Unfassbare Schwere: Bildband der Erfurter Fotografin Nora Klein zeigt die unsichtbare Krankheit Depression

Die Erfurter Fotografin Nora Klein hat einen Weg gefunden, eine unsichtbare Krankheit zu bebildern.
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  • Die Erfurter Fotografin Nora Klein hat einen Weg gefunden, eine unsichtbare Krankheit zu bebildern.
  • Foto: Nora Klein
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Das Foto offenbart nicht viel. Die Jalousie ist beinahe zugezogen. Nur wenige zarte Lichtkleckse dringen ins Dunkel. Ein schwarzes Loch, das alles Leben verschluckt. So beschreibt ein Betroffener seine Depression. Wie fängt man so eine unsichtbare Krankheit ein? Die Erfurter Fotografin Nora Klein hat einen Weg gefunden.

„Mal gut, mehr schlecht“ lautet der Titel ihres Fotobandes, der in Zusammenarbeit mit der Hamburger Journalistin Sonja Hartwig entstanden ist. Er bebildert die Gefühls- und Gedankenwelt von neun depressiven Menschen. „Für mich war eine Depression immer so unfassbar, so schwer zu greifen“, erinnert sich die 32-Jährige. Über eineinhalb Jahre hinweg stand sie in vertrauensvollem Austausch mit den Betroffenen, führte stundenlange Gespräche, hörte vor allen Dingen gut zu. Aus ihren Interviews entstanden die Ideen für die Bilder.

„Ich war schon überrascht von der Schwere, die alle in sich getragen und mit mir geteilt haben. Das waren Gedanken, die man selbst von Freunden nicht erzählt bekommt.“ Als beinahe Fremde solche intimen Geständnisse preisgegeben zu bekommen, überraschte sie - vor allem die Offenheit und Tiefe: der Missbrauch durch die Eltern, konkrete Suizid-Gedanken, von denen selbst der Ehepartner nichts weiß, weil man sie ihm nicht zumuten möchte.

„Mir ist wichtig, dass man ein Gefühl für die Krankheit entwickelt, wenn man den Bildband durchschaut.“

Nora Klein

Die Erfurterin ging unbefangen an das Projekt heran, wollte rechtzeitig ihre Grenzen ziehen. „Als die Phasen aber immer dichter wurden, hat mich alles doch sehr belastet. Ich habe bemerkt, ich brauche jetzt erst einmal Abstand zum Projekt.“ In dieser Zeit konzentrierte sich Nora Klein wieder mehr auf sich, auf das, was erst einmal ihr gut tut.

Ihre Fotos spielen mit Unschärfen, lassen Licht und Dunkelheit miteinander verschwimmen, rücken so nahe ans Detail, dass das große Ganze dahinter verschwindet. Klein kommt aus der dokumentarischen Fotografie, verändert daher nur wenig, inszeniert nichts. Sie fotografierte mit einer einfachen Schnappschusskamera. Der Profi verlor also absichtlich die Kontrolle beim Fotografieren. „Mir war es wichtig, mich mit den Menschen auf eine Ebene zu begeben und nicht das perfekte Bild zu erstellen. Ich versuchte, auch unschöne Fotos zu machen, denn das Leben ist auch nicht so optimiert. Die Depression ist hässlich und nicht zu kontrollieren“, erklärt sie.

Nora Klein wählte drei verschiedene Motive. Zum einen porträtierte sie die Betroffenen. „Sie entschieden, ob sie anonym gezeigt werden wollten. Denn oft fürchten die Menschen die Konsequenzen, wenn sie alles von sich preisgeben.“ Auch wer noch nicht bereit war, sich zu outen, konnte so teilnehmen. Zum anderen fotografierte die Erfurterin die Rückzugsorte, an denen die Betroffenen Kraft sammeln wie ein See oder das Schlafzimmer. Zuletzt suchte sie die Symptome der Krankheit im Alltag: die Einsamkeit und Schwere in der Umgebung, der Landschaft, der Architektur. „Immer wenn ich fand, das trifft es jetzt ganz gut, habe ich intuitiv fotografiert.“

„Es gibt Aufs und Abs, auch mal ein Lachen zwischendurch.“

Offenbar hat sie das oftmals Unbegreifliche gut erfasst. Rückmeldungen bekam sie von Therapeuten und Selbsthilfegruppen, die das Buch gerne auslegen oder damit arbeiten möchten. Die Betroffenen sehen den Bildband als geeignetes Werkzeug, um zu erklären, wie sie sich fühlen, warum sie so leiden. „Sie haben sich in den Bilder wiedergefunden. Vor allem fanden sie gut, dass die Depression nicht so klischeehaft dargestellt wird.“ Nora Klein meint diese Schwarz-Weiß-Fotos mit einer zusammengekauerten Person, die auf den Boden starrt. „Aber die Krankheit ist vielfältiger. Es gibt Aufs und Abs, auch mal ein Lachen zwischendurch.“

Die 32-Jährige begeistern besonders psychologische Themen, die schwer zu greifen sind. Kein Wunder, ist ihr Vater doch Psychologe. Ihr letztes Thema war „Heimat“, das nächste wird „Sterben“. „Man könnte sagen, dass ich einen Hang zum Schweren besitze. Ich habe manchmal das Gefühl, dass sich nicht so viele Leute diesen Themen stellen wollen. Das finde ich schade, weil sie ein Teil unseres Lebens sind“, ärgert sie sich, dass vieles totgeschwiegen werde. „Es sollten sich mehr Leute damit auseinandersetzen. Warum können wir uns nicht offen darüber unterhalten?“

Zahlen:

- In Thüringen kommen laut Barmer GEK psychische Erkrankungen, allen voran depressive, bei Krankschreibungen bereits an dritter Stelle.

- Laut Robert-Koch-Institut berichten zehn Prozent aller Frauen und sechs Prozent der Männer, dass bei ihnen in den letzten zwölf Monaten eine Depression oder depressive Verstimmung bestand.

Bildband:

Nora Klein: „Mal gut, mehr schlecht“, Verlag Hatje Cantz, Texte von Sonja Hartwig, Gestaltung von Saskia Köhler, Unterstützer: Deutsche DepressionsLiga e.V., Barmer GEK und „Town & Country Stiftung

Vita Nora Klein (32):

1984 in Rostock geboren
2006 Mitarbeit Lattner Photographic Art
2010 Hospitanz Frankfurter Allgemeine Zeitung
seit 2010 freie Fotografin
2012 Studium an der „Danish School of Media and Journalism“ in Aarhus
2014 Bachelor an der Hochschule Hannover /Fotojournalismus und Dokumentarfotografie bei Professor Rolf Nobel

Ausstellung

7. bis 13. April im Kunsthaus Erfurt, Michaelisstraße 34 mit Führung am 8. und Buchdiskussion mit einem Betroffenen am 12. April

Informationen

www.malgutmehrschlecht.de
www.noraklein.de

Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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