Einzigartig in Deutschland
Erfurter Schüler lernen Gebärden als zweite Sprache

Lehrerin Stefanie Göbel ist eine von zwei Lehrerinnen an der Gemeinschaftsschule, die Gebärdensprache spricht.
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Emil hält eine Hand vor sein Auge. Das heißt „Pirat“ in der Gebärdensprache. Sein Lieblingspirat ist Jack Sparrow aus dem Film „Fluch der Karibik“. Der trägt zwar keine Augenklappe, wie die Geste vermuten lässt. Auf Emils Zuckertüte zur Einschulung durfte er aber nicht fehlen.

Im September startete an der Erfurter Gemeinschaftsschule am Roten Berg der bilinguale Unterricht. Das Besondere: Die zweite Sprache ist die Gebärdensprache. Dieses Inklusionsmodell ist in Deutschland einzigartig.

Von den 20 Kindern sind acht Hörgeschädigte. Emil ist ein Coda, also ein hörendes Kind von gehörlosen Eltern. Er lebt bereits in zwei Welten, ist mit zwei Sprachen aufgewachsen und gebärdet deshalb besser als seine Lehrerin Cornelia Förster. „Ich habe die Gebärdensprache nie richtig gelernt. Ich ­schnappe sie hier auf“, erklärt sie. Gebärdensprache steht zwar offiziell einmal pro Woche auf dem Stundenplan. Aber eigentlich wird sie täglich praktiziert. „Die Kinder haben sich daran gewöhnt, dass ich merkwürdig kommuniziere. Sie wissen auch, dass sie mir Dinge mehrmals sagen müssen, damit ich sie verstehe. Und sonst hilft eine App.“

Damit der Unterricht trotzdem zweisprachig funktioniert, steht Förster immer eine gebärdende Kollegin zur Seite. Da eine von diesen beiden Lehrerinnen ebenfalls gehörlos ist, wird manchmal zusätzlich eine Übersetzerin benötigt. Beispielsweise, wenn sich das Kollegium wöchentlich beratschlagt oder wenn Gespräche mit den Eltern anstehen.


Bis zu drei Lehrerinnen im Einsatz

Tatsächlich sind sogar bis zu drei Lehrerinnen ­gleichzeitig im Einsatz. Denn hier lernen nicht nur hörende, gehörlose und schwerhörige Kinder miteinander, sondern auch fremdsprachige Kinder mit Migrations­hintergrund. Zudem sind die Kinder zwischen sechs und elf Jahre alt. „Wir orientieren uns ganz losgelöst von Klassen am ­Leistungsfortschritt der Kinder“, erläutert Cornelia Förster und fügt mit Blick auf den Klassenraum hinzu: „Deshalb ist unser Unterricht so bunt.“

„Wir leben Vielfalt“, bekräftigt Schulleiter Falco Stolp. Kein Wunder, dass der Biling e.V. bei ihm mit der Idee, eine Inklusionsklasse für gehörlose Kinder einzurichten, offene Türen einrannte. Mehrere Schulen hatten dem Thüringer Verein betroffener Eltern bereits eine Abfuhr erteilt. Nicht so die Erfurter Gemeinschaftsschule am Roten Berg. Für Stolp gilt unumstößlich: „Inklusion ist ein Menschenrecht.“ Er stellte die Idee seinen Lehrern vor. „Ich habe gleich diese Offenheit und Neugier gespürt.“

Vergangenes Jahr startete die bilinguale Grundschulklasse. Die Integration durch Gestik und Mimik ist für Stolp schon jetzt eine Erfolgsgeschichte: „Ob deutsch, gehörlos oder mit Migrations­hintergrund – alle Kinder haben etwas davon.“ Diese Erfahrung hat auch ­Cornelia Förster gesammelt. Viele Gehörlose sind in der Welt der Hörenden gehemmt, schotten sich ab. Doch wenn sie schon als Kinder mit ihnen aufwachsen, geraten sie nicht in die Isolation, die das Berufs- und Erwachsenenleben erschwert.

Lautstärke bringt hier nichts

Einen großen Vorteil hat das Projekt zudem für Kinder mit Migrationshintergrund. Zu jedem Wort der neuen Sprache gibt es hier eine Handbewegung: Zwei senkrechte Finger bewegen sich, wenn von „Gehen“ die Rede ist. „Die Kinder lernen so wesentlich leichter Deutsch“, erfährt Förster. Nicht zuletzt seien alle Kinder einfühlsamer. Denn Lautstärke bringt ihnen hier nichts. Sie ­müssen sich ihrem Gegenüber vorsichtig nähern und immer ins Gesicht sehen. „Empathie und Rücksichtnahme spielen bei uns eine große Rolle.“

Allerdings bedeutet das Pilotprojekt für die Lehrer auch viel zusätzliche Arbeit und wirft einige Probleme auf. Beispielsweise gibt es für Kinder, die Gebärdensprache sprechen, kaum Deutsch­materialien. Denn die ­Standard-Lehrwerke sind sehr stark an Lauten ­orientiert. „Doch ich kann ja nicht sagen: Hör mal den Buchstaben“, verdeutlicht ­Förster. Gehörlose setzen nicht lautmalerisch die ­Buchstaben aneinander – sie lernen ­Worte. „Daher müssen wir unsere Materialien selber basteln.“

Wo die Ausrüstung fehlt, behelfen sich die Lehrerinnen selbst. Beispielsweise schalten sie das Licht ein und aus, um das Pausenklingeln nachzuahmen. Schwierig ist ebenfalls die Suche nach Fachpersonal. Für den Hort gibt es derzeit keine Betreuung. Und ein Dolmetscher kann keine ausgebildete Lehrkraft ersetzen. „Unterrichtswissen muss nicht nur übersetzt werden. Es muss auch erklärt und verstanden werden können. Dafür sind Dolmetscher nicht ausgebildet.“

Was sonst ein schneller Anruf erledigt, fordert für die Lehrer viel mehr Organisation. Wenn beispielsweise der Zahnarzt in die Schule kommt, müssen sie die gehörlosen Eltern zuvor per Gebärdenvideo informieren. Das alles kostet viel Zeit.

Ganz konkret buhlt ­Cornelia Förster immer ­wieder um die Aufmerksamkeit der Kinder. Viele bekommen einfach gar nicht mit, dass sie gerade etwas verkünden möchte. Für alle, die noch ein wenig hören, trägt sie ein Mikrofon. „Ich kann ihnen damit direkt in die ­Ohren hineinsprechen.“ Denn es ist gekoppelt an die Hörgeräte der Kinder beziehungsweise an ihre Cochlea-­Implantate (CI), welche die Funktion des beschädigten Innenohrs wahrnehmen.

Krach ist anstrengend

Generell muss es sehr diszipliniert und leise im Unterricht zugehen. Die Decke im Raum schluckt zwar Geräusche. Doch wenn der Nachbar mit Papier raschelt, stört dies das verminderte Hörvermögen. Es klingt vielleicht seltsam, doch vor allem für Schwerhörige ist Krach anstrengend. Förster vergleicht: „Wenn sich jemand, der schlecht sieht, ohne Brille auf etwas fokussiert, funktioniert das auch nicht, wenn ihn ­jemand mit der Taschenlampe von der Seite anleuchtet.“

Da sich die meisten Grundschüler schon aus dem inklusiven Kindergarten kennen, ist die Zusammenarbeit für sie normal. Irgendwie klappt es immer: Sie unterhalten sich mit Händen und Füßen, sie malen, was sie meinen, oder holen Hilfe beim Lehrer. „Kinder sind da nicht so ängstlich. Die probieren das einfach aus“, weiß Förster. „Ich lerne gerne neue Sprachen“, bestätigt Sophie-Marie. Und Leon, der ein CI trägt, spielt mit allen Kindern gerne. „Die einen Kinder sprechen, die anderen sind gehörlos. Sonst gibt es keine Unterschiede.“

Selbst in Schulen in ­Hamburg und Berlin scheiterten vergleichbare Angebote. Nun schaut das gehörlose Deutschland nach Erfurt. Förster spürt das Gewicht auf den Schultern. Schon jetzt wollen Schüler weiterführender Schulen an die Gemeinschaftsschule am Roten Berg. „Aber wir sind erst am Anfang. Das muss Stück für Stück aufgebaut werden.“

Die Universität in Heidelberg begleitet den Unterricht wissenschaftlich. Die Forscher führen Sprachtests mit den Kindern durch, befragen Eltern und Lehrer, messen die Lernfortschritte. „Ich möchte fundiert arbeiten können. Denn es ist nicht nur ein Projekt, sondern ein Konzept, das wir etablieren wollen“, sagt Förster. Das bisherige System, da ist sie sicher, wird den Gehörlosen nicht gerecht. „Diese Kinder können alles leisten wie andere Kinder auch. Sie haben halt eine andere Sprache. Nur weil ich mit einem Kind Gebärdensprache spreche, anstatt Arabisch oder Deutsch, ist das kein Ausschlusskriterium.“

Gerade in einem Stadtteil, den einige als Brennpunkt bezeichnen, haben es eine Schule und ihre Schüler nicht leicht, weiß die junge Lehrerin. „Wir versuchen, die Augen davor nicht zu verschließen. Das bedeutet für uns, dass wir mehr Zeit, mehr Engagement investieren, mehr Projekte für die Kinder starten müssen. Denn es fällt auf uns zurück, was wir den Kindern nicht an Handwerk mitgeben.“ Das klingt sehr selbstlos. Doch bei allem Stress gesteht Förster: „Es macht so einen Spaß!“

Infos:
Der Biling e.V. ist eine Interessengemeinschaft aus hörenden, schwerhörigen und gehörlosen ­Menschen, die sich für die ­Förderung und den Ausbau von ­bilingualen ­Informations- und Bildungsangeboten einsetzt. Viele Mitglieder sind Eltern von gehörlosen, schwerhörigen und hörenden Kindern.
Kontakt: biling-ev.de

An der Gemeinschaftsschule am Roten Berg in Erfurt lernen rund 300 Schüler der ersten bis zur zehnten Klasse ­gemeinsam.
Kontakt: rs25erfurt.de

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