Viel Spaß am laufenden Band
Theater Erfurt/ „Fra Diavolo“ Opéra-comique von Daniel-François-Esprit Auber/ Premiere am 6.10.2018

Szene im Hotel
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  • Foto: Lutz Edelhoff/ Theater Erfurt
  • hochgeladen von Thomas Janda

Mit der Inszenierung der Oper „Fra Diavolo“ von Auber beginnt das Theater Erfurt seine neue Spielzeit unter Motto „Film ab“. Die Idee dahinter ist, Opernstoffe, die auch verfilmt wurden, für das Erfurter Publikum neu zu entdecken. Regisseur Hendrik Müller verlegt die Handlung der Oper von Daniel-François-Esprit Auber in ein Luxushotel und macht damit den Auftakt zur neuen Themenreihe. Der Opernstoff, uraufgeführt 1830 in Paris, wurde von Hollywood 1933 unter dem Titel The Devil’s Brother mit Stan Laurel und Oliver Hardy verfilmt.

Hendrik Müller nimmt viele Filminszenierungsgedanken in seine Regie hinein. Von Anfang an geht es im Luxushotel klamaukig zu. Späße und Gecks werden von den Akteuren am laufenden Band produziert. Während der Ouvertüre läuft ein Filmvorspann, der ankündigt, dass Regisseur Hendrik Müller die Zwischentexte in deutscher Sprache selbst geschrieben hat. Im Laufe der zweieinhalbstündigen Aufführung wird der Zuschauer dann auch mit Bild- und Sprachversatzstücken aus der Film- und Fernsehwelt überschüttet, bis hin zu Werbefiguren wie Meister Proper oder Frau Antje.

Das Bühnenbild von Marc Weeger mit der zentralen Treppe liefert die Kulisse für ein bisschen Revue-Theater und die Kostüme von Silke Willrett bieten ein breites Spektrum von Anklängen an den „Gendarm von St. Tropez“ über „Sherlock Holmes“ bis hin zu „Menschen im Hotel“ von Vicky Baum mit Vorlagen der Pagen-Kleidung des Hotel Sacher in Wien. Zwischendurch tritt Fra Diavolo noch als schwarz-flatterige Travestie-Diva auf. Regisseur Hendrik Müller greift in so ziemlich jede Kiste, die der Filmfundus bietet. Vor allem mit den beiden trotteligen Typen Beppo (Ks. Jörg Rathmann) und Giacomo (Ks. Máté Sólyom-Nagy) veranstaltet er fast slapstikhafte Auftritte in Kostüm und Posen. Ihnen steht das nicht weniger skurrile Paar Lord Kookburn (Juri Batukow) und Lady Pamela (Katja Bildt) gegenüber, die von den Gangstergehilfen ausgeraubt werden sollen. Batukow gibt einen herrlich schrulligen Lord, der sogar zwischendurch mal auf Russisch grummelt, die Rolle ist ihm auf den Leib geschneidert. Ebenbürtig zeigt sich Katja Bildt, die als naiv wichtigtuerische Lady gut zu ihrem Gatten passt. Beide sind auch stimmlich in gewohnt passabler Form.

Auch Lorenzo (Julian Freibott) stolpert als Polizist übermotiviert durch die Gegend oder liegt im Servierwagen. Ziemlich gelassen und extravagant kommt Fra Diavolo (Alexander Voigt), der Anführer, Hochstapler und Gangster daher. Mit seiner Langhaarperücke und seinem Silber bestickten Kaftan wirkt er sofort unseriös. Matteo der Gastwirt wird von Caleb Yoo und seine Tochter Zerline von Leonor Amaral gespielt.

Leonor Amaral als Zerline ist dann auch die musikalische Entdeckung der Premierenaufführung. Sie spielt und singt mit großer Natürlichkeit. Ihre Sopranstimme verfügt über einen glockenhellen operettenhaft leichten Klang, mit dem sie sich sofort in die Ohren und Herzen des Erfurter Publikums singt und dafür mehrfach Szenenapplaus erhält. Den erhält auch Alexander Voigt als Fra Diavolo. Allerdings bleibt seine Gesangsleistung weit hinter seiner Spielleistung zurück. Mit vielen hohen Tönen hatte er an diesem Abend Probleme und auch in den Terzetten war oft keine Einheit mit den anderen Sängern, weil er die Töne zu scharf und zu hart nahm. Bei den mittleren Lagen hörte er sich besser an. Dass er seine Rolle mit ziemlich ranzigem Charme spielt, ist wohl der Regie geschuldet. Ihm fehlen Eleganz und Esprit, die man von einem Hochstapler erwarten würde. Zu oft steht er auf derselben Ebene wie seine zwei Dummlinge. Der Ausspruch „Mächtig gewaltig Egon!“ lässt das Vorbild Olsenbande vermuten. Mit dieser Konstellation wird die Inszenierung leider dann auch vollständig zur Klamotte. Diesem Fra Diavolo fehlt jeder Anklang an dämonisch Durchtriebenes. Das hätte die Spannung erhöht und auch den Handlungsfaden präsenter gemacht. Julian Freibott (Lorenzo) erweist sich als ein guter Komödiant, der exzellent singt und spielt. Gemeinsam mit Leonor Amaral erfreut er in vielen Szenen das Publikum. Für alle Romantiker sind sie am Ende auch noch ein schönes Hochzeitspaar.

Die Ouvertüren zu jedem Akt sind recht lang und werden mit einem gewollt kitschigen Bergpanorama-Bild in wechselnder Beleuchtung überbrückt. Dieses Bergpanorama-Bild findet sich auch im Hotelfoyer wieder und wechselt auch dort die Farben. Das ist eine schöne Spielidee von Bühnenbildner Marc Weeger, die den Aufenthalt in Bergen suggeriert.

Alle Sprechszenen im Hotel werden von Ralph Neubert am Klavier untermalt. Das verstärkt zwar die „Hotelatmo“ mit Hintergrundplätschern, schadet aber der Verständlichkeit bei den Dialogen. Außerdem nutzt sich der Effekt schnell ab. Wenn der Regisseur Hendrik Müller schon eigene witzige Dialoge schreibt, dann sollte er auch auf den Sprachwitz vertrauen. Das gilt vor allem für viele Sprechszenen zwischen dem Ehepaar Kookburn und Fra Diavolo.

Die musikalische Leitung liegt diesmal in den Händen von Chanmin Chung. Bei der Ouvertüre und den Vorspielen zu den Akten, die an Militärmusik erinnern, wären Tempi- Forcierungen hilfreich gewesen. So wirkte es oft etwas schleppend. Die Sänger waren insgesamt bei ihm gut aufgehoben und gut begleitet.

Der Chor unter der Leitung von Andreas Ketelhut hatte sichtlich viel Spielfreude und verbreitete auch für das Publikum jede Menge Amüsement. Gerade für den Chor hatte Regisseur Hendrik Müller die besten Revuebilder arrangiert und sängerisch waren alle auf sehr gutem Niveau. Zu guter Letzt wurde das Publikum mit akrobatischen Einlagen wie Saltos überrascht.

Fazit: Wer Unterhaltung sucht, manchmal auf Schenkelklopfniveau, der wird sie bei Hendrik Müllers Inszenierung finden. Besonders die Saunaszene sorgt für viel Heiterkeit. Das vielleicht längere Zeit vergessene Stück ist auf jeden Fall sehr aktionsreich wieder zum Leben erweckt und hält eine bunte Mischung bereit.

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