Lied ist uns geradezu zugeflogen. Da habe ich erst einmal bemerkt, wie gern ich faul bin. Das liegt so in meiner Natur. Wenn die Arbeit da ist, dann erledige ich sie auch. Dann bin ich fleißig. Aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit kann ich mich auch einfach irgendwo hinsetzen, an gar nichts mehr denken und wirklich abschalten.

Man kennt Sie nur perfekt mit Anzug gekleidet, die Frisur sitzt. Rumgammeln - da kann ich Sie mir so gar nicht vorstellen. Täuscht der Eindruck?
Der täuscht, das kann ich Ihnen sicher sagen. Diese Picobello-Haltung lasse ich nicht durch. Eine der beliebtesten Fragen ist immer, ob ich eine Jogginghose habe. Nein, habe ich nicht. Aber man kann sich auch sehr gut ohne nachlässige Kleidung entspannen. Ich habe meine schlunzigen Momente und meine Nachlässigkeiten.

Im Video zum Song sieht man schläfrige Hunde und Katzen. Tiere haben dieses Talent, dass vielen Menschen abhandengekommen ist, wirklich nichts zu tun. Wie schalten Sie ab? Wie denkt man an nichts? Und kommt dabei keine Langeweile auf?
Langeweile hatte ich nicht mehr, seit ich zwölf Jahre alt war. Das Gefühl, als ich raus wollte zum Spielen und draußen hat es geregnet. Diese Zeit ist vorbeigegangen. Wenn ich nichts geplant habe oder mich nichts drängt, dann brauche ich noch nicht einmal mehr den Stecker herauszuziehen. Ich setze mich in den Bus, in die Bahn oder ins Flugzeug, lege meinen Kopf zur Seite und döse oder schlafe gleich ein. Ich bin fürs Nichtstun sehr gut geeignet.

„Heute bring ich mich um“

Sie singen über Glück, den perfekten Moment, die Liebe, die Schönheit und die einfachen Freuden im Alltag. Ein rundum positives Album. Sind Sie so ein Optimist?
Ich finde, da schwingt alles mit. Das Ganze wurde ja gar nicht so intellektuell durchdacht. Wir haben einfach über Themen geschrieben, die uns irgendwie beschäftigt haben. Wir haben gesammelt und gesucht. Es sind dann zwei, drei Nummern auch über Bord gegangen. Aber im Großen und Ganzen haben wir über das geschrieben, was uns gerade Spaß macht. Das hat sich über drei Jahre hingezogen, weil ich diese Leute eben auch nicht immer an den Start bekam und selber auch permanent immer unterwegs war.
Aber als wir es dann am Ende zum ersten Mal zusammen gehört haben, haben wir festgestellt, dass die Dinge zueinander passen und bei aller Doppeldeutigkeit eine positive Grundstimmung vorhanden ist. So etwas sommerlich Entspanntes, finde ich. Es ist fast wie ein Zyklus über eine Beziehung: Man lernt sich kennen, spielt mal mit dem Gedanken, fremd zu gehen. Dann ist man mal schlecht drauf, denkt „Heute bring ich mich um“, aber das Ganze mit Ironie und alles nicht so ernst gemeint. In einer Beziehung muss man darauf Acht geben, dass wir uns nicht gehen lassen, aber wir lieben uns immer noch. Dann ist einmal der ganze Bogen geschlagen. Und das ist, da gebe ich Ihnen Recht, eine positive Grundhaltung.

Wer aufmunternde Lieder singt, steht schnell in der Kritik, nur banale Kalendersprüche zu vertonen. Wie umgehen Sie beim Texteschreiben diese vermeintliche Falle?
Das ist eine ganz berechtigte Kritik. Bei der deutschsprachigen Popmusik sieht man erst einmal, wie schwierig es ist, auf Deutsch zu schreiben. Englisch übersetzt man sich immer im Kopf so ein bisschen, wie man es gerade braucht. Aber wenn man in seiner Muttersprache reimt, schnappt ganz schnell die Klischeefalle zu. Ich bilde mir ein, dass wir ganz frei sind von diesen Klischees. Wenn Sie ein Gegenbeispiel finden, höre ich aufmerksam zu. Aber Kalenderspruch-Alarm gibt es bei uns nicht.

Kaputt ist kaputt.

Müssen Sie denn so einiges verwerfen, was dann nicht passt?
Irgendwann habe ich gedacht: Dieses Stück kann dieser oder jener singen, aber ich nicht. Das passte einfach nicht zu mir. Das finde ich aber vollkommen o.k. Gerade an Stücken, an denen man sehr lange herumschraubt, muss man irgendwann sagen: Lange schrauben hilft nicht. Kaputt ist kaputt. Und dann weg damit.


Es ist ein Spätsommer-Album geworden. Unter anderem nehmen Sie den Zuhörer gesanglich mit an die Cote d'Azur. In Erfurt ist es regnerisch und kalt. Wie retten Sie ein sonniges Urlaubsgefühl in den trüben Novemberalltag?

Tja, das weiß ich auch nicht. Wenn Sie einen Tipp haben, höre ich Ihnen gerne zu. Wir sind nach Würzburg gefahren und ich habe auf den Bergkuppen schon Schnee gesehen. Da kann man nichts machen, muss man durch. Jetzt kommt der Winter. Das hat ja auch was. Man holt die Pullover raus und stapft durch den Schnee. Alles hat seine Zeit. Meinetwegen können wir den März und April streichen und gleich vom Februar in den Mai springen. Aber hier sind die falschen Breitengrade. Also hebt man sich das Gefühl auf und freut sich auf den Sommer.

Apropos Herbst - eine schlimme Zeit für Männer, die sich schnell einen Männerschnupfen einfangen können. Sie spielen textlich gerne mit dem nicht immer leichten Leben als Mann. Haben Frauen zu wenig Verständnis oder Mitgefühl mit uns Männern?
(Lacht.) Solche Fragen sind mir zu gefährlich. Männerschnupfen als Phänomen kenne ich schon. Der Titel „Heut bring ich mich um“ könnte ein vertonter Männerschnupfen sein. Darin heißt es: „Als ich erkältet war, hast du nur zu mir gesagt: Komm mir nicht zu nah. Ich war ganz allein.“ Doch das ist nicht meine Welt. Ich bin in der glücklichen Lage, Freundinnen zu haben, bei denen ich bestimmt gut aufgehoben wäre, wenn ich mal Männerschnupfen hätte. Aber eigentlich sind wir immer gut gelaunt, wenn wir uns sehen.

Freundinnen wie Annette Humpe, mit der sie jetzt das dritte Mal zusammenarbeiten. Hinzu kommen noch Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Daniel Faust, bekannt von Rosenstolz. Außerdem Achim Hagemann, den man unter anderem als musikalischen Begleiter von Hape Kerkeling kannte. Wie ist die Zusammenarbeit mit Ihnen? Sind Sie ein komplizierter Typ? Oder kann man sich mit Streuselkuchen direkt in Ihr Herz backen?
Der Streuselkuchen hängt mir jetzt nach. Das haben die in einem Interview ausgeplappert. Kaffee und Kuchen am Nachmittag finde ich toll, das brauche ich. Streuselkuchen ist nur ein Synonym, dass es nicht etwas ganz Tolles sein muss. Annette Humpe kann mit den tollsten Leuten zusammenarbeiten. Und wenn sie das trotzdem gerne mit mir macht, dann bestimmt nicht, weil ich sie dazu zwinge.

„Mein Alter passt nicht zu mir“

Sie hat auch gemeint, dass man mit Ihnen nicht den Charterfolg haben müsste wie bei manchem Popstar. Sondern es macht ihr einfach Spaß, mit Ihnen Musik zu machen.
Das ist die große Freude, mit all diesen Leuten zusammenzukommen, die so ganz unterschiedliche Arbeitsweisen haben. Mir ging es darum, bei den Konzerten ein, zwei neue Titel im Programm zu haben, welche die Leute überraschen. Die hatte ich ja schon immer. Nur da habe ich sie immer selber und allein geschrieben - wie „Kein Mensch ruft mich an“, „Rinderwahn“ oder „Klonen kann sich lohnen“. Aber das ist eben 20er-Jahre-Musik, die nur so durch die zeitgemäßen Worte erkennen lässt, dass sie neu ist. Wenn man jetzt über andere Themen spricht, wie sie auf dieser Scheibe zu hören sind, dann muss man einen aktuellen musikalischen Rahmen haben. Dezent natürlich. Ich will kein Popkünstler sein. Doch wenn ich selber was schreibe mit Leuten, möchte ich sofort erkennen, dass es neu ist und in die Gegenwart passt.


Das ist gelungen. Sie transportieren auch diesmal wieder die 20er- und 30er-Jahre musikalisch in die Gegenwart. Diesmal mit sommerlichen Instrumenten wie Steel-Drums und Ukulele. Wie passen die zum Palast-Orchester?

Die Ukulele kommt aus den 20er-Jahren. Und die Steel-Drums… Wir haben ein Schlagzeug auf der Bühne. Selbst wenn man keine Steel-Drums hat, nimmt man etwas anderes. Für uns kann man das alles immer umsetzen. Die Aufnahmen haben wir teilweise mit 30 Streichern gemacht. Das können wir natürlich bei den Konzerten nicht liefern. Wir setzen das für den Klangkörper des Palastorchesters um. Das hat bisher immer wunderbar funktioniert.

Sie sind seit den 80ern mit dem Palast-Orchester auf der Bühne. Ich finde, damals hat man in Ihnen eine alte Seele ausgemacht. Im Dezember werden Sie 55. Passt sich das Alter jetzt langsam der Seele an. Oder wird diese immer jünger und experimentierfreudiger?
Ich habe teilweise noch Freunde aus Grundschultagen. Die Leute, die mich kennen, sagen, ich war schon immer so, wie ich jetzt bin. Wenn ich mich im Spiegel sehe, erkenne ich den Verfall. Aber ich kann zufrieden sein. Ich war schon immer so, wie ich bin. Ich war nie cool, nie ganz jung, bin aber immer noch so ein Kindskopf wie immer schon. Ich habe keine rechte Antwort auf die Frage. Mir geht es gut. Was für ein Geschenk, mit der Musik, die man liebt, arbeiten und leben zu können. Mit Annette Humpe und allen anderen zusammenzuarbeiten und ihnen auf die Finger schauen zu können, wie sie ticken, arbeiten und denken. Das finde ich wahnsinnig spannend. Diese Zahl, die Sie da genannt haben, passt gar nicht zu mir. Und ich glaube, es wird immer schlimmer: Je älter ich werde, umso weniger habe ich das Gefühl, dass mein Alter zu mir passt.

Termine:
Max Raabe und das Palast-Orchester,
12. Januar Kultur- und Kongresszentrum Gera, 13. Januar, Messehalle Erfurt, Tickets: www.ticketshop-thueringen.de, Telefon: 03 61 / 2 27 52 27

Infos: www.palast-orchester.de

Raabe mit einem Raben.
„Ich saß zwei Stunden auf einem Metallrohr parallel zum Kabel“, erzählt Max Raabe über das Foto zu seinem neuen Album. Diese Beschwerlichkeit ist seinen Liedern hingegen fremd.
Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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