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Pro und Kontra
Feuerwerk: Freude oder Frevel?

Viele bestaunen das Feuerwerk mit lautem Oh und AH, für andere ist es nichts als Überfluss.
Viele bestaunen das Feuerwerk mit lautem Oh und AH, für andere ist es nichts als Überfluss.
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Am Feuerwerk scheiden sich die Geister. Wir haben Stimmen dafür und dagegen zusammengetragen:

PRO:

“Feuerwerksfreak“ Martin Hesse, Pyrotechniker aus Uthleben in Nordthüringen:
“Mit Feuer und Licht Bilder an den Himmel zu zaubern - das ist pure Faszination . Ich mag das Basteln im Vorfeld, das Verknüpfen der Zündfolgen. Vor allem aber liebe ich den Moment, wenn sich die Fantasie, die ich im Kopf hatte, in Bilder verwandelt. Dieses Knallen, dieser Schwefelgeruch, diese Größe am Himmel - einfach Wahnsinn. Und als Pyrotechniker kann ich die ganze Vielfalt professioneller Feuerwerke nutzen. Es ist wie ein Virus - ansteckend. Für den Zuschauer dauert das Spektakel nur wenige Minuten, doch es weckt Emotionen. Wenn mich - wie jüngst - eine betagte Jubilarin als Dankeschön mit Tränen in den Augen umarmt, spüre ich: der Funke ist übergesprungen. Das motiviert mich für das nächste Feuerwerk - Silvester auf dem Burghof am Kyffhäuser.“

Dirk Abolins, Vorsitzender des Bundesverbandes für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk e.V.:
Überall auf der Welt wird Feuerwerk als Ausdruck von purer Lebensfreude begriffen. Vom Philosophen Theodor Adorno stammt die Aussage: "Das Feuerwerk ist die perfekteste Form der Kunst, da sich das Bild im Moment seiner höchsten Vollendung dem Betrachter wieder entzieht." Er meint: Feuerwerk ist vergänglich, man kann es sich nicht wie ein Bild an die Wand hängen und immer wieder anschauen.

Schon von Kindesbeinen an ist Silvester für mich ein besonderer Tag. Die Nacht wird erhellt, es leuchtet, glitzert, funkelt. Mit dem Krach die bösen Geister des alten Jahres zu vertreiben und mit dem Licht die guten zu begrüßen, hat schon seit ein paar Hundert Jahren Tradition in Deutschland.

Es gibt immer mehr Fans, die als ihr Hobby zu Silvester richtig schöne Feuerwerke zusammenstellen. Sie machen sich Gedanken, welche Farben sie kombinieren oder wie sie einen Spannungsbogen aufbauen. Etwa jeder zehnte Haushalt betreibt aktiv Feuerwerk und andere profitieren davon: Denn eine große Zahl geht um Mitternacht vor die Tür und schaut es sich an, weil es für sie zu Silvester dazugehört.

Natürlich ist Feuerwerk ein Luxusgut, das man nicht unbedingt zum Leben braucht. Aber dann wäre so vieles Geldverschwendung. Niemand stellt den Tannenbaum in Frage, obwohl er zu Weihnachten gehört wie das Feuerwerk zu Silvester - als Brauchtum, als eine Form von Schmuck, als Ausdruck der Kultur und der Verbundenheit mit diesem Fest. Es gibt viele Feuerwerker, die bewusst zu Weihnachten und Silvester spenden, da sie auch viel Geld für ihr Hobby ausgeben.

Die Beherrschung des Feuers und seiner Gefahr macht eine weitere Faszination aus. Feuerwerk ist gefährlich. Man muss damit verantwortungsvoll umgehen, damit man nicht sich und andere gefährdet. Aber es sind nur einige wenige, die Feuerwerk missbräuchlich verwenden.

Die erhöhte Feinstaubbelastung ist innerhalb von zwei, drei Stunden nach Mitternacht wieder verschwunden. Eine ähnliche Diskussion gibt es über die Osterfeuer. Dabei sind Kamine in ganz anderen Größenordnungen viel dramatischer.

Rücksicht auf die Tiere zu nehmen, fordern wir immer wieder als Verband. Wir bitten beispielsweise darum, bis 18 Uhr mit dem Feuerwerk zu warten, damit die Tiere ungestört an die frische Luft kommen. Freilebende Tiere wie Vögel stört Feuerwerk außerhalb ihrer Brutzeiten nicht. Sie werden aufgescheucht wie bei einem heftigen Gewitter.

Manche Feuerwerkgegner haben einen missionarischen Eifer. Obwohl sie zu einer verschwindend geringen Minderheit gehören, sind sie sehr laut. Der Gesetzgeber schränkt Feuerwerk schon sehr stark ein. Nur an Silvester und Neujahr ist es überhaupt erlaubt. Generell werden persönliche Freiheiten im Leben immer mehr eingeschränkt. Feuerwerk ist daher auch ein Ausdruck von Freiheit. Meine Bitte lautet daher an alle, die sich gestört fühlen: Seid doch bitte an diesen zwei Tagen im Jahr ein bisschen toleranter.


Sascha Schulz, Hobby-Pyrotechniker aus Erfurt und aktiv im Feuerwerks-Forum.de:
Nicht selten wird Feuerwerk mit "rumböllern" assoziiert, mit Kanonenschlägen in Gullis, Hooligans im Stadion oder Straßenschlachten. Dabei handelt es sich bei meinem Hobby letztlich um eine sehr vergängliche Form der Kunst.

Beim Feuerwerken geht es darum, den Zuschauer für einen kurzen Moment in Staunen zu versetzen und seine Fantasie anzuregen - mit Farb- und Formenvielfalt und dem komplexen Zusammenspiel von Effekten, Musik und Umgebung. Dies trifft insbesondere auf meine Spezialität zu: Barockfeuerwerke. Diese sind häufig musikbegleitet und glänzen durch leise, aber ästhetisch anspruchsvolle Sondereffekte wie Sonnen oder Springbrunnen, die ganz ohne Knall auskommen. Durch die notwendige Planung beginnt Silvester daher bei mir bereits, wenn im Garten noch die Äpfel geerntet werden.

Schon seit fast 15 Jahren habe ich mich gemeinsam mit dem pyrotechnischen Markt kontinuierlich weiterentwickelt. Letzterer wird in Deutschland leider immer noch von nur drei Herstellern dominiert, doch durch neue EU-Verordnungen erobern andere Firmen den Markt. Beim Einkauf setze ich auch zukünftig auf lokale Fachhändler, die im Gegensatz zu Discountern nicht an jahrelange Lieferverträge gebunden sind und Kunden durch abgeänderte Produktnamen neue Produkte vorgaukeln.

Trotz seiner Schönheit höre ich leider auch immer wieder, dass Feuerwerk doch geldverschwendend, gefährlich und belästigend wäre. Für mich ist es ein kreatives Hobby wie für andere die Malerei. Auch Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema. So baue ich Gestelle selbst und Experten forschen bereits an einem möglichen Pfandsystem für ausgebrannte Batterien.

Dass Feuerwerke laut sein können, ist unumstritten; sie müssen es aber nicht. Generell sollten sie immer unter dem Aspekt der allseitigen Rücksichtnahme stattfinden. So versteht es sich von selbst, z.B. nicht auf Waldlichtungen zu zünden; Krankenhäuser, Pflegeheime und ähnliches sind durch einzuhaltende Mindestabstände gesetzlich geschützt. Mit Blick auf die Tiere raten Experten, sich intensiv mit dem Tier auseinanderzusetzen, um sein Verhalten zu kennen. Außerdem können bei jüngeren Tieren die Präge- und Sozialisationsphase genutzt werden, um sie an laute Geräusche zu gewöhnen. Bei älteren ist gegebenenfalls eine Umkonditionierung nötig. All dies erfordert Arbeit, ist aber beispielsweise auch bei den bis zu 3000 jährlichen Blitzeinschlägen in Thüringen hilfreich.

Ein gutes Feuerwerk muss also weder teuer noch laut sein: Gegenseitige Rücksichtnahme, detaillierte Planung und eine kritische Produktauswahl lassen den Zauber funkelnder Effektbilder erst entstehen.

Klaus Gotzen, Geschäftsführer des Verbandes der pyrotechnischen Industrie (VPI):
Das Abbrennen von Feuerwerk ist eine jahrhundertealte ­Tradition, Teil unserer Kultur und einfach unglaublich schön. Nicht ohne Grund werden beim Abschluss vieler Groß­ereignisse wie Olympiaden oder Weltmeisterschaften Feuerwerke als Höhepunkt abgebrannt. Anspruchsvoll inszenierte Großfeuer­werke ziehen Hunderttausende Menschen an.
 Darüber hinaus ist das Feuerwerk Ausdruck eines Gemeinschaftsgefühls. Nicht nur zu Silvester, auch zu Hochzeiten oder Jubiläen kommen Menschen zusammen und erfreuen sich gemeinsam am Farbspektakel.
 Hinter der gesamten pyrotechnischen Industrie stehen weltweit Zigtausende von Arbeitsplätzen. In Deutschland zählt die Branche etwa 2500 Beschäftigte, die in der Herstellung von Feuerwerkskörpern und der Kommissionierung der Importe tätig sind. Hinzu kommen die Zulieferer von Raketenstäben, Papphülsen und mehr. Auch für den Handel spielt der Feuerwerksverkauf keine ganz unbedeutende Rolle. Wir rechnen mit 137 Millionen Euro Silvester­umsatz – das entspricht dem Wert des Vorjahres.


KONTRA:


Ute Dauert vom Umweltbundesamt Dessau-Roßlau:
“Bei einem Feuerwerk steigt die Belastung der Luft mit Schadstoffen explosionsartig an. Die Luft ist förmlich zum Schneiden und voll mit Feinstaub. Rund 5000 Tonnen Feinstaub werden in Deutschland jährlich durch das Abbrennen von Feuerwerkskörpern frei gesetzt, der größte Teil davon in der Silvesternacht. Diese Menge entspricht in etwa 17 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge. Am ersten Tag des neuen Jahres ist die Luftbelastung mit Feinstaub vielerorts die höchste im Jahr - so zeigt es unsere Datenauswertung im Umweltbundesamt. Das trifft besonders auf die großen Städte zu. Von den Wetterverhältnissen ist es dann abhängig, wie schnell diese hohe Feinstaubbelastung wieder abklingt. Starker Wind hilft, die Schadstoffe schnell zu verteilen. Eine Messstation des Umweltbundesamtes befindet sich auf der Schmücke in Thüringen - eine von sechs deutschen Reinluftmessstationen, spezialisiert auf die Messung von Luftschadstoffen. Auch hier ist eine höhere Feinstaubbelastung der Luft nachweisbar, wenngleich sich die Werte aufgrund der abgeschiedenen Lage noch im Normbereich bewegen.“

Dr. Karsten Gruner, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Wirbelsäulentherapie des Katholischen Krankenhauses Erfurt:
Wir haben in der Notaufnahme des Katholischen Krankenhauses viele schlechte Erfahrungen mit der Silvesterknallerei gemacht, ganz besonders in Verbindung mit Alkohol. Jahr für Jahr operieren wir in der Neujahrsnacht bis hin zum 3. Januar um die 20 Opfer von Silvesterknallern. Und wenn ich sage „wir operieren“, dann ist das mehr als nur ein Pflaster oder ein Verband: Es handelt sich um tiefe Brandwunden, schwer verletzte Finger oder Verletzungen der ganzen Hand.
Manche sind dabei so betrunken, dass sie erst am späten Neujahrstag bemerken, wie schwer sie verletzt sind und erst dann zu uns ins Krankenhaus kommen. Wenn wir schon das neue Jahr mit Feuerwerk und Knallkörpern begrüßen wollen, dann bitte erstens nüchtern, zweitens in Maßen und drittens nur mit legalen Produkten, weil die Verletzungsgefahr bei illegalen Knallern, zum Beispiel aus Osteuropa, ungleich größer ist.

Gerd Fischer, Vorsitzender des Landestierschutzverbandes Thüringen e.V.:
"Für Tiere ist die Knallerei ganz und gar kein Spaß, sondern purer Stress. Die meisten haben ein sehr empfindliches Gehör, nehmen den Lärm viel intensiver wahr als wir Menschen. Auf plötzliche Knallgeräusche reagieren sie mit Angst und Panik. Natürlich darf jeder für sich entscheiden, wie er das neue Jahr begrüßt. Wir Tierschützer aber bitten alle um Rücksichtnahme. Auch die, die kein eigenes Tier besitzen, dürfen nicht gedankenlos Böller vor Hundebeine werfen. Tierhalter sollten darauf achten, dass ihre Haustiere möglichst wenig vom Feuerwerksspektakel mitbekommen. Das heißt: Freigänger-Katzen bleiben daheim und die Runde mit dem Hund wird möglichst auf den frühen, noch ruhigeren Abend verlegt. Wir raten dann, schreckhafte Tiere keinesfalls allein zu lassen, Rollläden und Vorhänge zu schließen, im Raum für eine normale Geräuschkulisse zu sorgen. Auch Wildtieren jagt das Lärm- und Blitzgewitter Angst ein. Jeder kann helfen, den Stress und die Gefahren für Tiere und Natur zu vermeiden, indem er auf Feuerwerk und Knaller verzichtet und mit dem Geld Gutes tut.“

Jeannette ­Lorenz-Büttner, Pfarrerin in Magdala:
Wenn ich zu Silvester Knaller und Fontänen in den Himmel aufsteigen sehe, gefällt mir das. Die bunten Lichter machen Lust aufs neue Jahr. Dass aber mehrere hundert Millionen Euro jährlich für Feuerwerke ausgegeben und wortwörtlich in die Luft gejagt werden, ist eine andere Sache. Das macht mich nachdenklich. Solange so viele Knaller gekauft werden, geht es uns gut. Dafür wird Geld ausgegeben, da wird nicht gejammert. Schau ich aber nach Sonntagsgottesdiensten in die Kollektenkörbe, kann ich nur staunen über so viel Zurückhaltung. Sind wir wirklich kaum noch in der Lage, mit anderen zu teilen?
Die Aktion „Brot statt Böller“ gibt es seit den 1980er-Jahren in Deutschland. Sie ruft dazu auf, wenigstens auf einen Teil des Böllerkaufes zu verzichten und diesen zu spenden. Davon haben andere auch noch etwas nach Silvester. Denn denen, die unsere Spenden benötigen, reicht nicht der Blick in den bunten Silvesterhimmel. Glück an Silvester wäre für mich, wenn Himmel und Erde in Einklang kämen – und zwar so: Den Himmel nur mit Feuerwerk der großen Veranstalter genießen und dabei auf private Knallerei verzichten. Mit beiden Beinen bewusst auf dieser Erde stehen und dafür sorgen, dass es andere auch können.

Patrick Martin, Sprecher der Landespolizeidirektion Thüringen:
Silvester ist ein stressiger Dienst für alle Polizisten. Es wird deutlich mehr getrunken als üblich. Zudem sind die Menschen länger wach. In nahezu allen Fällen, zu denen wir gerufen werden, ist Alkohol im Spiel. Die Beamten vor Ort benötigen dadurch länger, um Dinge zu klären. Wir sind mit rund 20 Prozent mehr Beamten im Einsatz, der Dienst dauert zwölf Stunden – von 18 bis 6 Uhr. Jährlich haben wir es mit Menschen zu tun, die sich durch selbstgebaute Knallkörper verletzen. Aber selbst die Verletzungen mit legalen Feuerwerkskörpern führen zunächst zu Ermittlungen, auch wenn sich dann herausstellt, dass es sich um einen persönlichen Unglücksfall handelt. Trotz aller ­Warnhinweise gibt es Leute, die Böller in der Hand explodieren lassen. Bei illegalen Knallkörpern handelt es sich zusätzlich um einen Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz. Angetrunkene Personengruppen geraten häufiger in Streit. All das führt zu deutlich mehr Notrufeinsätzen. Hinzu kommen noch Sachbeschädigungen und Menschen, die Knaller in Flure, Briefkästen oder ­Mülltonnen werfen.

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