25. Thüringer Tage der jüdisch-israelischen Kultur vom 19.10. bis 18.11.
Thüringen setzt Zeichen in 17 Orten

Projektleiterin Caroline Fischer
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Die 25. Thüringer Tage der jüdisch-israelischen Kultur haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem Projekt des Netzwerkes für jüdisches Leben in Thüringen entwickelt, das einen breiten Handlungsrahmen gegen Antisemitismus, Rassismus, Radikalismus und Fremdenfeindlichkeit schafft und ein deutliches Zeichen für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit setzt. Im Gespräch mit Projektleiterin Caroline Fischer vom Förderverein für jüdisch-israelische Kultur in Thüringen e.V.:

Die 25. Thüringer Tage der jüdisch-israelischen Kultur sind viel mehr als "nur" Kultur...

Das ist eine schwierige Frage, was ist eigentlich Kultur? Von der Definition her könnte man sagen - alles, was nicht Natur ist. Dazu gehört genauso eine interessante, kontroverse Gesprächsrunde wie das Kochen von koscherem Essen mit Grundschulkindern. Mehr als Kultur sind diese Tage natürlich auch, weil sie sich zu einem Projekt eines ganzen Netzwerkes für jüdisches Leben in Thüringen entwickelt haben. Das Tolle ist, dass es kein Projekt einer Künstleragentur ist. Die beteiligten Thüringer Orte haben alle so einen unterschiedlichen Charakter, auf ihre Bewohner, ihre Geschichte, ihr Veranstaltungsprofil bezogen - da funktionieren in der einen Stadt Dinge, die anderswo nicht gingen. So hat Gera zum Beispiel eine breite Chorlandschaft, die Meininger sind zum Beispiel eher das Theaterpublikum. In den 17 Thüringer Orten haben wir wirklich Partner, die für ihre Stadt ein ganz individuelles Programm entwickelt haben. Daraus bauen sich die Kulturtage zusammen.

Wie wichtig sind solche Kulturtage in einer Zeit verstärkter Diskussion um Religionsfreiheit und Minderheiten?

Sie sind ein sehr wichtiges Zeichen dafür, dass es Menschen gibt, die anders denken. Menschen, die sich bewusst sind, wir sind durch Austausch und Miteinander das geworden, was wir sind. Die Sprache, die wir sprechen, die Gebäude, die wir in unseren Städten sehen, das Essen, das wir zu uns nehmen - so vieles ist entstanden, weil unterschiedliche Religionen, unterschiedliche Nationen, unterschiedliche Menschengruppen mehr oder weniger friedlich miteinander im Austausch gelebt haben. Sich heute plötzlich die Frage zu stellen: Wer gehört dazu und wer nicht, wann gehört einer dazu oder wann nicht, ist völlig absurd.

Die Erinnerungskultur in Deutschland macht gerade einen Wandel durch: Die letzten Holocaust-Überlebenden sterben, Hitlers "Mein Kampf" ist ein Bestseller, ein Verbotsverfahren gegen die antisemitische NPD erneut gescheitert, laut Bertelsmann-Stiftung möchten 81 Prozent der Deutschen die Geschichte der Judenverfolgung hinter sich lassen. Wie besorgniserregend ist das?

Sehr besorgniserregend. Ich finde es unfassbar wichtig, dass wir diese Erinnerungen behalten, uns damit aktiv auseinandersetzen. Man muss seine Vergangenheit kennen, um in der Gegenwart richtig agieren zu können. Man kann mit Erinnerungen auch individuell umgehen, Erinnerungskultur unterschiedlich gestalten. Wenn zum Progromgedenken ein Bürgermeister mit ernster Miene vor einer Gedenktafel einen Kranz für die Opfer des Holocausts niederlegt und schwere Worte spricht, ist das natürlich gut und wichtig. Aber man kann sich auch anders erinnern. In diesem Jahr laden wir 20 arabische und jüdische Jugendliche aus Israel nach Suhl ein, die mit deutschen Jugendlichen ein Konzert geben. Sie erinnern an die Geschichte und haben trotzdem den Blick in die Zukunft. Sie sagen, wir miteinander wollen dem Vergessen etwas entgegensetzen, trotzdem Lebensfreude vermitteln. Es ist wichtig, dass Erinnerungskultur nicht nur mit gesenkten Köpfen und ernsten Gesichtern betrieben wird. Sondern - gerade weil wir uns erinnern - sorgen wir dafür, dass all das nicht mehr passieren kann.

Die 25. Kulturtage sind besondere, weil rekordverdächtig...

Wir sind das größte Kulturfestival in Thüringen, mit mehr als 150 Veranstaltungen in 17 Orten. Dabei sind wir eine Gruppe von Veranstaltern, die alle miteinander im Gespräch sind. Das umfangreiche Programm und die Themen halten die Kulturtage zusammen und machen sie zu etwas Gemeinsamem. Es ist schwer, das alles zusammenfassen. Wir setzen landesweit in Thüringen ein Zeichen gegen Antisemitismus, Rassismus, Radikalismus und Fremdenfeindlichkeit. Eines ganz ohne Holzkeule.

Ihr Highlight?

Da komme ich auf 37 ;-) Ich freue mich sehr auf das Puppentheaterstück "Der überaus starke Willibald". Und auf "Klezmer trifft Derwisch trifft Orgel" - das wird toll, eine Wahnsinns-Atmosphäre. Auch auf Shahak Shapira freue ich mich, der als Israeli in Deutschland einen ganz besonderen, durchaus sarkastischen Blick auf die gesellschaftlichen Herausforderungen wirft. Aber eigentlich gibt es nur Highlights.

Termin:

19. Oktober bis 18. November mit mehr als 150 künstlerischen Darbietungen wie Lesungen, Vorträgen, Gesprächsrunden, Vorträgen, Workshops, Ausstellungen, Filmvorführungen unter anderem in Erfurt, Weimar, Nordhausen, Eisenach, Arnstadt, Gera, Apolda, Sondershausen, Mühlhausen, Suhl, Jena, Rudolstadt. Zu den bekanntesten Künstlern gehören Ilja Richter, Ben Becker, Marianne Sägebrecht, Michael Trischan.

Das Programm:

www.juedische-kulturtage-thueringen.de

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