Familie Fischer pflegt eine alte Tradition
Lebenselixier in Grün: Erfurter Brunnenkresse

Ralf Fischer erntet die selbst angebaute Brunnenkresse. Das ist harte Arbeit für den 65-Jährigen, seine Frau und ein paar freundliche Helfer, schließlich funktioniert das nur auf den Knien.
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  • Ralf Fischer erntet die selbst angebaute Brunnenkresse. Das ist harte Arbeit für den 65-Jährigen, seine Frau und ein paar freundliche Helfer, schließlich funktioniert das nur auf den Knien.
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Schon Napoleon war von der Erfurter Brunnenkresse begeistert. Gut, dass es heute Familie Fischer gibt, die diese Tradition des vitaminreichen Wintergemüses nicht aussterben lässt:

Warum hat Napoleon die Hand in der Weste? Ralf Fischer weiß es: „Dort versteckt er die Erfurter Brunnenkresse“, so seine augenzwinkernde Erklärung. Immerhin ist es verbürgt, dass der französische Kaiser einst bei einem Besuch der Stadt derart von den saftig-scharfen grünen Blättern angetan war, dass er um 1808 herum zwei hiesige Gärtner mitnahm, um sie in der Nähe von Versailles Brunnenkresse anbauen zu lassen. Ob die wohl genauso auf der Zunge zergehen würde wie das Erfurter Original?

Natürlich, Brunnenkresse gedeiht auch anderswo. Doch diese besondere Schärfe des Erfurter Gewächses, leicht am Rettich erinnernd und mit einem süßen Hauch versehen, soll einzigartig sein. „Sie schmeckt einfach anders, viel intensiver, das sagen auch viele andere“, hört Ralf Fischer immer wieder und freut sich darüber. Er und seine Frau Karola sind die einzigen, die Erfurts Brunnenkresse-Tradition bewahren, das Gemüse noch heute anbauen. Dabei wäre diese Tradition mit ihrer Blütezeit Ende des 18. Jahrhunderts beinahe in Vergessenheit geraten. Wie viele andere Gärtner widmet sich auch die Gärtnerfamilie Fischer lange Zeit der Erfurter Brunnenkresse. Großvater August, Großmutter Johanna, Vater Fritz und Mutter Johanna bauen vor allem Gemüse an, haben immer auch ein großes Herz für die wohlschmeckende Wasserpflanze, die den Winter über Vitamine liefert und den Gärtnern Arbeit garantiert. Doch mit der Verstaatlichung des Betriebes und dem Weggang von Ralf Fischers Vater im Jahr 1974 endet auch der Anbau der Erfurter Brunnenkresse.

Im Herzen schon immer Gärtner

Wenn auch Ralf Fischer auf Vaters Wunsch den Gärtnerberuf nicht erlernen durfte, ist er im Grunde seines Herzens und von den Genen her doch einer. „Im Gewächshaus roch es immer so schön nach Erde, es war immer herrlich zu sehen, wie alles gewachsen ist. Ende März gab es dann die ersten Radieschen“, formuliert er liebgewordene Erinnerungen. Er bekommt das Gärtnern einfach mit auf den Weg. „Man hat es im Gefühl, du weißt genau, was wann zu tun ist.“ Da ist es fast eine logische Folge, dass Ralf Fischer und seine Frau 1990, als die Familie ihr Eigentum zurückbekommt, beschließen, die Erfurter Brunnenkresse, das Ur-Gemüse, wiederzubeleben. „Sie muss einfach bewahrt werden, gehört zur Stadt genau wie der Dom“, so Ralf Fischers Überzeugung.

“Du weißt, wie viel Arbeit das macht“, sagen Vater und Mutter zu den jüngeren Fischers und freuen sich, dass sie sich nicht davor scheuen. Auf 500 Quadratmetern lassen sie die sogenannten Klingen nahe der Hochheimer Straße im Dreienbrunnengebiet wieder erstehen, bauen Brunnenkresse so an, wie es einst Gartenbaumeister Christian Reichart tat. Das Wichtigste ist dabei das Wasser, das immer langsam fließt. Bei Fischers Brunnenkresse kommt es aus der westlichen Silberhüttenquelle, deren Wasser mineral- und nährstoffreich und stets - selbst bei Frost - 11,2 Grad Celsius warm ist. „Es muss immer fließen, das ist der Lebensnerv der Brunnenkresse“, weiß Spezialist Fischer und erzählt, dass das Gemüse Frost, Wolken und Nebel nicht mag. Trotzdem ist es zur Winterzeit reif, wird von September bis April geerntet. In reiner Handarbeit und auf den Knien. Das fällt dem mittlerweile 65-jährigen Ralf Fischer und seiner Frau, die immer auch ein paar Helfer an ihrer Seite haben, nicht mehr so leicht wie früher. Auch sonst hält sie die Brunnenkresse mächtig auf Trab - immer wieder müssen sie knieend Unkraut entfernen, Triebspitzen entnehmen, neue Pflanzen ziehen, die Setzlinge einbringen... „Das stört uns alles nicht, auch wenn wir immer wieder investieren müssen. Das ist einfach unsere große Leidenschaft und wird uns nie zuviel“, schwärmt Ralf Fischer vom sehr zeitaufwändigen Familienhobby. „Es gibt nichts Schöneres, als zu sehen, wie die Brunnenkresse wächst und gedeiht und wir dieses Original erhalten“, fügt er hinzu. Dass im Winter die Kresse Familie Fischers liebstes Gemüse ist, ist selbstverständlich. Als Salat, als Suppe oder zum Butterbrot kommt es auf den Tisch. Der Geschmack ist unvergleichlich, sagen sie. Noch dazu ist Brunnenkresse voller Vitamine, reich an Gerb- und Bitterstoffen und Senföl. Eine amerikanische Studie spricht sogar vom gesündesten Gemüse der Welt. Auch Gastronomen der Region haben längst die Erfurter Brunnenkresse für sich entdeckt und erwarten sehnsüchtig die Ernte. Napoleon hat sich in diesem Punkt als sehr weitsichtig erwiesen.

Weitere Infos: www.erfurter-brunnenkresse.de

Die Brunnenkresse:

- Brunnenkresse gehört zu den Kreuzblütengewächsen (Brassicaceae); sie ist verwandt mit bekannten Gemüsearten wie Rettich oder Radies.

- Die Brunnenkresse kommt ursprünglich in den meisten Ländern der Nordhalbkugel vor und ist heute auch in vielen kühleren Gebieten des Südens zu finden. Selbst in warmen Thermalquellen kommt sie natürlich vor.

- Brunnenkresse ist eine ausdauernde Wasserpflanze. Sie hat einen hohlen Stängel und bildet Adventivwurzeln aus den Blattachseln. Die Blätter sind dunkelgrün, gefiedert und glatt. Die weißen Blüten stehen in Gruppen, die Schötchen sind leicht gebogen und enthalten bis zu 60 Samen. Der Samen ist mit einem Tausendkorngewicht von ca. 2,8 g klein.

- Brunnenkresse ist eine Langtagspflanze und blüht vom Mai bis zum September.

- Von Herbst bis Frühjahr wird das frische Kraut geerntet. Die Vermehrung kann über Saatgut und Vorkultur von Jungpflanzen oder Stecklinge erfolgen.

Das Brunnenkresse-Buch:

“Brunnenkresse - Gesunde Erfurter Delikatesse“

Das Buch beschäftigt sich mit den botanischen und historischen Wurzeln der Brunnenkresse, seiner medizinischen Anwendung von der Antike bis heute, dem Anbau und der kulinarischen Nutzung in Deutschland und der Welt. Einen Schwerpunkt bildet die Darstellung des Brunnenkresseanbaus im Erfurter Dreienbrunnengebiet. Detailliert wird das historische Anbauverfahren beschrieben bis hin zu Empfehlungen, wie man selbst Brunnenkresse anbauen kann. Für Gaumenfreunde sind erprobte Rezepte zum Nachkochen enthalten.

Brunnenkresse-Salat:

Das Familienrezept von Johanna Fischer für Brunnenkresse-Salat (zwei Portionen):

Zutaten:

250 Gramm Brunnenkresse, Saft einer Zitrone, eine kleine Zwiebel, eine Prise Salz, zwei Esslöffel Zucker, 200 bis 300 Milliliter Wasser, ein Esslöffel Sonnenblumenöl.

Zubereitung:

Die Brunnenkresse waschen und in eine Schüssel geben. Die Zwiebel in kleine Würfel schneiden und mit dem Saft der Zitrone, dem Zucker, Salz und Wasser in einem Gefäß verrühren, bis sich der Zucker aufgelöst hat. Dann alles über die Brunnenkresse geben und unterheben. Kurz vor dem Servieren das Öl darüber verteilen.

Autor:

Helke Floeckner aus Erfurt

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