Serie: Nur eine Frage...?
Warum sagt man „jemand hat den ­Löffel abgegeben“, Herr Földes?

Den Löffel abgeben...
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Es antwortet:

Prof. Dr. Dr. Csaba Földes, Inhaber des Lehrstuhls für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erfurt und Leiter der Forschungsstelle für Interkulturalität und Mehrsprachigkeit. Infos: www.foeldes.eu


R
edewendungen
- oder wie sie in der Fachsprache der germanistischen Sprachwissenschaft heißen: Phraseologismen oder Phraseme - verwendet man vor allem, um sein Redeprodukt abwechslungsreicher, ausdruckskräftiger und bildhafter zu gestalten. Unter Phraseologismen werden Ausdrücke verstanden, die mindestens aus zwei Elementen bestehen und deren Gesamtbedeutung sich nicht (ganz) aus der Summe der Bedeutung der einzelnen Komponenten ergibt.

    So bedeutet die saloppe Redewendung jemanden in die Pfanne hauen, jemanden verbal besiegen/durch Kritik vernichten/verraten; jemandem schaden und hat nichts mit der Bedeutung von Pfanne und hauen zu tun. Viele Phraseologismen, so auch die hier in Frage stehende Redewendung, haben vor allem die Funktion, die Aussage zu intensivieren und anschaulicher zu machen. Das geschieht mit einer Metapher - unter Zuhilfenahme einer Analogie, eines Vergleichs.

­ So wird Sterben in der seit dem 19. Jahrhundert geläufigen umgangssprachlichen Wendung den Löffel abgeben/hinlegen/fallen lassen/wegschmeißen mit dem Bild vom Weglegen des Löffels umschrieben. Der Löffel steht in diesem Ausdruck für die lebensnotwendige Tätigkeit des Essens: Er wird nach jeder Mahlzeit - und einmal auch zum letzten Male - hingelegt. Bereits in Johann Fischarts legendären Buch "Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung" aus dem Jahre 1575, das als eines der ersten großen Sprachexperimente in deutscher Sprache gilt, heißt es in diesem Sinn: "Es entful jhm der Löffel" (Es entfiel ihm der Löffel).

     Während das einfache Verb sterben unanschaulich ist, da es etwas Momentanes und  einen körperinterner Vorgang darstellt, ist die Wendung den Löffel abgeben überaus anschaulich, da es einen Prozess markiert und etwas Beobachtbares, Äußer­liches beschreibt.

 Außerdem war der Löffel nicht nur ein sinnfälliges Bild der Vitalfunktion ,essen‘ und vielerorts auf dem Land individueller und kostbarer Besitz jedes Essers, der ihn nach Gebrauch abwischte und auf das geschnitzte Löffelbrett an der Wand aufsteckte, sondern er ist auch Rechtss­ymbol des Besitzers.

 Der Einsatz des jeweiligen Verbs kann ja nach Art des Sterbens variieren: fallen lassen legt so nahe, dass der Tod überraschend und plötzlich kam, während wegschmeißen darauf hindeutet, dass einem das Leben entweder lästig geworden ist und man daher den Freitod gewählt hat oder aber, dass die Sache, für die man gestorben ist, des Opfers nicht wert war.

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Autor:

Thomas Gräser aus Erfurt

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