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Ein Wohnzimmer macht Appetit

Wo: Tannroda, Bad Berka auf Karte anzeigen
Meisterlich: Harald Cyriax hat gut lachen in seiner Wohn-Back-Stube in Tannroda.     Foto: Thomas Gräser
Meisterlich: Harald Cyriax hat gut lachen in seiner Wohn-Back-Stube in Tannroda. Foto: Thomas Gräser
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Bäckermeister im Ruhestand Harald Cyriax (75) schaut neben seinem Holzbackofen Fernsehen

Von Thomas Gräser

Zwar möglich, aber kaum vorstellbar: Ein Schmelzer zieht an seinen Hochofen oder ein Lackierer in seine Werkstatt. Doch Bäckermeister Harald Cyriax (im Ruhestand) aus Tannroda setzte es in die Tat um: Mit Ehefrau Renate richte­te er sich in der einstigen Back­stube ein Wohnzimmer ein.

Neben dem alten Backofen von 1979 zieren Kamin, Kamin­ofen, Couchgarnitur, Sessel, Tische, Stühle, Schränke, Regale und Flachbildfernseher den rund 40 Quadratmeter großen Raum. Hier schaut man doppel­deutig gemütlich in die "Röhre". DDR-Fliesen an den Wänden verleihen dem Ort neben den mächtig scheppernden Backofen­klappen Authentizität. Ein noch zarter Geruch von Sauerteig und Mehl scheint bei Besuchern Appetit zu machen.  

Doch bevor es hier gemütlich wurde, stand Harald Cyriax 53 Jahre lang, an sechs Tagen in der Woche, um drei Uhr morgens auf, um zwölf Stunden im kleinen 2-bis-3-Mann-Frau-Familien-Betrieb mit zwei Verkäuferinnen zu ­arbeiten. Seine Lehre startete Harald Cyriax 1952, der Meistertitel ­wurde ihm 1963 verliehen und 1976 übernahm er von Vater Max die Bäckerei.  

300 Brote, 3000 Brötchen gingen damals zum Wochenende über den Ladentisch. Dazu kamen Blechkuchen, Torten, Rögglinge, einmal ­wöchentlich 300 Pfann­kuchen - alles in Handarbeit. Das Einzugsgebiet der kleinen Bäckerei erstreckte sich von Tannroda, Blankenhain bis Erfurt. Doch mit der Wende kam der Einschnitt, da waren plötzlich nur noch 60 Brote am Samstag gefragt. Und die Gefriertruhen waren mit selbstgeerntetem Rhabar­ber gut gefüllt, doch das verbacken lohnte nicht mehr.

Im Jahr 2005 ging Bäckermeister Harald Cyriax in den Ruhestand. Als letzter von ehemals drei Bäckern in Tannroda schloss er seine Ladentür. "Es fiel schon schwer. Und die Frage kam auf: Was machen wir vor Langeweile?", sagt Harald Cyriax. Seine Frau Renate fügt an: "Er ist weiterhin zeitig aufgestanden. Oft lag morgens ein Zettel da: ‚Bin auf dem Ruhmberg spazieren‘."

In diese Unruhe-Phase - die drei bis vier Jahre anhielt - fiel gleich zu Beginn die Idee, aus der Backstube einen Partyraum zu gestalten. Durch Verkauf von zwei Maschinen und dem Verschenken von zig Gerätschaften war schnell Platz für eine große Tafel geschaffen. 2006 wurde gemalert, verkleidet und eingerichtet - das Wohnzimmer wurde Realität. Ebenerdig mit Tür zum großen Garten und viel Platz.

Eines Tages kam die Anfrage, ob die Cyriaxs nicht den Tannrodaer Weihnachtsmarkt mit ihren Backspezialitäten bereichern wollen. "Klar, wir machen mit", entschied sich das Unruhe-Paar. Doch was nun? Inzwischen hatte man es sich in der Backstube gemütlich gemacht. Der Gasbrenner war demontiert, die Maschinen weg, kein Blech mehr da. Ein Backen im Wohnzimmer war nicht geplant.

Doch im Hause Cyriax gibt es keine Probleme, nur Lösungen. Also wird zur Weihnachtszeit das Wohnzimmer ausgeräumt, zugehängt und ausgelegt und für drei Tage zur temporären Backstube umfunktioniert. Schließlich gilt es einen Ruf zu wahren: Lob für den Stollen ist gewiss, auch aus Kambodscha, Kroatien, Österreich, den USA und von Mallorca. Den können die Cyriaxs dann wieder in ihrem Wohnzimmer mit Holzbackofen entgegennehmen.

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