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Klaus Paffrath greift in seinem Buch einen wahren Fall auf
Mord an Frederike - und der überführte Täter wird nicht angeklagt

Von ihrer Chorprobe kehrte Frederike nie wieder nach Hause zurück, sie wurde ermordet.
Von ihrer Chorprobe kehrte Frederike nie wieder nach Hause zurück, sie wurde ermordet. (Foto: Helke Floeckner)
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Die 17-jährige Frederike wurde ermordet: Der Thüringer Autor Klaus Paffrath greift in seinem Roman einen wahren, skandalösen Fall auf. Denn der Täter ist auf freiem Fuß:

Ein grauer, nebelverhangener Tag. Als würde der Himmel in seiner bedrückenden Düsternis dem Furchtbaren, das folgt, einen grausam gestalteten Rahmen geben wollen: Es ist der 4. November 1981. Die 17-jährige Frederike ist in die benachbarte Stadt zur Chorprobe gefahren. Als die am Abend vorbei ist, fährt längst kein Bus mehr in ihr Heimatdorf zurück. Mama zu Hause hört auch nicht, als das Mädchen von der Telefonzelle aus anruft. Also fährt sie heute per Anhalter. Das soll sie zwar nicht, aber Frederike ist schlau, sie hat sich extra dafür ein paar Regeln gemacht und passt gut auf sich auf.

Frederike wird nie zu Hause ankommen. Das bange Warten auf sie endet in einer furchtbaren Gewissheit: Vier Tage nach ihrem Verschwinden wird die Leiche des Mädchens gefunden. Frederike wurde missbraucht und bestialisch ermordet.

Tatverdächtiger ermittelt - und freigesprochen

Ein Tatverdächtiger ist schnell ermittelt. Doch letztendlich wird er freigesprochen. Frederikes Vater zerbricht beinahe daran, dass ihm die Tochter genommen wurde. Und dass er niemanden dafür verantwortlich machen kann. Er möchte, dass der Täter gefunden wird, nur das scheint ihn all die lange Zeit am Leben zu halten. Immer wieder hakt er nach, erinnert Polizei und Politik an den ungelösten Fall. Dann, endlich, 31 Jahre nach der Tat die erlösende Nachricht: Laut DNA-Analyse ist der Täter überführt. Doch er darf nicht angeklagt werden.

Über diesen Fall muss er schreiben

Er legt sofort das Manuskript beiseite. Eigentlich ist Dr. Klaus Paffrath gerade dabei, sein fünftes Buch fertigzustellen, ein Krimi soll es wieder werden. Doch als er im Fernsehen von dem Fall der 17-jährigen Frederike von Möhlmann aus Niedersachsen erfährt, gilt seine ganze Aufmerksamkeit nur noch ihm. Immer wieder schüttelt er den Kopf. Darf das alles wirklich sein? Das Mädchen war damals missbraucht und mit etlichen Messerstichen getötet worden. Nach der Tat vom November 1981 wurde ein Verdächtiger angeklagt, doch nach anfänglichem Schuldspruch wird er in der Revision freigesprochen. Gefundene Faserspuren und ein Reifenabdruck würden nicht ausreichen, dem Mann etwas zu beweisen. Frederikes Vater akzeptiert die Entscheidung des Gerichtes, selbstverständlich. Doch er möchte, dass der Mörder seiner Tochter gefunden wird. Immer wieder erinnert er an den ungelösten Fall, bleibt hartnäckig. Mit Erfolg: Eine DNA-Analyse - die in den Jahren nach der Tat noch nicht möglich war - beweist, dass der einstmals Angeklagte und Freigesprochene der Täter ist. Doch der Mann darf nicht erneut angeklagt werden. Dafür sorgt der sogenannte Strafklageverbrauch, der Grundsatz "ne bis in idem". Der ist im Artikel 3 des Grundgesetztes festgehalten und besagt, dass niemand wegen derselben Tat zweimal angeklagt werden darf, wenn ein rechtskräftiges Urteil vorliegt. Selbst dann nicht, wenn es neue Beweise gibt.

Wieso darf das sein?

"Wie können Juristen so etwas zulassen?", fragt sich Klaus Paffrath, der selbst Jura studiert hat und heute im Bildungsministerium tätig ist, und beschließt, sein Manuskript ruhen zu lassen und stattdessen den Fall Frederike zu einem Buch zu verarbeiten. Er geht ihm nahe, wie so vielen anderen auch. Immer wieder fährt er von Thüringen nach Niedersachsen, spricht mit Frederikes Vater und seinem Anwalt. "Ein aufrechter Mann, der sich von all dem Schmerz und dem Kampf nicht beugen lässt", zollt der leidenschaftliche Thüringer Hobbyautor dem Vater Respekt. Er packt die ganze tragische Geschichte in einen Roman. Dort kann er sich der Kunstfreiheit bedienen und Dialoge und Personenbeschreibungen fantasievoll verändern. "Aber sämtliche Fakten stimmen", ist der Roman trotz allem ein Tatsachenbericht.

Und er ist noch viel mehr. "Es geht mir nicht darum, den Täter an den Pranger zu stellen", erklärt Paffrath, der wie alle anderen den Mann trotz eindeutiger Beweise nicht öffentlich als Mörder bezeichnen darf. Vielmehr wolle er in einfacher und verständlicher Sprache die juristischen Hürden zeigen, warum der mutmaßliche Täter nicht angeklagt werden darf. Dass damit Täterschutz über dem Opferschutz steht, ist in Deutschland ein trauriger Fakt. Andere europäische Länder handeln da anders. In Skandinavien, England, Österreich, Bulgarien, Rumänien und Russland kann bei neuen Beweisen ein Strafverfahren wieder aufgenommen werden. Deutschland hat dies zwar 1984 ebenfalls unterschrieben, es aber nicht ins Grundgesetz übernommen. Das muss geändert werden.

Kämpfen für das Recht

"Ich stehe ganz auf der Seite von Frederikes Vater", bekennt Klaus Paffrath, der es gutheißt, dass der mittlerweile 75-Jährige nicht aufhört, für das Recht zu kämpfen. "Politik und Justiz haben versagt, die Politik muss etwas tun", nimmt der Thüringer Autor kein Blatt vor den Mund. Bisher haben der Vater des ermordeten Mädchens und sein Anwalt nahezu alles versucht, um eine Gesetzesänderung auf den Weg zu bringen: Sie sprachen mit Mitgliedern von Landtag und Bundestag, versuchten, einen Dialog mit dem Bundesjustizministerium zu beginnen, starteten auf der Online-Plattform change.org eine Petition, für die es über 100.000 Unterstützer-Unterschriften gab, gehen nach wie vor an die Öffentlichkeit. Einen winzigen Teilerfolg haben sie schon erzielt, in einem Urteil des Oberlandesgericht in der (nicht erfolgreichen) Zivilklage des Vaters steht geschrieben, dass der Beklagte die Schülerin Frederike vergewaltigt und erstochen hat.

Im Moment treten die Bemühungen aller, die den Täter bestraft sehen wollen, eher auf der Stelle. "Der Vater möchte aber eine neue Petition starten, diese dann an den Bundestag geben", weiß Dr. Paffrath. Im Frühjahr wird der Thüringer aus seinem Buch lesen, bei mehreren Terminen in Niedersachsen. Ganz nah dran am Geschehen. Vielleicht kommt dadurch wieder Bewegung in den Fall. "Das alles ist ein untragbarer Zustand. Ich wünsche mir, dass der Täter seine gerechte Strafe erhält.!

Zusatzinfos:

- "ne bis in idem" (lateinisch für "nicht zweimal wegen derselben Tat") ist ein verfassungsrechtlich durch Artikel 103 Absatz 3 im Grundgesetz abgesicherter Grundsatz des Strafverfahrensrechts (Strafprozess), der es verbietet, dass jemand wegen einer Tat, deretwegen er rechtskräftig verurteilt oder freigesprochen worden ist, erneut verfolgt wird.

- Am 25. 5. 1987 schlossen die Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft ein Übereinkommen über das Verbot der doppelten Strafverfolgung.

- Andere Länder sind in ihrer strafprozessualen Würdigung vergleichbarer Fälle weiter: Norwegen, Finnland, Schweden, England, Österreich, Bulgarien, Rumänien und Russland haben eine Wiederaufnahme eines Strafverfahrens bei neuen stichhaltigen Beweisen in ihren Strafprozessordnungen vorgesehen.

- Zwar hat Deutschland am 22. November 1984 in Straßburg das Protokoll Nr. 7 zur Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten unterschrieben, das unter anderem das Folgende normiert:

"1. Niemand darf wegen einer Straftat, wegen der er bereits nach dem Gesetz und dem Strafverfahrensrecht eines Staates rechtskräftig verurteilt oder freigesprochen worden ist, in einem Strafverfahren desselben Staates erneut verfolgt oder bestraft werden.2. Absatz 1 schließt die Wiederaufnahme des Verfahrens nach dem Gesetz und dem Strafverfahrensrecht des betreffenden Staates nicht aus, falls neue oder neu bekannt gewordene Tatsachen vorliegen oder das vorausgegangene Verfahren schwere, den Ausgang des Verfahrens berührende Mängel aufweist."

Doch die Überführung ((Ratifizierung) ins deutsche Recht ist nicht geschehen, das ist nicht um den Wiederaufnahme-Passus in Artikel 103 Absatz 3 erweitert worden.

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