Serie: Mein Museum
Uralte Pergamente und ein 28-Kilo-Schatz in der Alten Synagoge Erfurt

Das Brautpaar zeigt, wie die Vermählung ausgesehen haben könnte.
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  • Das Brautpaar zeigt, wie die Vermählung ausgesehen haben könnte.
  • Foto: Dirk Urban
  • hochgeladen von Michael Steinfeld

Die Alte Synagoge ist Baudenkmal, zeigt den Erfurter Schatz und thematisiert die Hebräischen Handschriften. Der Tipp kommt von Julia Roos, Museumspädagogin Kulturdirektion Geschichtsmuseen.

Was gibt es „Musehenswertes“?
Die Alte Synagoge ist mit ihren ältesten Bauteilen aus dem 11. Jahrhundert die älteste, bis zum Dach erhaltene Synagoge in Mitteleuropa. Hier ist 2009 ein außergewöhnliches Museum entstanden und ein Ort geschaffen worden, an dem mittelalterliche Sachzeugnisse der jüdischen Gemeinde Erfurts der Öffentlichkeit zugänglich sind. Zusammen mit der Dokumentation der Baugeschichte der Synagoge selbst sollen sie ein Schlaglicht auf die Geschichte der Erfurter Gemeinde werfen, die im Mittelalter eine herausragende Stellung in Europa innehatte.

Die Ausstellung der Alten Synagoge veranschaulicht die Geschichte der ersten jüdischen Gemeinde Erfurts. Im Hof sind Grabsteine des zerstörten mittelalterlichen Friedhofs zu sehen. Die Baugeschichte der Synagoge ist Thema im Erdgeschoss. Der Keller beherbergt den in der Nähe der Synagoge gefundenen Schatz, den ein Jude während des Pogroms von 1349 vergrub. Die Erfurter Hebräischen Handschriften werden im Obergeschoss thematisiert.

Gekommen, um zu bleiben?


Woran führt kein Weg vorbei?

Im Keller des Museums wird der sogenannte Erfurter Schatz ausgestellt, der höchstwahrscheinlich während des Pogroms von 1349 vergraben wurde - ein in Umfang und Zusammensetzung einmaliger Fund. Dieser Schatz wurde 1998 nach archäologischen Untersuchungen in unmittelbarer Nachbarschaft der Synagoge auf dem Grundstück Michaelisstraße 43/44 entdeckt. Er war unter der Mauer eines Kellerzugangs eingegraben. Der Schatz hat ein Gesamtgewicht von etwa 28 Kilogramm. Das herausragende Stück bildet ein goldener jüdischer Hochzeitsring aus dem frühen 14. Jahrhundert, der als Einzelstück von einer Vitrine in der Mitte des Ausstellungsraums beherbergt wird.

Außer der Reihe:
Bis zum 8. April zeigen wir im 1. Obergeschoss der Alten Synagoge die Sonderausstellung "Gekommen, um zu bleiben? Die zweite jüdische Gemeinde in Erfurt 1354 – 1454". Fünf Jahre nach dem Pogrom von 1349 bildete sich in Erfurt eine neue jüdische Gemeinde, die gut 100 Jahre das Leben der Stadt mit prägen sollte. Die Ausstellung erzählt ihre wechselvolle Geschichte und gibt Einblicke in das Leben der Menschen. Sie bringt die einhundertjährige reichhaltige, bisher kaum erforschte Geschichte der zweiten Erfurter jüdischen Gemeinde von 1354 bis 1454 wieder ins Bewusstsein. Die Sonderausstellung begleitet die Entwicklung der Gemeinde von der Neuansiedlung unter höchst unsicheren Vorzeichen über den Aufbau einer prosperierenden Gemeinschaft bis hin zur Abwanderung mit ungewissen Perspektiven nach dem Verlust des städtischen Schutzes.

Museum zum Anfassen:
An unserem "Blättertisch" im 1. Obergeschoss haben Besucherinnen und Besucher die einmalige Möglichkeit, in einer mittelalterlichen Hebräischen Bibel zu blättern. Die einzelnen Seiten sind zudem kommentiert und man wird auf Besonderheiten der Gestaltung, der Schrift oder des Aufbaus hingewiesen. Im Erdgeschoss zeigt unser digitaler Kartentisch die Entwicklung des jüdischen Quartiers in Erfurt bis zum Pogrom 1349 und die Veränderungen danach. Faszinierend ist zu sehen, dass Juden im Mittelalter in keinem abgeschotteten, rein jüdisch bewohnten Viertel lebten, sondern mitten in der Erfurter Altstadt, Tür an Tür mit christlichen Nachbarn.

Wechselvolle Geschichte

Ihr liebstes Stück?
Mein persönliches Lieblingsstück ist der Bucheinband der Erfurter Bibel 1, Band 2, den wir im 1. Obergeschoss zeigen. Die Erfurter Hebräischen Handschriften könnten nicht dauerhaft im Original präsentiert werden, da das Pergament darunter leiden würde. So sticht er als Original in der Präsentation der Faksimile umso mehr heraus. An ihm kann man zudem die wechselvolle Geschichte der Erfurter Hebräischen Handschriften ablesen: Im Pogrom von 1349 geraubt, lagen sie im Anschluss Jahrhunderte in der Ratsbibliothek und kamen im 17. Jahrhundert ins Augustinerkloster. In dieser Zeit wurden sie rege genutzt und gelesen. Darauf weisen handschriftlich zwischen die Zeilen eingefügte Übersetzungsversuche ins Lateinische und Deutsche hin. Im 19. Jahrhundert kamen die Handschriften dann nach Berlin, die die damalige Königliche Bibliothek. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Bibel "Erfurt 1" im Keller des Reichswirtschaftsministeriums eingelagert. Ein Bombentreffen löste einen Brand aus - das Feuer verursachte zusammen mit dem Löschwasser einen fatalen Schaden am zweiten Band. Erst über 50 Jahre später, im Jahre 1999, begannen Papierrestauratoren und -restauratorinnen damit, die verklebten Seiten voneinander zu trennen. Seitdem liegen die Seiten einzeln im Depot, der Bucheinband ist "überflüssig". Im Jahr 2011 stellte die Staatsbibliothek zu Berlin - Stiftung Preußischer Kulturbesitz uns den Einband als Dauerleihgabe zur Verfügung. Die Staatsbibliothek ist rechtmäßige Eigentümerin der Handschriften, dort werden sie konservatorisch betreut und wissenschaftlich ausgewertet.

Museum For You:
Unsere Ausstellungstafeln und Objektbeschriftungen sind grundsätzlich auf Deutsch und Englisch. Zudem bieten wir unseren Besucherinnen und Besuchern einen Multimediaguide an, der durch die Ausstellung führt. Dieser ist auf Deutsch, Englisch und Französisch zu haben. Informationsmaterial haben wir zudem auf Hebräisch und einmal im Quartal bieten wir eine russischsprachige Führung im Netzwerk "Jüdisches Leben Erfurt" an. Zudem können Gruppen Führungen in ganz unterschiedlichen Sprachen buchen, etwa Englisch, Russisch, Französisch oder Italienisch.

Sind auch Kinder museumsreif?
Selbstverständlich! Auf unserem Multimediaguide gibt es sogar eine extra Führung für Kinder. Hier führen ein älterer Herr und der freche Drache Fridel durch das Museum. Der Drache stellt immer wieder knifflige Fragen, die die Kinder dann über den Bildschirm des Geräts beantworten können. Für ältere Kinder haben wir zudem eine spannende Detektivtour durch das Museum. Ausgestattet mit Lupe und Kompass müssen auch hier Fragen beantwortet werden, um ein Lösungswort herauszubekommen. Wer dies schafft, bekommt im Anschluss eine kleine Überraschung per Post. Zu Sonderausstellungen oder im Rahmen besonderer Aktionen bieten wir auch immer wieder Führungen speziell für Kinder und Familien an.

Toller Museumshop

Museumrundgang:
Bei uns ist beides möglich. Sie können selbstständig durch das Museum gehen und hierfür an der Kasse einen Multimediaguide oder einen Ausstellungsführer in Buchform – bzw. einen Detektivrucksack – leihen. Der selbstständige Rundgang dauert je nach Interesse 45 bis 90 Minuten. Für Gruppen bieten wir unterschiedliche Führungsformate an – von einer 60 Minuten Überblicksführung bis hin zu dreistündigen Führung, die nicht nur die Alte Synagoge, sondern auch die mittelalterliche Mikwe und die Begegnungsstätte Kleine Synagoge umfasst. An jedem Samstag um 11.15 Uhr gibt es zudem eine öffentliche Führung, der sich Einzelbesucher ohne Anmeldung oder zusätzliche Kosten anschließen können.

Museum zum Mitnehmen:
Wir haben einen tollen Museumsshop! Dieser beinhaltet in erster Linie Publikationen rund ums Judentum und die jüdische Geschichte Erfurts. Die Palette reicht von spezifischen Fachbüchern, über historische Romane bis hin zu unserer populärwissenschaftlichen und schön bebilderten "kleinen Reihe". Daneben gibt es Magnete mit Motiven des Erfurter Schatzes, Notizbücher, Schmuck und Postkarten. Für die kleinen Museumsbesucher haben wir Button und einen Bastelbogen sowie einen Kindermuseumsführer im Angebot.

Das muss gesagt werden:
Die baulichen Zeugnisse der bedeutenden jüdischen Gemeinde aus der Zeit zwischen dem ausgehenden 11. und der Mitte des 14. Jahrhunderts alleine sind einmalig. Ergänzt und aufgewertet werden sie durch eine weltweit einzigartige Fülle von Sachzeugnissen, die gemeinsam Aufschluss über das jüdische Gemeinde- und Alltagsleben sowie die Koexistenz von Juden und Christen in mittelalterlichen Städten bieten – in einer Komplexität, die mit keiner bekannten Stätte vergleichbar ist. Aus diesem Grund hat sich die Thüringer Landeshauptstadt Erfurt entschieden, für ihr jüdisches Erbe des Mittelalters den Titel "Unesco-Welterbe" anzustreben. 2014 wurde die Stätte "Alte Synagoge und Mikwe in Erfurt - Zeugnisse von Alltag, Religion und Stadtgeschichte zwischen Kontinuität und Wandel" auf die deutsche Vorschlagsliste für künftige Welterbestätten aufgenommen. Das heißt, dass der Antrag auf Aufnahme in die Welterbeliste der Unesco in einigen Jahren offiziell eingereicht werden darf.

Zur Sache
Alte Synagoge Erfurt

Waagegasse 8,
99 084 Erfurt

Öffnungszeiten:
Von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.
An jedem Samstag um 11.15 Uhr gibt es eine Führung, der sich ­Besucher ohne Anmeldung oder Kosten anschließen können.

Kontakt:
Telefon: 03 61 / 6 55 16 08,
altesynagoge.presse@erfurt.de,
juedisches-­leben.erfurt.de

Alle Museen der Serie finden Sie hier als übersichtliche Karte und hier auf unserer Themenseite.

Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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