Christine Anna Pfeifer möchte nie mehr zurück ins deutsche Schulsystem
Ein Jahr als Lehrerin in Ägypten

Zurück in der Heimat genießt Christine Anna Pfeifer die Erinnerungen an ein intensives, ungewöhnliches Jahr als Lehrerin in Kairo.
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Sie erinnert sich, als sei es erst ein paar Tage her: Sie sitzt mit gepackten Koffern im Zug, von dort geht es zum Flughafen. Sie ist auf dem Weg in eine neue, unbekannte Welt, die ein ganzes Jahr lang ihr Zuhause sein würde. Nach Kairo will sie gehen, als Lehrerin.

"Ich war voller Euphorie und auch ein wenig Abenteuerlust", beschreibt Christine Anna Pfeifer das Gefühl vom vergangenen August. "Und es war ein echtes Abenteuer", bestätigt sie heute, zwölf Monate später, zurück zu Hause in Weimar, entspannt zurückgelehnt in einem kleinen Café.

Diese entspannte Gelassenheit hat sie mitgebracht aus dem vertraut gewordenen fremden Land. Da gab es zuvor Zeiten, da erging es der heute 55-Jährigen gänzlich anders. Innerhalb von zehn Jahren wurde die Mathematik- und Physiklehrerin in acht Schulen eingesetzt. Nichts für sie, die ihren Job mit Leib und Seele macht. "Ich möchte eine Beziehung zu meinen Schülern aufbauen", sagt sie über ihren Anspruch an die Arbeit. Für eine solche Beziehung braucht es mindestens ein halbes Jahr, sie stabil zu halten und wachsen zu lassen noch viel länger. Bevor es dazu kommen kann, muss Lehrerin Pfeifer schon wieder die Schule wechseln. "Das kostet alles viel Mühe und Kraft", macht sie immer wieder aufs Neue die Erfahrung. Irgendwann kann und will sie nicht mehr, ist am Ende ihrer Kraft. "Ich bin nicht der Typ, der gegen das eigene Ich arbeitet", erklärt sie ihre Kündigung von vor zwei Jahren.

Sie möchte Lehrerin sein

Untätigkeit liegt ihr nicht. Sie möchte weiter Lehrerin sein. Wissen vermitteln, sagt sie, sei ihr A und O. Als sie davon erfährt, dass die Deutsche Schule im ägyptischen Kairo für ein Jahr Lehrer sucht, bewirbt sie sich. Ein Jahr, das ist überschaubar. Obwohl es ihr, dem ausgesprochenen Familienmenschen, nicht leicht fällt, die Lieben allein zu lassen. Ihren Mann, ihre betagte Mutter, die sieben Enkel, die ganze bunte Patchworkfamilie, die Geschwister. Sie bekommt viel Zuspruch, manche haben auch Bedenken. "Ich hatte nicht einmal das Gefühl der Angst", erzählt Anna Christine Pfeifer von ihren Gefühlen vor und während ihrer Zeit in Kairo.

Vom ersten Tag an fühlt sie sich willkommen. Vor allem bei ihren neuen Schülern, den anderen Lehrern. Plötzlich ist es ganz anders, vor einer Klasse zu stehen und zu unterrichten. Dort sei eine andere Atmosphäre, mit der in Deutschlands Schulen nicht zu vergleichen. In der Schule, die 30 Kilometer von Kairos Zentrum entfernt ist, unterrichtet Christine Anna Pfeifer fast nur ägyptische Kinder, alles in deutscher Sprache, mit vollgepacktem Stundenplan und hohen Anforderungen. Ihre Schüler sind aufmerksam, wollen unbedingt lernen, nehmen ernst, was die Lehrerin sagt. Selbst für Ermahnungen sind sie dankbar, zeigen sie ihnen doch, was sie besser machen können. Auch die Eltern sind nicht gegen die Lehrer, sie versuchen gemeinsam, den Nachwuchs voranzubringen. "Deutsche haben eine ganz andere Ausstrahlung, da ist immer eine unterschwellige Anspannung da", kennt sie den Unterschied zur Heimat. Vom Benehmen der Kinder ganz abgesehen. Junge Menschen in diesem Alter haben natürlich überall die gleichen Probleme, weiß die Lehrerin. Aber dort sei der Umgang untereinander ein anderer, selbst für einen schlechten Vortrag eines Schülers gibt es von den Mitschülern Respekt anstelle von Spott.

Jeder Tag eine Bestätigung

Jeder einzelne Schultag in Ägypten ist für die Lehrerin aus Weimar eine erneute Bestätigung: "Mein Beruf ist der richtige." Noch nie habe sie bis dahin eine solche Akzeptanz und Bestätigung als Lehrer und als Perönlichkeit an sich erlebt. "Das ist einfach unglaublich." Noch heute zehrt sie auch davon, einiges von Ägypten gesehen zu haben, von den gemeinsamen Unternehmungen mit den Lehrerkollegen, den neuen Freundschaften und davon, viele Einheimische kennengelernt zu haben, die weltoffen und sehr gastfreundlich sind. Am meisten aber vermisst sie ihre Schüler. Die wollten sie gar nicht nach Hause gehen lassen. "Am liebsten würde ich die ganze Schule herbeamen. Wir haben uns eine ganze Woche lang verabschiedet", erzählt die Lehrerin ein wenig wehmütig. Sie ist glücklich, das alles erlebt zu haben. Sie hat es richtig gemacht.

"Manchmal wünsche ich mir für meine Lehrerkollegen in Deutschland auch diese Akzeptanz, eine solche Anerkennung ihrer Arbeit", formuliert sie einen großen Wunsch. Dass sie selbst nie wieder in das deutsche Schulsystem zurückkehrt, steht für sie fest. Dort herrsche kein guter, fairer Umgang mit den Menschen. Auch, wenn Christine Anna Pfeifer derzeit ohne Arbeit ist, ist sie guter Dinge. Am liebsten wäre es ihr natürlich, wieder als Lehrerin zu arbeiten. Doch erst einmal muss sie Zeit mit ihrer Familie nachholen, Enkel Nummer acht ist angekündigt. Und dann, eines Tages, möchte sie wieder ins Ausland, für ein paar Monate. "Vielleicht, wenn ich dann Rentnerin bin, als Seniorexpertin."

Autor:

Helke Floeckner aus Erfurt

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