Dieses Ehrenamt sorgt für Blicke hinter die Gerichtskulissen
Schöffen gesucht: Richter mit Bauchgefühl

Schöffen entscheiden bei Gerichtsverfahren gemeinsam mit Berufsrichtern über Schuld und Strafe.
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  • Schöffen entscheiden bei Gerichtsverfahren gemeinsam mit Berufsrichtern über Schuld und Strafe.
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Die Mitleidsmasche zieht bei Mathias Küntzel nicht. Tränen vor Gericht beeinflussen sein Urteil nicht. Nur nicht zu emotional werden, immer die nötige Distanz wahren und objektiv bleiben – mit dieser Einstellung meistert der Gothaer sein Amt als einer von 412 Thüringer Jugendschöffen.

Als sich der heute 30-Jährige vor fünf Jahren als ehrenamtlicher Richter bewarb, lockte ihn vor allem die Aussicht auf einen Blick hinter die Kulissen der Justiz. Mittlerweile hat er erfahren: „Die Tätigkeit ist wirklich richtig interessant. Diese Erfahrung kann ich nur jedem empfehlen.“ Kein Wunder also, dass sich der Landratsamtsmit­arbeiter erneut beim Jugend­amt beworben hat.

Dabei hätte der Start damals nicht viel schlechter laufen können. „Meine erste Verhandlung war eine Katastrophe“, gesteht ­Mathias Küntzel. Versehentlich erschien der neue Jugendschöffe viel zu spät. „Alle haben schon lange auf mich gewartet. Es war mir so peinlich. Seitdem bin ich immer pünktlich.“

Übel genommen hat ihm diesen Patzer anschließend niemand. „Ich habe bisher nur nette Menschen kennengelernt. Dabei hatte ich am Anfang die Sorge, dass mich der Richter am ausgestreckten Arm verhungern lässt, weil ich nur ein Klotz an seinem Bein bin.“

Denn Ahnung vom Jugendstrafrecht besitzt er nicht. Muss er auch nicht. „Es geht auch ohne. Der Demokratiegedanke ist, dass auch ein­fache Menschen am Verfahren teilnehmen, als Stimme des Volkes.“

„Es gibt keine strenge Kleiderordnung. Jeans sind o.k. Flipflops nicht.“

Mathias Küntzel

Auch wenn er meist aus dem Bauch heraus ent­scheide, zählt seine Menschenkenntnis ebenso viel wie das Rechtswissen des Richters. In fünf Jahren haben er und sein Co-Schöffe den Richter aber nur einmal überstimmen müssen. Es ging um einen Raub. 50 Sozialstunden ­erschienen ­Küntzel zu wenig als Strafe. „Denn die Angeklagte war frech und hat nur gelogen“, erinnert er sich.

Die klassischen Strafverfahren von Jugendlichen ähneln sich seit Jahren: Fahren ohne Fahrerlaubnis, Diebstahl­delikte, Körperverletzung, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, seltener sexuelle Nötigung. „Ich erinnere mich an jeden Fall“, sagt der Gothaer. Doch schlaflose Nächte habe ihm noch keiner bereitet. Zwei Jahre Freiheitsstrafe ist das höchste Strafmaß, das er bisher ausgesprochen hat. Doch meist müssen die Jugend­lichen und Heranwachsenden für ihre Taten Sozialstunden leisten.

„Es geht nicht vorrangig darum, die jungen Täter zu bestrafen. Wir schauen, welche Erziehungsmaßnahme wir wählen, damit dies nicht wieder passiert. Sie sollen mal über ihre Vergehen nachdenken und aus ihrem Fehler lernen.“ Auf diese Weise einen jungen Menschen wieder auf den rechten Pfad zu bringen, das klappt manchmal. Doch oft genug besagt eine lange Liste an Vorstrafen leider das Gegenteil.

Zwei Jahre sind ein halbes Leben.

Küntzel bedauert zudem, dass zwischen Straftat und Anklage manchmal anderthalb Jahre oder mehr liegen. „Im Erwachsenenstrafrecht mag das gehen. Und die ­Gerichte sind bestimmt überfordert. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Aber für einen Jugendlichen oder Heranwachsenden sind zwei Jahre ja gefühlt schon ein halbes Leben.“

Der 30-Jährige wirbt im Bekanntenkreis für das Amt. „Oft höre ich dann: Ich habe zu wenig Zeit. Doch das ist Blödsinn.“ Bei maximal zwölf Verfahren im Jahr, von denen in der Regel nur die Hälfte stattfindet, muss der Jugendschöffe fürs Ehrenamt selten mehr als 20 Stunden im Jahr einräumen. Mit der Verantwortung kommt Mathias Küntzel gut klar, ebenso damit, dass er immer wieder durch ihn Verurteilten in der Stadt begegnet. „Damit habe ich kein Problem. Meistens erinnern sie sich gar nicht mehr an mich.“

Hintergrund:
In Thüringen gibt es insgesamt 1757 Haupt- und Hilfsschöffen. Sie entscheiden bei Gerichtsverfahren gemeinsam mit Berufsrichtern über Schuld und Strafe. Diese Zusammenarbeit soll zu einer lebensnahen Rechtsprechung beitragen, die das Vertrauen in die Justiz stärkt und erhält.

Nur Deutsche zwischen 25 und 70 Jahre und ohne Vorstrafen dürfen Schöffen werden. Jugendschöffen sollen zudem pädagogische Erfahrungen haben. Gewählt sind die Ehrenamtlichen für fünf Jahre, die aktuelle Amtszeit endet zum 31. Dezember.

Bis spätestens Mitte Juni erstellen die Gemeinden und Jugendämter aus den Bewerbungen die Listen mit den Kandidaten, die sich zur Wahl stellen wollen. Formulare und Infos gibt es unter: www.thueringen.de (Suchwort: Schöffen­wahlen 2018) und www.schoeffenwahl.de. Ansprechpartner für Jugendschöffen im Landkreis Gotha ist Stefanie Heinrich unter Telefon:  0 36 21 / 21 43 33.

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