Giftinformationszentrum: Schnelle Hilfe bei Vergiftungen

Dr. Helmut Hentschel, Leiter des Gemeinsamen Giftinformationszentrums (GGIZ) in Erfurt.
  • Dr. Helmut Hentschel, Leiter des Gemeinsamen Giftinformationszentrums (GGIZ) in Erfurt.
  • hochgeladen von Sibylle Klepzig

30 Minuten mit: Dr. Helmut Hentschel, der als Toxikologe und Leiter des Giftinformationszentrums Menschen in Notsituationen hilft.

Gift − allein das Wort flößt Respekt ein. Schon in geringer Dosis kann es gefährlich werden. Dr. Helmut Hentschel beschäftigt sich beruflich mit toxischen Stoffen. Nicht etwa als Krimiautor, sondern als Leiter des Gemeinsamen Giftinformationszentrums (GGIZ) der Länder Mecklenburg- Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, das seinen Sitz am Helios Klinikum Erfurt hat.

Totenkopfzeichen und Giftschrank sind in seinem Büro allerdings nicht zu entdecken. Dafür jede Menge Fachliteratur. Und gleich nebenan, in Archiv und Bibliothek, türmt sich das geballte Wissen. Ob Kreuzotterbiss, verschluckte Knopfzelle oder Lösungsmittelvergiftung: Zehn Jahre lang werden hier alle Anfragen dokumentiert − und das sind knapp 20 000 pro Jahr.

Dass neben Ärzten auch immer mehr Privatleute den direkten Draht nutzen, freut den Erfurter. "So können wir kostbare Zeit sparen und schnell spezielle Hinweise für die erste Hilfe geben." Er und sein neunköpfiges Team gewährleisten, dass der Giftnotruf sieben Tage die Woche rund um die Uhr erreichbar ist. Ein Angebot, das auch besorgte junge Eltern annehmen. Denn gefährdet sind vor allem Kleinkinder, die ihre Welt erkunden und dabei alles probieren. "Die häufigste Vergiftungsursache bei Kindern sind Arzneimittel. Besonders kritisch wird es, wenn die Kleinen Antidiabetika oder Herztabletten der Erwachsenen verschlucken", warnt der Toxikologe. Zweithäufigste Ursache sind Haushaltsprodukte wie Geschirrspülmittel, WC-Reiniger oder Waschmittel. Und sobald es draußen wieder grünt und blüht, lauern an Liguster, Eibe, Heckenkirsche und Co. weitere Gefahren auf die Kinder.

"Um im Vergiftungsfall wirksame Empfehlungen geben zu können, brauchen wir genaue Informationen über den Auslöser", betont Hentschel. Er rät, die Verpackung, das Produkt oder die Pflanze mit ans Telefon oder zum Arzt zu nehmen. "Schon der gefaxte Schattenriss einer Pflanze genügt, um sie sicher zu identifizieren." Vielleicht können die Erfurter Giftexperten dann sogar Entwarnung geben und beruhigen. Wie jüngst bei der Mutti, die sich sorgte, weil ihr Spross an einer Tintenpatrone herumgekaut hatte. Oder wie bei jenem Mann, der panisch reagierte, weil er eine Kartoffel mit grünen Flecken gegessen hatte.

Doch leider gibt es immer wieder auch tragische Fälle. Der erfolglose Kampf um das Leben einer jungen Frau, die Kaliumcyanid genommen hatte, geht dem GGIZ-Leiter nicht aus dem Kopf: "Ihr konnte niemand mehr helfen, die Blausäurevergiftung war zu stark." Meist liegen den Vergiftungen Erwachsener Selbsttötungsabsichten zugrunde. "Zwei Drittel der Intoxikationen, die jedoch selten tödlich sind, werden durch eine Überdosis an Psychopharmaka, Schmerz- oder Schlafmitteln verursacht", erklärt Hentschel. Der Tod durch Gift aber sei immer qualvoll. Das Gerede vom "humanen Sterben" bringt den Erfurter in Rage. Auch, dass immer wieder Menschen nach einer tödlichen Dosis fragen. Eine Antwort geben er und sein Team darauf grundsätzlich nicht: "Wir arbeiten dafür, Leben und Gesundheit zu erhalten." (2008)

Giftnotruf: 0361 - 730 730 (24-Stunden-Dienst)

Autor:

Sibylle Klepzig aus Nordhausen

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