Bastian Sick vor seinem Auftritt in Erfurt im Interview
Der Genitiv lebt!

Bastian Sick ist weiter als als Bewahrer der guten und korrekten Sprache unterwegs, Mitte März kommt er nach Erfurt.
  • Bastian Sick ist weiter als als Bewahrer der guten und korrekten Sprache unterwegs, Mitte März kommt er nach Erfurt.
  • Foto: Till Gläser
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Wie schmecken 'panische Orangen'? Und wie schwer ist wohl das Brautkleid mit den 'Paletten im Brustbereich'? Wer die Tücken der Sprache kennt, der weiß: Schon ein Buchstabe kann alles verändern... Bastian Sick ist Bewahrer und glühender Verfechter der deutschen Sprache und stürmte mit seinen Büchern "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" die Bestsellerlisten. Auch seine "Happy Aua"-Reihe hat längst Kultstatus erreicht. Der sechste Band "Schlagen Sie dem Teufel ein Schnäppchen" ist wieder prall gefüllt mit den unglaublichsten Fundstücken aus dem Sprachalltag. Bevor er mit seinem gleichnamigen Programm am 16. März nach Erfurt kommt, steht er Rede und Antwort:  

Wie geht es dem Genitiv?

Er lebt! Aber er ist nach wie vor bedroht, weil die allgemeine sprachliche Entwicklung dahin geht, dass man versucht, ohne Beugungen auszukommen. Nicht nur der Genitiv hat Probleme, auch der Akkusativ wird häufig 'abgeschliffen'. Der Genitiv ist vor allem ein Kasus der Bildungssprache, nicht der Volkssprache. Deshalb findet man in auch in keinem Dialekt. Und es gäbe ihn vielleicht nicht einmal mehr in der Hochsprache, wenn Luther und seine Bibelübersetzung nicht gewesen wären. Denn bei Luther kam der Genitiv noch sehr häufig vor. Und weil sich seine Bibelübersetzung über viele Jahrhunderte gehalten hat und maßgeblich unser Hochdeutsch prägte, hat der zweite Fall überhaupt nur bis heute überleben können. Sonst wäre er womöglich - wie im Englischen oder im Niederländischen - schon viel früher verschwunden.

Wie geht es der deutschen Sprache denn im Allgemeinen?

Der deutschen Sprache geht es wunderbar. Sie beweist immer wieder, wie vielseitig und wie anpassungsfähig sie ist.

Haben Sie den Eindruck beim Blick ins Internet auf Facebook, Twitter, Ebay und Co., dass noch viel zu tun ist, dass Sie noch eine Weile gebraucht werden?

Ganz bestimmt. Wobei es keine Rolle spielt, wie wir privat mit unserer Sprache umgehen. Was auf Facebook, in SMS, Whatsapp, auf Postkarten und Einkaufszetteln steht, ist Privatsache. Da kann jeder so schreiben, wie er will. Meine Beobachtung richtet sich auf den professionellen Gebrauch der Sprache. Überall dort, wo die Sprache eingesetzt wird, um damit Aufmerksamkeit zu erzielen und Geld zu verdienen, sei es in der Werbung, im Journalismus oder im Einzelhandel. Dort erwarte ich ein professionelles Verhalten. Dazu gehört, dass man im Zweifelsfall nachschlägt oder einem Korrekturleser vertraut. Das tun heute eben viele nicht mehr, auf Endkontrolle wird verzichtet sowohl bei den Zeitungen als auch in der Werbung. Wer sich der Sprache beruflich bedient und sie dabei so nachlässig behandelt, der muss es sich auch gefallen lassen, wenn er in einem meiner Bücher landet.

Gibt es Fehler, bei denen Ihnen das Lachen vergeht?

Die einfachen Fehler, die ärgerlich sind, wenn zum Beispiel jemand nicht weiß, wann er 'das' mit einfachem oder doppeltem 's' schreibt und den Unterschied überhaupt nicht kennt. Oder wenn man 'seid' und 'seit' liest, das findet man oft falsch geschrieben. Oder wenn eine Werbung verspricht 'Wir machen Ihre Träume war' - dann lässt einen das einfach nur erschauern. Aber die meisten Fehler, die sich in meinem "Happy Aua"-Büchern finden, sind ja eher lustig. Etwa, wenn durch das Weglassen eines Buchstabens ungewollt ein neuer Sinn entsteht, wenn aus der hautstraffenden Körperlotion eine "hautstrafende Körperlotion" wird.

Muss man wirklich alles mitmachen, beispielsweise von 'Mitgliederinnen' oder "Karnevalsmuffelinnen' sprechen?

Hier sind wir wieder bei einem anderen Thema, der sogenannten Genderisierung der Sprache. Das ist für viele ein großes Reizthema. Die Frauenbewegung hatbes zum Politikum erhoben und tatsächlich auch erreicht, dass an vielen Universitäten heute vieles zwangsweise geschlechtsneutral oder in männlicher und weiblicher Form erscheinen muss. Studenten und Studentinnen wurden zu Studierenden zusammengefasst. Das Hamburger Studentenwerk nennt sich jetzt tatsächlich "Studierendenwerk". Das ist eine Vermurksung unserer Sprache. Denn ‚studierend' ist ein Partizip, Studierende sind nicht unbedingt dasselbe wie Studenten. Studierend ist man nur in dem Moment, in dem man wirklich studiert. Student aber ist ein Lebenszustand. Das ist wie mit dem Hörer und dem Hörenden. Jemand, der gerade zuhört, ist ein Hörender. Aber der Hörer ist der Radiohörer, den man auch dann noch als Hörer rechnen kann, wenn es gerade keine Sendung gibt. Das ist eben ein feiner Unterschied in der Sprache, der hier weggeschliffen wurde, um ein neues Wort zu schaffen, das angeblich geschlechtsneutral ist. Ich bin immer sehr skeptisch, wenn Politik auf die Sprache Einfluss zu nehmen versucht und uns vorschreiben will, wie wir zu sprechen haben. Das sind Wesenszüge einer Diktatur.

Warum sind Sie nicht Lehrer geworden?

Dann könnten wir jetzt nicht miteinander sprechen, weil ich im Unterricht wäre. Ich finde es schöner, über meine Zeit selbst verfügen zu können. Ich habe tatsächlich mal auf Lehramt studiert. Nebenbei habe ich dann die bunte Welt des Verlagswesen kennengelernt. Ich hatte als Student einen wunderbaren Job als Korrekturleser beim Hamburger Carlsen-Verlag, der Comics wie "Tim und Struppi" oder "Die Schlümpfe" herausbrachte, die ich schon seit meiner Kindheit kannte und liebte. Nun wurde ich fürs Comiclesen bezahlt! Das war traumhaft. Ich habe noch verschiedene Praktika gemacht und bin dann schließlich beim "Spiegel" gelandet. Dort bekam ich nach einigen Jahren meine Kolumne, den "Zwiebelfisch". Aus der wurde wiederum ein Buch, "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", das zu einem Bestseller wurde. Das hat mich letztlich an die Schulen zurückgebracht, denn viele Lehrer setzen meine Texte im Unterricht ein. Gelegentlich mache ich auch Lesungen an Schulen. Die Schüler haben da immer viel Spaß.

Bemühen sich Menschen im Gespräch mit Ihnen um besonders korrektes Deutsch?

Ich glaube schon. Die, die mich nicht kennen und nur das Bild des gestrengen Deutschlehrers im Kopf haben, sind im ersten Moment oft eingeschüchtert und versuchen, genau zu überlegen, was sie sagen. Wer mich aber besser kennt, so wie all meine Freunde, meine Familie, weiß, dass er bei mir keine Hemmungen zu haben braucht und reden kann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Unterlaufen Ihnen auch Fehler?

Aber selbstverständlich! Ich bin auch nur ein Mensch und alles andere als perfekt. Ich bin kein Sprachpolizist oder Grammatiksheriff, auch wenn mir dieses Etikett gelegentlich von der Presse verliehen wird. Ich bin auch kein Besserwisser. Denn das ist ja einer, der sein Wissen anderen ungefragt aufdrängt. Ich dränge mich nicht auf, beantworte zwar sehr gern Fragen, aber nur, wenn sie mir gestellt werden. Dann ist man eher ein Ratgeber.

Haben Sie Lieblingswörter?

Es gibt viele Wörter, die ich sehr gern mag. So habe ich mal eine Wortpatenschaft übernommen für das Wort 'einander'. Das ist ein sehr schönes Wort, das die Wechselseitigkeit in der Beziehung ausdrückt, viel besser als das 'sich'. Wenn man irgendwo liest 'Zwei Menschen, die sich lieben', dann sagt das nicht unbedingt aus, dass sie einander lieben. Das könnten auch zwei Menschen sein, die sehr egomanisch, selbstverliebt sind. Ein schönes Beispiel gibt es auch aus dem Wahlkampf damals - Gerhard Schröder gegen Edmund Stoiber. Da hieß es in der Presse: 'Beide Kandidaten hielten sich für unfähig, das Land zu regieren.'

Wahrscheinlich hatten sie damit recht...

Es wäre wohl klarer gewesen, wenn da gestanden hätte, beide Kandidaten hielten einander für unfähig...

Woran arbeiten Sie derzeit?

An einem weiteren Quizbuch. Ich habe schon eines geschrieben mit dem Titel "Wie gut ist Ihr Deutsch?". Davon gibt es bald eine Fortsetzung, die im Frühjahr nächsten Jahres erscheinen wird.

Worauf darf sich das Thüringer Publikum bei Ihrem Auftritt in Erfurt freuen?

Auf einen sehr unterhaltsamen und geistreichen Abend unter dem Titel "Schlagen Sie dem Teufel ein Schnäppchen". So heißt auch mein neuestes Buch, und daraus gibt es einige sehr delikate Kostproben. Dazu gibt es Geschichten aus allen Bereichen der Sprache. Es geht um den Konjunktiv, das Aneinanderreihen von zusammengesetzten Wörtern, um Anglizismen und natürlich um den Genitiv, der immer häufiger durch eine Konstruktion mit 'von' ersetzt wird. Zeitungsüberschriften wie "Kritiker von Putin erschossen" (statt 'Kritiker Putins erschossen') oder "Sicherheitsbeamter von Gauck beklaut" (statt "Sicherheitsbeamter Gaucks beklaut") sind doppeldeutig und daher ungeschickt. Wenn die Presse schon anfängt, dem guten alten Genitiv nicht mehr zu trauen und ihn lieber mit 'von' umschreibt, dann ist das besorgniserregend.

Termin:

Bastian Sick "Schlagen Sie dem Teufel ein Schnäppchen": Freitag, 16. März, 20 Uhr, Dasdie Brettl Erfurt. Karten: 0361/551166.

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