Die Welt aus Katzenaugen
Kater Franz bloggt über sein Leben auf der Erfurter Krämerbrücke

Kater Franz bloggt über sein Leben auf der Erfurter Krämerbrücke.
9Bilder
  • Kater Franz bloggt über sein Leben auf der Erfurter Krämerbrücke.
  • hochgeladen von Michael Steinfeld

Rums. Die Dose mit dem Kokosblütenzucker liegt auf dem Boden. Sie stand einfach zu verführerisch auf der Küchenarbeitsplatte. Nur ein kleiner Schwenk mit der Pfote. Jetzt ist Mama böse auf mich. Aber das hält sie nie lange durch.

Hallo, mein Name ist Franz der Krämer­brückenkater. Seit zwei Jahren blogge ich. Mehr als 1600 Menschen folgen mir auf Facebook. 

Einen Krämerbrückenkater Franz gab es wohl schon vor mir. Ihm habe ich meinen ­Namen zu verdanken. Obwohl er mir gar nicht ähnlich war. Er hatte eine andere Mama, die Holzbildhauerin Gabriele Leuschner. Meine Mama hörte von seinem Tod, als sie gerade Kinder über die Krämerbrücke führte. Das war im Jahr 2010. „Ich bin sofort in Tränen ausgebrochen“, hat sie mir erzählt. Mit dem Kater, den Geschichten über ihn und mit der Krämerbrücke ist sie nämlich groß geworden. Auf ihren Führungen ließ sie die Kinder immer nach dem Kater suchen.

Mit zwei Jahren ein Pubertier

Vor zwei Jahren zog Mama auf die Krämerbrücke. Es waren dunkle Stunden, viele ihrer Liebsten waren gestorben. Ohne Kater konnte sie sich ihre neue Heimat nicht vorstellen. Also heiße ich Franz wie mein Vorgänger. Mama heißt Franziska. Ihr kleiner Menschensohn heißt auch Franz. Wird einer von uns gerufen, kann man sich schon mal leicht verfranzen.

Ich bin ein Rassekater, ein Britisch Kurzhaar Blue. Im März bin ich zwei Jahre  alt ­geworden. In Katzenjahren bin ich also ein Teenager – oder ein Pubertier, wie Mama mich bezeichnet. Sie sagt, ich sei hier der Chef. Aber ich sehe sie eher als beste Freundin. Sie glaubt wohl, ich wäre ein bisschen rebellischer geworden. Dabei bin ich selbst schon vierfacher Papa, habe drei Töchter und einen Sohn. Das macht Mama zur Oma.

Meine Heimat ist das Haus der Stiftung auf der Erfurter Krämer­brücke. Hier habe ich 50 Quadratmeter auf den zwei obersten Etagen zur Verfügung. Ich gehe oft hinunter in die Bohlenstube und ins ­Museum. Nur hinaus schleiche ich mich eigentlich nie. Bei uns ist doch schon genug los, weil jährlich 70.000 Hinterbeinläufer ins Haus kommen. Die Kinder treffen mich hier immer am Ende von Mamas Stadtführungen. Dann werde ich gestreichelt. 

Über typische Katzen­sachen schreibe ich nicht in meinem Blog. Mama sagt, ich spiegele oft ihre Stimmung. Mal bin ich melancholisch, mal megalustig. Um meine eigene Meinung zu formulieren, nutze ich gerne philosophische Zitate. Fluss, Brücke, Heimat und die Liebe dazu stehen immer im Mittelpunkt meiner Gedanken. Ich versuche, immer noch dahinter zu kommen, wie der Mensch tickt. Das berührt die Leute. Manche fühlen sich ertappt oder zumindest verstanden. 

Fans in ganz Deutschland

Fans habe ich überall in Deutschland, obwohl manche noch nie in Erfurt waren. Das ist sehr bewegend, weil meine Worte beispielsweise Bedeutung haben für Menschen, die krank oder einsam sind. Ich glaube, viele Menschen machen gar nicht mehr, was ich den ganzen Tag mache: einfach viel nachdenken. Sie sind zu beschäftigt. Und wenn nicht, lenken sie sich lieber ab. Keiner geht mehr spazieren, guckt sich um und beobachtet: Farben zum Beispiel. Selbst Kindern geht diese Fähigkeit verloren. 

Mit dem Erfolg meines Blogs habe ich nie gerechnet. Ich gelte schon als richtige Marke, sagt man mir manchmal. Vielleicht liegt es daran, dass ich so fotogen bin. Oder an meinen Gedanken, die ich aufschreibe. Vielleicht mögen die Leute im Internet auch einfach Katzen. Jedenfalls häuften sich innerhalb kürzester Zeit die Fans, Likes, Kommentare und Nachrichten an mich. Als ich kürzlich krank war, hatte nicht nur Mama richtig Angst um mich. Zu dieser Zeit klickten unglaublich viele Menschen meine Seiten an. 

Im neuen DuMont-Reiseführer werde ich als ErfurterPersönlichkeit genannt. Im Wimmelbilderbuch über ­Erfurt stecke ich auch, ­obwohl ich die Autorin gar nicht kenne. Das Kinderbuch „Ein Sommer mit dem Brücken­kater Franz“ ist ausverkauft und wird wohl auch nicht mehr aufgelegt. Mein Konterfei ist auf Postkarten und Tassen zu finden. Im Advent gibt es sogar ein Kinder-Theater­stück über mich in der Erfurter Ägidienkirche. Darin helfe ich einem Engel, der vom Himmel gestürzt ist. Tja, dafür muss ich meine Wohnung dann wohl doch einmal verlassen...

Hör' mal, wer da redet...

Auf der Krämerbrücke habe ich sonst alles – außer einen Fernseher. Trotzdem habe ich die Welt immer vor Augen. Mama muss nur das Fenster aufmachen. Sie weiß, dass ich nicht herausspringe. Ich kann jedes Gespräch belauschen, das unten vor unserer Haustür geführt wird. Da ist alles dabei an Leben: Pärchen, die streiten. Menschen, die flirten. Papas am Sonntagvormittag, die mit ihren Kindern unterwegs sind, damit die Mamas ausschlafen können. 

Sonntagabend oder am ­frühen Morgen habe ich die absolute Ruhe auf der Flussseite. Diese Momente liebe ich. Die  Wochenend­nächte im Sommer sind hingegen oft richtig laut, nur mit einer kleinen Pause zwischen zwei und vier Uhr, ehe der Club die tobenden Leute wieder ausspuckt. Das mag ich aber auch. Einfach alles mitzubekommen. Alles ist so konzentriert.

Ich weiß, wie spät es ist, je nachdem, wer gerade auf der Brücke unterwegs ist. Ich teile das Leben mit den Menschen, mit Familien, Erfurtern, Touristen und manchem Stadtführer mit einem Organ wie ein Stadionsprecher. Nur die lauten Rollkoffer auf dem Pflaster treiben uns noch in den Wahnsinn. Warum können Menschen ihre kleinen Koffer denn nicht tragen? 

Weil alle Krämer der Brücke so auf dem Präsentierteller wohnen, haben sie fast alle außerhalb der Altstadt einen Garten – und sind dann dort auch nicht selten wieder Nachbarn. Sie sind schon ein spezielles Völkchen. Auf jeden Fall sind sie sehr kreativ. Auch Mama hat viele Pläne: eine Führung nur über die Krämerbrücke zum Beispiel. Nichts ­Geschichtliches, sondern über die Menschen und das Gefühl hier auf der Brücke. Sie plant auch ein Buch über die Krämerbrücke, speziell für Kinder. So eines will Mama mit dem Chocolatier Alex Kühn herausbringen, der auch gut malen kann. 

So viele Ideen und so wenig Zeit, sie umzusetzen. Das ist mir zu hektisch. Ich schaue jetzt noch ein bisschen aus dem Fenster. Und dann ­mache ich vielleicht ein Schläfchen. Oder ich schaue noch einmal nach der Dose mit dem Kokos­blütenzucker...

Franz im Netz
• Facebook: @Krämerbrückenkater Franz
• Instagram: www.instagram.com/kraemerscat
• Franz‘ Mama: www.facebook.com/franziska.bracharz

Interview

Ein anderer tierischer Prominenter: Als Attila der Hundi twittert der Hund von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow. Sechs Fragen an den tierischen Twitterer.

Worüber twitterst du?
Vor allem über das Leben in seinen Facetten für Hunde und Hunde­freunde.265 Personen ­interessieren sich für deine Tweets.

Fühlst du dich prominent?

Nein, nur geliebt. Weil ich so süß bin.

Stehst du in Kontakt zu anderen ­prominenten Tieren?
Nee, die Hunde von Obama kenne ich leider nicht.

Was denkst du über Menschen und vor allem über menschliche Politiker?
Menschen sind Götter! Sie versorgen mich mit Essen, Pflege, Liebe und Spaß.

Was kannst du uns über dein Herrchen verraten, was sonst keiner weiß?

Er singt nicht beim Duschen.

Kontakt:
twitter.com/attiladerhundi

Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r

1 Kommentar

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.