Zwölf Thüringer erzählen, warum sie sich fürs Gemeinwohl einsetzen
Engagement macht stark

Iris Schrader arbeitet seit einem Jahr ehrenamlich im  Gothaer Weltladen.
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  • Iris Schrader arbeitet seit einem Jahr ehrenamlich im Gothaer Weltladen.
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[ DAS GEHT UNS ALLE AN ] Mehr als 30 Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich. Ohne sie würde unsere Gesellschaft nicht
funktionieren. Zwölf Thüringer erzählen, warum und wo sie sich fürs Gemeinwohl einsetzen.

Ich engagiere mich, weil...

Iris Schrader (55), Gothaer Weltladen:
"...das Ehrenamt unsere Gesellschaft stärkt. Seit einem Jahre arbeite ich ehrenamtlich im Gothaer Weltladen, bestelle und verkaufe hier Fair-Trade-Produkte. Ob nun Schokolade, Tee oder Kakao - die Menschen in den Anbauländern arbeiten für einen Pfennig und einen Knopf. Wir sorgen dafür, dass sie gerecht entlohnt werden, finanzieren Bildungsprojekte und bekämpfen Kinderarbeit.Ich beziehe Erwerbsunfähigkeitsrente. Zum Glück lebe ich in einem Staat, in dem man in so einem Fall Geld bekommt. Da will ich ein Stück zurückgeben. Ich wünsche mir, dass viel mehr Leute ehrenamtlich arbeiten. Wir suchen händeringend Helfer. Aber noch mehr geht es darum, dass wir uns wieder als eine Gemeinschaft erleben."

Giselda Schädlich (64), Geraer Tafel:
"...ich etwas zurückgeben möchte. Früher stand ich bei der Geraer Tafel selbst in der Schlange, habe Lebensmittel bekommen. Seite vielen Jahren arbeite ich nun selbst mit. Anfangs sortierte ich das Essen, später war ich als Fahrerin unterwegs zu unseren Spendern. Seit 2009 leite ich den Verein. Montags bis samstags sind wir für sozial Schwache aktiv. Hier habe ich etwas zu tun, verblöde nicht vorm Fernseher. Die Arbeit hält mich geistig und körperlich fit."

Gerhard Zinggrebe (81), Patientenbegleiter im KatholischenKrankenhaus Erfurt:
"...ich bekennender Christ bin. Der Herrgott hat zu mir gesagt 'Tu etwas, bring dich ein'. Einmalwöchentlich bin ich als ehrenamtlicher
Patientenbegleiter im Katholischen Krankenhaus Erfurt tätig. Mir fällt esschwer, meine Hände ruhen zu lassen, nach so vielen Jahren der
Selbstständigkeit und Verantwortung für andere. Nach acht Semestern an der
Katholisch-Theologischen Fakultät kümmere ich mich nun um die Patienten der chirurgischen Abteilung, manchmal auch um die anderer Stationen. Denn das Zeitfenster für medizinische Betreuung ist mitunter sehr eng, manche Patienten brauchen aber Unterstützung und das Gefühl, nicht allein zu sein. So bin ich für sie da, höre ihnen zu, halte auch einmal nur die Hand, erledige kleine Besorgungen, begleite sie. Für andere da zu sein, ist ein gutes Gefühl, gibt einem selbst so sehr viel zurück.“

Vanessa Prehn (16), Orgelspielerin in Frankenhain:
"...es mir große Freude macht, andere Menschenmit meiner Musik zu erfreuen. Seit vier Jahren lerne ich unter Anleitung von Kantor Peter Harder in unserer Kirche Orgel zu spielen - davor hatte ich viele Jahre Klavierunterricht. Es ist ein sehr schwieriges Instrument und heißt nicht zu Unrecht die Königin der Instrumente. Mit Händen und Füßen gleichzeitig Musik zu machen, ist schon eine Herausforderung, zumal es auch bedeutend mehr Tasten als auf dem Klavier gibt. Ich muss sehr viel üben. Für einen Gottesdienst sitze ich im Vorfeld schon einmal drei bis fünf Stunden an der Orgel. Ich habe auch schon kleine Konzerte gespielt."

Hannes Zöllner (34), Jenaer Repair-Café:
"..ich etwas gegen unsere Wegwerfgesellschaft tun. Zu viel landet im Müll, was sich doch reparieren lässt. Deshalb engagiere ich mich seit 2014 im Repair-Café Jena. Schon immer habe ich gern gebastelt. Auf diese Weise bin ich auch zur Elektrotechnik gekommen. Im Repair-Café kümmere ich mich während unserer monatlichen Treffen um Haushaltsgeräte wie Stabmixer, Toaster oder Kaffeeautomaten."

Sigrid Klose (69), Hospizdienst im Diakonieverein Greiz:
"...ich Menschen auf ihrem letzten Weg beistehen und Angehörige in schweren Stunden unterstützen möchte. Im ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst des Diakonievereins Greiz bin ich als Hospizhelferin für todkranke Menschen da. Vor meinem Ruhestand war ich 18 Jahre im ambulanten Pflegedienst tätig und habe bereits da nicht nur Menschen gepflegt, sondern auch Sterbende in ihren letzten Stunden begleitet. Nach dem Ausstieg aus meinem Arbeitsleben war es für mich eine Herzensangelegenheit, dass ich meine Erfahrungen weiterhin in der Hospizarbeit einbringen kann. Am Sterbebett lese ich ihnen vor oder spreche mit ihnen. Auch das Gebet oder Berührungen gehören dazu. Ich helfe ebenso Angehörigen, die dankbar für einen Ansprechpartner sind. Ein stiller Händedruck oder eine Umarmung sind für mich der schönste Lohn für mein Engagement.“

Mike Baumgarten, Baumgarten-Museum Judenbach:
"...es mir als Enkel von Ali Kurt Baumgarten eine Herzensangelegenheit, den Besuchern des "Ali Kurt Baumgarten-Museums" das Leben und Werk meines Großvaters nahezubringen. Es ist immer wieder schön, von den persönlichen Erlebnissen zu berichten, die ich mit meinem Großvater hatte, der ein bedeutenderExpressionist und Spielzeugdesigner war. Ich führe ehrenamtlich durch die Einrichtung, die erst im April dieses Jahres in der Gemeinde Judenbach eröffnet wurde, und engagagiere mich zugleich als stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Judenbach."

Thomas Kirchner (28), Verein Jugend für Dora, Nordhausen:

"...man man unter Geschichte keinenPunkt setzen kann. 40 Außenlager zählte das ehemalige KZ Mittelbau-Dora im Umkreis von 40 Kilometern. Im Verein Jugend für Dora will ich ins Bewusstsein holen, was vor unserer Haustür geschah. Die Sensibilität darf nicht abstumpfen, damit ähnliches Gedankengut nicht wieder salonfähig wird. Im Verein führen wir Interviews mit überlebenden Häftlingen und suchen nach Formen, wie wir das Leben und Leiden der Menschen an diesen Orten nicht vergessen machen können. Aktionen im öffentlichen Raum - wie die Fahnen der Erinnerung - sollen das Thema immer wieder ins Gespräch bringen. Es geht um lebendiges Erinnern - diese Chance bietet ein Gedenkstein nicht."

Eberhard Thoß, Freundeskreis der Brüderkirche Altenburg:

"...ich helfen möchte. Seit den Zeiten der politischen Wende engagiere ich mich in Altenburg für den Freundeskreis der Brüderkriche. Bei Veranstaltungen, immer wenn es was zu organisieren gibt, bin ich gerne dabei. Von Konzerten bis hin zum Weltjugendtag, es gibt immer etwas, wo ich helfen kann. Zusätzlich betreue ich seit vier Jahren den Weltladen direkt neben der Brüderkirche. Als ehemaliger Bergarbeiter ist das mal eine ganz andere Aufgabe für mich. Ich übernehme regelmäßig die Schicht am Freitag, so dass der Laden mit Fair-Trade-Produkten aus aller Welt geöffnet haben kann."

Claudia Arnhold (61), „Oxfam“-Shop Erfurt:
"...es gut tut, Gutes zu tun. Einem Nachmittag pro Woche arbeite ich ehrenamtlich im Erfurter „Oxfam“-Shop.Oxfam ist eine internationale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation für eine gerechte Welt ohne Armut. Die Shops sind hochwertige Secondhand-Läden, in denen gespendete Dinge verkauft werden. Je älter man wird, umso mehr Gedanken macht man sich über die Welt. Den Oxfam-Gedanken finde ich sehr gut, vor allem anderen nachhaltig zu helfen, solidarisch zu sein. Seit zweieinhalb Jahren bin ich dabei, als Koordinatorin für den Buchbereich. Hier bringt sich jeder mit seinem Wissen und Können ein, wir freuen uns über weitere Helfer. Ich weiß längst, dass die Gesellschaft Ehrenamtliche dringend braucht, ohne sie würde vieles nicht funktionieren. So hat man das Gefühl, die Welt ein klein wenig besser zu machen.“

Volker von Hohenberg Ruh, Berga/Elster:
"...ich Offenheit und Toleranz fördernwill. Die Übernahme eines Ehrenamtes sollte nicht zur eigenen Ehre werden - vielmehr will ich den Personen Ehre und Respekt erweisen, für die ich dieses Amt ausfülle. Mein Mann und ich wollen mit unserem gemeinnützigen Verein  "Herzogtum Hohenberg Ruh - der Hof des Herzogs" ein Miteinander zwischen behinderten und gesunden Menschen fördern. Deshalb heißt die von uns gegründete Begegnungsstätte "Für und mit Behinderten".Manchmal genügt ein unbedachtes Wort, um die Gefühle oder den Stolz eines Menschen zu verletzen - sowohl bei behinderten als auch nicht behinderten Menschen."

Erika Körner (68), Begegnungsstätte LIORA im Augustinerkloster Gotha:
"...ich gern weitergebe, was ich gut kann. Jeden Nachmittag stehen bei uns die Kinder im Mittelpunkt. Ich bin sehr kreativ und bereite mich immer gut vor. Wir gehen in die Natur oder in die Bücherei, basteln, backen oder spielen. Mal bringe ich eine Nähmaschine mit, mal ein Bügeleisen. In der Schule ist alles digital, ich mache gerne Dinge mit Hand und Kopf. Ich wechsele zwischen Phasen der Ruhe und Bewegung, Kinder müssen sich auch austoben können. Ich war 36 Jahre Kindergartenleiterin. Es ist wichtig, die Kinder anzuerkennen, wie sie eben sind. Wir geben ihnen auch Regeln mit auf den Weg, aber nicht mit Hauruck. Ich spüre die Resonanz: Die Kinder freuen sich, wenn sie herkommen und etwas erleben dürfen. Viele meiner Freunde verstehen nicht, warum ich das tue. Aber nur rumzusitzen, ist nicht mein Ding. Viele Jüngere erkennen nicht, wie wichtig das Ehrenamt ist. Man darf nicht gleich aufgeben, muss sich auch mal durchbeißen und darüber reden, was einem nicht gefällt. Ohne das Ehrenamt würde nicht alles zusammenbrechen, aber die Welt wäre ein bisschen ärmer."

Autor:

meinanzeiger .de aus Erfurt

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