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Fotografin Gundula Schulze-Eldowy mit einer Ausstellung in der Heimat
Thüringens Superstar blickt mitten ins Herz

Robert Frank und seine Frau June Leaf New York 1990
Robert Frank und seine Frau June Leaf New York 1990 (Foto: Gundula Schulze-Eldowy)
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Die international erfolgreiche, in Erfurt geborene Fotografin, Künstlerin und
Weltenbummlerin Gundula Schulze-Eldowy zeigt derzeit in Erfurt Bilder aus ihrer New Yorker Zeit:

Ihre Bilder sind nicht einfach nur Bilder. Keine, an denen man achtlos vorübergehen kann. Nimmt Gundula Schulze-Eldowy ihre Kamera zur Hand, blickt sie den Menschen geradewegs ins Herz – tief hinein. „Wenn mich etwas nicht ergreift, mich nicht bewegt, dann wird es auch zu keinem Bild“, spricht die einst in Erfurt geborene Künstlerin und heute international renommierte Fotografin über die Faszination ihrer Motivwahl. Ihr feines Gespür für Menschen, oft auch für jene, die so weit am Rand leben, dass andere sie kaum bemerken, lässt sie deren Geschichten erzählen. Behutsam nähert sie sich ihnen, fängt Momente ein, die auch lange Zeit später den Betrachter rühren.

So erging es auch einem Besucher aus Amerika: Noch heute erinnert sich Gundula Schulze-Eldowy an den einen Moment im Jahr 1985. Sie, die junge Frau, die es aus der Enge der Heimat in das größere Berlin gezogen hatte und die dort zu fotografieren begann, traf den weltbekannten New Yorker Fotografen Robert Frank und zeigte ihm ihre Bilder. Dem erfahrenen, doppelt so alten Mann verschlug es die Sprache. Als er sie wiedergefunden hatte, fragte er die junge Deutsche, ob sie ihre Fotos nicht in New York ausstellen möchte.

Über streng bewachte Grenzen hinweg und trotz beinahe einer Anklage als vermeintliche CIA-Agentin schrieben sich Gundula und Robert heimlich Briefe. Eine wunderbare Freundschaft entstand, zwischen zwei Menschen, die Gleichgesinnte waren und einander in ihre Herzen schauten. Im Jahr 1990 zog die talentierte Fotografin endlich nach New York, lebte drei Jahre dort. Nun kehrt sie – die ­manche als Thüringens einzigen ­Superstar ­bezeichnen – ­für kurze Zeit in ihre einstige Heimat zurück, um mit ihren Bildern aus dieser Zeit zu erzählen.

Staunen in New York

Als Gundula Schulze-­Eldowy 1990 in New York ankommt, wird sie mit offenen Armen empfangen. Bald schon hat sie ihre erste Ausstellung im ­Museum Of Modern Art.

„Wie kann man so jung sein und schon so ein reifes Werk haben?“, staunt Fotograf Robert Frank über die mitgebrachten Bilder der jungen Frau. Auf den ersten Blick traute man ihr das wohl nicht zu, wie sie so hübsch in ihrem Cocktailkleidchen und der Kamera umherspazierte.

„Meine sozialkritischen Fotos haben denen, die behaupteten, alle sozialen Probleme seien gelöst, wohl etwas den Boden unter den Füßen weggezogen“, erinnert sich Gundula Schulze-­Eldowy an schwierige Jahre im Osten Deutschlands. „Die mochten keine Menschen, die stark waren, Kunst machten, die Wahrheit zeigten.“

Mit 18 verlässt sie Erfurt und geht nach Berlin. Dort trifft sie im aussterbenden „Milieu“ der Stadt auf ungewöhnliche Menschen. Manche nennen sie einfach Asoziale. Sie jedoch bringt ihnen Achtung entgegen – ­denen, die zwei Weltkriege überlebten, die nicht viel besitzen. Sie sieht Ruinen und Narben. „Das hat mir mehr vermittelt als alles andere. Ich habe plötzlich sehr an allem gezweifelt, was mir bis dahin beigebracht wurde.“

Schon damals stellt sich die Künstlerin die Fragen, die sie bis heute umtreiben: „Wie konnte das alles passieren, wie konnte es so weit kommen?“ Gundula Schulze-Eldowy beginnt, Geschichte zu hinterfragen und Geschichten zu sammeln – und wird auch zu einer Erzählerin.
Ihre Bilder aus der Zeit in der Heimat sorgen in New York für Aufsehen. Doch sie verharrt nicht in der gezollten Anerkennung, sondern erkundet Stadt und Menschen mit ihrer Kamera. Die Berliner Hinterhof-Dunkelheit weicht langsam dem gleißenden Großstadtlicht – insgesamt vier fotogra­fische Zyklen entstehen.

Mehr als 200 Bilder daraus sind in diesen Wochen in der Erfurter Kunsthalle zu sehen. Einige Fotos stammen auch von Robert Frank. Die Ausstellungsstücke werden von Auszügen aus dem Briefwechsel der beiden Künstler begleitet – „das Herzstück des Ganzen“ – sagt sie. Und aus einer Zettelnotiz ­Roberts an Gundula „Keep A Stiff Upper Lip – Halt die Ohren steif“ entstand der Ausstellungsname.

Die Weltenbummlerin mit dem Gespür für Menschen und Momente, die heute in Peru und Berlin lebt und mehr als 40 Länder bereiste, genießt es, wieder einmal in ihrer alten Heimat zu sein. Die Jahre in New York, in Ägypten und in Peru, die vielen Reisen lassen sie nie ihre Wurzeln vergessen. Die seien sehr wichtig, hieraus beziehe sie ihre Kraft. „Ich habe bisher ein atemberaubendes, bezauberndes Leben gehabt“, sagt sie. Auch ein sehr ausgefülltes – neben dem Fotografieren produziert die Künstlerin Filme, veröffentlicht Bildbände, schreibt Erzählungen und Gedichte, singt. Ihr Mann bescheinigt ihr als wichtigste Eigenschaft ihre Neugier, ihr Interesse an allem.

Aber da gibt es noch eine Eigenschaft, die ihr und auch vielen Thüringern in die Wiege gelegt wurde: das Träumen. „Es ist eine meiner kreativsten Kräfte, dass ich einfach mal innerhalten und irgendwohin starren kann.“ So entstünden Bilder im Kopf, so viele Ideen. Schulze-Eldowy ist überzeugt, dass die Thüringer Landschaft auch bedeutende Männer wie Nietzsche, Goethe oder Bach zu großen Werken inspirierte. In diesen Tagen in Erfurt nimmt sie sich die Zeit, einfach nur zu genießen. ­Menschen zu treffen, Natur zu erleben.

Nirgends rieche der Frühling so gut wie zu Hause, kein Flieder blühe so schön wie hier. Es ist Zeit zum Sinnieren: „Das Ich und die Welt sind eins. Die Welt braucht das Ich, um zu sein. Und das Ich braucht die Welt, um sich auszudrücken“, spricht die in sich Ruhende ­darüber, dass die Welt in unserem Inneren verborgen sei. Manchmal erzählen Bilder vom Inneren und auch von der Welt. Wie bei Gundula Schulze- Eldowy.

Ausstellung & Termine

»„Halt die Ohren steif – Keep A Stiff Upper Lip“, Robert Frank und Gundula Schulze- Eldowy in New York, bis ­­­­­­­zum 2­4. Juni in der Kunsthalle Erfurt, Fischmarkt 7

» Donnerstag, 17. Mai, 19.30 Uhr: Artist Talk: Felix Hoffmann, Hauptkurator der C/O Berlin Foundation, trifft Gundula Schulze-Eldowy in der Kunsthalle Erfurt
» 25. Mai, 18 - 24 Uhr: Lange Nacht der Museen mit Kurz­führungen und Musik

» 7. Juni, 19 Uhr: Vortrag über Robert Frank, Peter Galassi und 100 Jahre Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

» www.das-­unfassbare-gesicht.de
 www.berlin-­ineinerhundenacht.de

Zur Person:

» Gundula Schulze-Eldowy wurde 1954 in Erfurt geboren, studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

» 1990 bis 93 lebt sie in New York, dort entstanden mehrere fotografische Zyklen sowie der Film „Die Wahrheit ist eine versunkene Stadt“, Ausstellung im Museum of Modern Art, New Yorker Laurence Miller Gallery.

» Ab 1993 verschiedene Reisen und Ausstellungen.

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