Interview mit Sängerin und Moderatorin Evi Niessner
Super emanzipiert: Beim Burlesque geht es mehr als nur ums Ausziehen

„Let‘s Burlesque“ heißt es am 3. Februar im Erfurter Dasdie Brettl. Evi Niessner (vorne mit Zylinder) führt durch die Show.
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  • „Let‘s Burlesque“ heißt es am 3. Februar im Erfurter Dasdie Brettl. Evi Niessner (vorne mit Zylinder) führt durch die Show.
  • Foto: Frank Widmann
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Klatschen, kreischen, pfeifen, johlen und vor Ekstase auf den Tischen tanzen – so wünscht sich Evi Niessner die Reak­tion des Publikums bei ihrer Burlesque-Show in Erfurt. Als ­Moderatorin und Sängerin führt sie durch die Show, die sie mit ihrem Mann ent­wickelt hat. AA-Redakteur Michael Steinfeld sprach mit ihr über die besondere Kunst.

Sie versprechen in der Show eine furiose Mischung aus Musik, Tanz, Artistik. Aber es fallen doch auch die Hüllen, oder?
Dass gestrippt wird, ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir wollen eine Form von Entertainment liefern – vom Geist, aber auch von der Qualität her – wie man sie von den Burlesque-Anfängen zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts kennt. Es ist frivole Unterhaltung mit viel Humor. Beim Bursleque geht es um eine bestimmte Ästhetik und den liebevollen und sorgfältigen Umgang mit den Details.

Bei Burlesque denke ich an die Tänzerin Dita von Teese und an den gleichnamigen Film von Christina Aguilera. Womit hat Ihre Kunst mehr gemeinsam?
Dita von Teese war die wichtigste Figur, die diese Kunstform wieder aufs Tapet gebracht hat. Sie hat den Sprung von der Liveshow ins Fernsehen geschafft und für Burlesque unglaublich viel getan. Ich finde sie wirklich grandios.
Zum dem Film muss ich sagen, dass er eher kontraproduktiv war. Christina Aguilera hat natürlich fantastisch gesungen. Wir spielen auch Songs aus dem Film. Die Tanzszenen sind hammermäßig umgesetzt und choreografiert. Die moderne Aschenbrödelgeschichte, die im Film erzählt wird, hat aber mit der Idee von Burlesque wenig zu tun. Burlesque ist eine extrem weibliche, superemanzipierte Form von Feminismus. Also nicht wie zu Zeiten von Alice Schwarzer, als sich die Frau immer härtere Bandagen anlegen und männlicher als die Männer sein musste. Auch beim Burlesque gelten Frauen sexuell nicht als Lust-, Opfer- oder Nutzobjekte. Davon machen wir uns frei. Wir sind aktiv sexuell und leben dies in unserer Kunst aus. Das hat aber nichts mit Prostitution oder Porno zu tun, was immer nur dem Mann und dem Konsumenten dient. Es ist ein Ausdruck von künstlerischer und persönlicher Freiheit.

Wer sitzt im Publikum – Pärchen, Männer, Frauen?
Die Frauen sind auf jeden Fall die treibende Kraft. Männer wissen zu Beginn manchmal nicht genau, ob sie klatschen dürfen, ohne dass ihre Frau eifersüchtig wird. Aber wir bereiten das Thema mit viel Humor und ganz locker auf. Wir nehmen das Publikum mit in eine Welt, in der das Schöne, die Liebe und die Freiheit zählen. Dies wollen wir feiern mit einer gewissen Würde, Eleganz und Glamour. Unser Ziel ist, die Fantasie bei den Menschen anzuregen.

Die Verführung aus Paris

Nicht nur das. Sie ermuntern auch, sich selbst in den schönsten Fummel zu werfen. Wie ist der Dresscode?
Es gibt keinen Dresscode. Es muss sich auch keiner mit Jeans deplatziert fühlen. Aber wir regen dazu an, sich ein bisschen aufzubrezeln. Wir merken, dass die Leute Lust darauf haben, sich in Schale zu werfen und es für sie mehr ist, als sich nur eine Show anzuschauen. Am Ende kann man uns Künstler treffen und Fotos mit uns machen. Das ist immer ein großer Spaß.

Wie wichtig sind die Kostüme? Schlüpfen die Künstler mit ihnen erst in die Rolle?
Es ist eine berufliche Notwendigkeit, sich zu kostümieren. Wir leben aber - schon von unserer Haltung her – die Burlesque-Idee. Friedfertig zu sein, sich aber trotzdem durchzusetzen und sich nicht alles gefallen zu lassen. Jeder kann dazu beitragen, die Welt ein bisschen besser und schöner zu gestalten. Man kann das Schöne im Leben genießen, ohne dieses „Nach mir die Sintflut“-Denken an den Tag zu legen. Kostüme sind nicht nur etwas Äußerliches. Sie haben auch eine Botschaft und sind Ausdruck der Persönlichkeit.

Wie wohl auch die Künstlernamen. Was steckt dahinter?
Ich weiß, wie alle privat heißen. Das ist teilweise sehr lustig. Es wird ein Charakter aufgebaut, der etwas Spezielles verkörpert. Tara La Luna ist eine elegante und sehr geheimnisvolle Erscheinung. Erochica Bamboo ist eine durchgeknallte Japanerin. Coraline de Paris ist die Verführung aus Paris.

Sehr wichtig ist die Musik. Wie sieht denn Ihre Playlist aus?
Die Musik und die Texte müssen zu den Tänzen passen. Wir haben ganz viel Vintage-Musik, aber auch eigene Titel. Die ganze Show wird mit Livemusik begleitet – auch die Tänze der Burlesque-Damen. Jede einzelne Nummer ist dann wie ein Kabinettsstückchen. Die Musik ist sehr vielfältig. Die Spannbreite reicht von Sting und Led Zeppelin über alte Jazz- und Bluesstücke bis hin zu Tom Waits und Ella Fitzgerald.

Tanzen Sie als First Lady Of Burlesque ebenfalls?
Ich bin selbst keine Burlesque-Tänzerin. Ich habe mir die Show ausgedacht und moderiere sie. Ich bin ausgebildete Sängerin, mein Mann Pianist und Sänger. Seit fast 30 Jahren sind wir im Showbusiness. Aber im Prinzip tanze ich auch den ganzen Abend. Wenn ich singe, stehe ich ja nicht einfach nur da.

Woran denken die Künstlerinnen beim Tanzen?
Es gibt so einen lustigen Perscheid-Cartoon. Da denkt der Amateurpianist während er spielt: „Jetzt der Oktavlauf, Sprung von D auf Gis.“ Und der Profi denkt: „Bratkartoffeln könnte ich mal wieder machen.“ Man ist schon in einem gewissen Flow, bewegt sich so sicher und denkt nicht über den nächsten Schritt nach. Aber wir bauen beim Burlesque mit dem Publikum Energie auf und geben sie auch wieder zurück. Es ist wie ein Spiel. Es hört nicht an der Bühnenkante auf. Aber wir zwingen niemanden zu etwas oder stellen jemanden aus dem Publikum bloß. Doch wer mitmachen will, kann mitmachen.

Klagen Tänzerinnen eigentlich auch, dass sie mit dem kleinen Winterbäuchlein nicht mehr ins Kostüm passen?
Wir sind Menschen wie alle anderen. Ein wichtiger Ansatz bei Burlesque ist es, dass man sich mit seiner Körperlichkeit aussöhnt und nicht aussehen will wie die Models von Heidi Klum, um als schön gelten zu dürfen. Man feiert seinen Körper und lässt ihn feiern in seiner Unperfektheit. Es ist eine Botschaft, die wir vermitteln wollen: Jeder einzelne ist o.k., solange er sich selbst gut fühlt und sich selbst vertraut.

Termin:
„Let‘s Burlesque“,
9.  Februar, 20 Uhr,
Dasdie Brettl,
Infos: www.lets-burlesque.de

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