Interview mit Geschäftsführer Dr.  ­Walter Höltermann
Ein Stück Heimat: Die Studentenverbindung Wingolf feiert ihr 77. Wartburgfest

Die Mitglieder des Wingolfs pflegen gern das Brauchtum: Eine Mütze und ein Band mit der Farbe der Verbindung ­gehört zur Tracht.
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  • Die Mitglieder des Wingolfs pflegen gern das Brauchtum: Eine Mütze und ein Band mit der Farbe der Verbindung ­gehört zur Tracht.
  • Foto: Oliver Schiecher / Hallenser Wingolf
  • hochgeladen von Michael Steinfeld

Seit 175 Jahren gehört die ­Studentenverbindung ­Wingolf zu ­Thüringen. Ab morgen feiert sie ihr 77. Wartburgfest in Eisenach. AA-Redakteur ­Michael Steinfeld sprach mit Dr.  ­Walter Höltermann, ­Geschäftsführer des Wingolfs.

Ihr Wahlspruch lautet „Durch Einen Alles“. Was meinen Sie damit?

Wir leben auf dieser Welt in Zusammenhängen – mit unserer Umwelt, mit unseren Mitmenschen – die uns sehr wichtig sind. Darüber hinaus haben wir eine Beziehung, die transzendental ist und die über unsere irdische Existenz hinausgeht. Da glauben wir an Gott und dass er uns in dieser Welt hält und auch zusammenhält. Im Glauben an Gott, vor allem in seiner irdischen Gestalt Jesus Christus, begegnet uns das, was uns in dieser Welt verbindet und zusammenhält, uns leitet und führt.

1844 trafen sich in Schleiz 29 Studenten, um die ­Studentenverbindung zu gründen. Wie viele ­Mitglieder zählen Sie heute?
Es gibt die aktiven Studenten und die alten Herren, die ihr Studium beendet haben und die wir Philister nennen, in der Altherrenschaft. Wir haben etwa 700 aktive Studenten zurzeit in 32 Verbindungen, die an den verschiedenen Universitätsstandorten in Deutschland, Wien und Dorpat in Estland beheimatet sind. Wir haben knapp 4000 alte Herren, die sich über ganz Deutschland und im Ausland verstreuen. In Thüringen gibt es in Jena und Erfurt Verbindungen.

Sie feiern das Wartburgfest alle zwei Jahre nicht im elitären Kreise, ­sondern gemeinsam mit den ­Eisenachern. Warum ist Ihnen dies so wichtig?
Es ist uns wichtig, weil ihre eine langjährige Verbindung mit dieser Stadt haben. Wir fühlen uns auch in dieser Stadt beheimatet.

Wir feiern unser Bundesfest alle zwei Jahre. Das erste haben wir 1850 gefeiert. Es war immer so, dass wir uns in dieser Stadt beheimatet gefühlt haben. Wenn man nur alle zwei Jahre zu Gast ist, ist es etwas schwierig, diese Kontakte aufrecht zu erhalten. Aber wir versuchen, sie auch immer wieder neu zu beleben. Einmal sind wir durch unser Wingolf-Denkmal mitten in der Stadt ganz gut präsent. Dann haben wir durch die Georgenkirche eine gute Beziehung zumindest mit Teilen der Stadt. Wir halten auch gute Beziehungen zur Stadtverwaltung und zur politischen Führung der Stadt aufrecht.
Wir hatten schon einen Frühschoppen organisiert, der aber nicht so recht von der Bevölkerung angenommen wurde. Dieses Mal möchten wir mit einer Serenade am Samstagnachmittag Kontakte zur Bevölkerung herstellen. Gemeinsam zu singen, ist ja zunächst viel einfacher, als gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Über den Gesang kommt man dann vielleicht ins Gespräch.

Sie sind aber keine singende Verbindung – oder?
Wir sind keine Sängerschaft. Aber wenn wir zusammen sind, singen wir auch gerne und viel. Wir haben unser eigenes traditionelles Liedgut. Es treffen sich Menschen, die sich noch nicht kennen oder lange nicht mehr gesehen haben. Über den Gesang ist sehr schnell immer ein guter Kontakt hergestellt.

Brauchtumspfleger

Tradition wird bei Ihnen generell groß geschrieben.
Wir pflegen die traditionellen Formen studentischen Lebens und verstehen uns ein wenig als Brauchtumspfleger. Bei festlichen Anlässen tragen die Vorsitzenden der Verbindungen die alte studentische Tracht, wie sie Anfang des 19. Jahrhunderts üblich war. Als Erkennungszeichen tragen wir eine farbige Mütze und ein Band mit der Farbe der Verbindung. Man würde das heute nicht unbedingt benötigen, aber wir bewahren die Verbindung zu vorherigen Generationen. Von denen übernehmen wir nicht nur die äußeren Zeichen, sondern auch innere Werte, die wir von unseren Vätern und Großvätern übernehmen, weiter pflegen und entwickeln. Das Äußere und das Innere muss man in einem Gesamtzusammenhang sehen.

Wie sieht derzeit das Verbindungsleben aus?
Wie autoritär geht es bei Ihnen zu?

Bei uns geht es nicht autoritär, sondern sehr demokratisch zu. Wir versuchen, den Studenten Werte zu vermitteln und was man unter dem neudeutschen Begriff „Soft Skills“ zusammenfasst.

Was in unseren Verbindungen stattfindet, sei es bei den Aktiven oder in der Altherrenschaft, findet nach denokratischen Prinzipien statt. Wir haben Konvente, also Versammlungen, auf den das Zusammenleben demokratisch beschlossen wird. Da lernt man auch, sich der Mehrheit unterzuordnen und sein Minderheitenvotum deutlich zu machen. Das sind die Auseinandersetzungen, die in einem Rahmen geführt werden, den die Satzung auch vorgibt.

Wir vermitteln unseren jungen Brüdern, wie sie sich in dieser Welt behaupten können, wie sie ein Selbstwertgefühl entwickeln können und wie sie öffentlich auftreten können. Aber natürlich immer im Zusammenhang mit der Gemeinschaft und mit den anderen. Uns ist wichtig, dass man nicht nur Ideen im Kopf entwickelt, sondern sie auch vortragen kann. Sie lernen auch, Gemeinschaft zu organisieren – nicht nur die eigene Verbindung. Zum Beispiel wird das Wartburgfest von einem aktiven Bund, der für das Jahr den Vorsitz hat, organisiert und durchgeführt. Über die Inhalt und Werte finden Workshops, Vorträge und Auseinandersetzungen statt. Eine Frage ist zum Beispiel, ob man getauft sein muss, um Mitglied der christlichen Studentenverbindung Wingolf zu sein. An so eine Frage arbeiten wir uns ab.

Sie ist also nicht so leicht zu beantworten?
Für mich persönlich schon. Aber innerhalb des Bundes ist es eine Frage, die immer wieder diskutiert wird – auch kontrovers. Durch die Wiedervereinigung hat dies natürlich wieder einen ganz neuen Input gekriegt.

Keine Seilschaften

Wie sind auch ehemalige Studenten noch im Netzwerk mit aktuellen Studenten verbunden? Und wie gehen Sie mit Seilschaften-Kritik um?
Es begleitet uns immer wieder, dass wir gegenseitig etwas protegieren. Wenn sich bei mir als Chefarzt eines mittelgroßen Krankenhauses ein Bundesbruder bewirbt, hat er meine besondere Aufmerksamkeit. Aber wenn er sich nicht als konkurrenzfähig erweist, werde ich ihn nicht einstellen, nur weil er Bundesbruder ist. Das relativiert sich von selbst. Das lässt sich heutzutage auch gar nicht mehr umsetzen. Klar, die Kontakte erweitern sich durch eine Mitgliedschaft im Wingolf. Aber eine Seilschaft lässt sich nicht realisieren.

Warum ist es ein reiner Männerbund?
Das ist eine delikate Frage insofern weil dieses Männerbundprinzip in den 1970er-Jahren im Zuge der sogenannten Studentenrevolutionen in Frage gestellt wurde. Es gab zwei Verbindungen in Hannover und Göttingen, die auch Studentinnen aufgenommen haben, mittlerweile aber nicht mehr. Der Reiz eines reinen Männerbundes ist ein anderer. Ich kenne es von den Gesangvereinen – ein reiner Männerchor ist auch etwas anderes als ein gemischter Chor. Die Gemeinschaft unter den Geschlechtern hat eine andere Atmosphäre, man geht anders miteinander um. Von der Gründung her entstand ein Männerbund, weil es zu dieser Zeit noch gar keine Studentinnen gab. Das wurde lange so beibehalten. Der Versuch, die zu ändern, hat sich nicht durchgesetzt.

Haben Sie damit zu kämpfen, mit der Deutschen Burschenschaft, die für viele als Sammelbecken für Rechtsextreme gilt, in einen Topf geworfen zu werden?
Das empfinden wir als sehr belastend. Wir waren über Jahrzehnte hinweg im Konvent deutscher Akademikerverbände auch mit den Burschenschaften in einer lockeren Arbeitsgemeinschaft. Wir haben diese Gemeinschaft schon vor einigen Jahren verlassen wegen der Deutschen Burschenschaft und ihren politischen Ansichten, die zum Teil im Rechtsextremen angesiedelt sind. Dies gilt nicht für alle Burschenschaften, die sich mittlerweile aus diesen politischen Gründen aufgespalten haben.

Dass wir mit ihnen in einen Topf geworfen werden, bedauern wir sehr. Überhaupt, dass es kaum wahrgenommen wird, dass es eine ganze Bandbreite gibt von studentischen Verbindungen: konfessionellen, Sängerschaften, Landsmannschaften und Burschenschaften. Alle unterscheiden sich und haben eine unterschiedliche Ausrichtung. Das empfinden wir schon als Belastung, dass man immer wieder erklären muss: Nein, wir sind keine Burschenschaft. Das versetzt einem immer wieder einen Stoß, weil wir zu den rechtsextremen Strömungen natürlich gar keine Affinität haben.

Als Mensch aufgenommen

Wie ist derzeit das Ansehen der Studentenverbindungen? Haben Sie Nachwuchsprobleme?
Wenn ich mal von der Marburger Studentenszene ausgehe: Bis Mitte der 60er-Jahre hatten die Studentenverbindungen hohe Ansehen. Im Zuge der sogenannten Studentenrevolution ist das rapide gesunken. Viele Verbindungen kamen in eine Sinnkrise. Das ist allerdings überwunden. Wir haben seit den 90er-Jahren recht stabile Mitgliederzahlen. Wir haben auch bei uns - im Gesamtkontext der Bevölkerungsentwicklung - eine auf dem Kopf stehende Alterspyramide.

Warum sind Sie Mitglied im Wingolf geworden? Woran erinnern Sie sich persönlich am liebsten aus Ihrer Studentenzeit?

Das ist eine sehr interessante Frage. Ich habe Medizin in Marburg studiert, vorher in Osnabrück Agrarwissenschaften. Durch Zufall kam ich mit dem Wingolf in Kontakt. Da haben mich die Mitstudierenden völlig vorurteilsfrei aufgenommen. Ich kam aus einer linken studentischen Szene, wo man nur mit Vorurteilen gespickt war und nur Feindbilder hatte. Beim Wingolf, habe ich festgestellt, wirst du einfach als Mensch aufgenommen und akzeptiert, nicht unter gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten. Diese hohe menschliche Zuneigung hat mich davon überzeugt, zu erkennen, es gibt noch etwas anderes auf dieser Welt. Ich habe mich vollkommen neu orientiert. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit, des Angenommenseins hat sich über all die Jahre erhalten. Die gesellschaftliche Position spielt gar keine Rolle. Man ist einfach Bundesbruder und dabei. Alle haben einen Wertekanon, einen moralischen Referenzrahmen, wo man sich gut einfinden kann. Das ist mir persönlich wichtig. Das hält über die Jahre hinweg und bleibt brauchbar.

Termin:
77. Wartburgfest der Studentenverbindung Wingolf, 30. Mai bis 2. Juni, am Samstag wird von 16 bis 17 Uhr das Bläserensemble der Wingolfs auf dem Marktplatz volksnahe Weisen zum Mitsingen spielen.

Die Mitglieder des Wingolfs pflegen gern das Brauchtum: Eine Mütze und ein Band mit der Farbe der Verbindung ­gehört zur Tracht.
Dr.  ­Walter Höltermann, ­Geschäftsführer des Wingolfs
Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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