Jüdisches Leben in Thüringen:
Zwischen Handy und Halacha - Moderne Familien mit uralten Gesetzen

Rabbiner Benjamin Kochan in der Neuen Synagoge Erfurt: Neben ihm steht die Menora. Der siebenarmige Leuchter ist eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums.
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  • Rabbiner Benjamin Kochan in der Neuen Synagoge Erfurt: Neben ihm steht die Menora. Der siebenarmige Leuchter ist eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums.
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Benjamin Kochan ist der Rabbiner der jüdischen Landesgemeinde in Thüringen. Seinen modernen Alltag lebt der 29-Jährige nach jahrtausendealten Gesetzen. Im Interview mit AA-Redakteur Michael Steinfeld spricht der Erfurter über Glauben, Gebote und seine Gemeinde.


Christen leben mit den zehn Geboten. Sie mit 613 Mitzwot, also 248 Geboten und 365 Verboten. Ein Verbot für jeden Tag im Jahr. Das klingt viel.

Die Halacha deckt alle Bereiche des Lebens ab, von morgens bis abends, ob finanziell oder familiär. Das ist sehr selten in einer anderen Religion zu finden. Viele Ge- und Verbote sind heute nicht mehr relevant. Es gibt heute beispielsweise keinen Tempel oder Opferbringungen mehr wie damals in Jerusalem. Die Mitzwot sind also noch vorhanden, man kann sie praktisch aber nicht mehr ausführen. Aber andere Gebote sind auch heute noch relevant. Man braucht so viele, weil der Glauben im Judentum so aktiv ist. Das heißt: Zu glauben allein, reicht nicht. Der Glauben spiegelt sich im Verhalten des Menschen und in seinem praktischen, alltäglichen Leben wider. Und dies kommt zum Ausdruck durch diese Vorschriften.

Sind für Sie alle Mitzwot gleich wichtig?
Generell soll man keine Unterschiede machen. Es zieht Konsequenzen nach sich, einige Verbote nicht einzuhalten. Zur Zeit des Tempels gab es auch ein jüdisches Gericht, das Strafen aussprechen konnte. Das gibt es heute noch, es hat aber nicht mehr die Kompetenzen wie damals.

Die Gesetze begleiten Sie vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Wie sieht Ihr Tag aus?
Wir durchleben unseren Tag wie ganz normale Menschen. Aber gewisse Momente sind vorgeschrieben. Wenn ein Jude morgens aufsteht, dankt er beispielsweise dem Ewigen, dass er ihm die Seele zurückgegeben hat. Mit diesen Worten fängt er den Tag an. Ehe er etwas berührt, wäscht er sich dann erst einmal die Hände. Vor der Arbeit kommt ein Morgengebet mit Gebietsriemen und -mantel, Tefillin und Tallit. Gibt es am Ort keine jüdische Gemeinde mit Synagoge, dann betet man zu Hause. Doch es ist besser, in der Gemeinschaft zu beten als allein. Das Gebet hat dann eine höhere Wirkung.

Können Sie alle Gesetze nachvollziehen?
Im Judentum zweifelt man nicht an den Gesetzen. Man versucht, sie zu verstehen. Jeder Mensch ist verschieden. Jeder muss für sich entscheiden, wie er die Gebote anwenden kann. Es ist wie bei einem Bauplan. Da hängt der Plan auch von unterschiedlichen Situationen ab, dem Boden oder dem Klima. So muss jeder nach seinen persönlichen Eigenschaften schauen, wie er die Gebote umsetzt. Dieses Konzept nennt man auch jüdische Ethik.

Gibt es eine Mitzwa, die Ihnen schwerer fällt?
Der erste Schritt ist, den Willen zu zeigen, sein Leben danach zu richten. Im zweiten Schritt schaue ich, wie ich die Mitzwa umsetzen kann. Viele Aspekte betreffen den Sabbat, was verboten oder erlaubt ist. Für manche Berufsgruppen ist es schwierig, am Samstag nicht zu arbeiten. Im Winter sind die Tage kurz, dann fängt am Freitag schon um 16 Uhr der Sabbat an. Und vorher muss man sich noch vorbereiten. Studenten haben häufig am Sabbat Prüfungen. Der Professor möchte die Prüfung verständlicherweise nicht für einen einzigen Studenten verschieben.

Aber dann zählt der Wille, es zu versuchen und beim Professor nachzufragen?
Genau. Man gibt nicht gleich auf, nur weil es schwierig wird.


Da Juden am Sabbat nicht arbeiten dürfen - was raten dann Sie einem jungen Gemeindemitglied, das beispielsweise ein Medizinstudium beginnen möchte?

Es gibt viele jüdische Ärzte. Es ist eine Frage des Willens. Wenn man die Sabbatregeln einhalten will, regelt man das - auch als Arzt. Schwieriger ist es in anderen Berufen wie Musiker oder Schauspieler, weil ihre Auftritte am Wochenende sind. Ich rate nur, wenn ich gefragt werde. Es geht auch nicht darum, von einem Beruf abzuraten. Wenn die Notwendigkeit besteht, mache ich ihn auf die möglichen Probleme aufmerksam. Ich erkläre nur das Bild. Aber jeder sollte seine eigenen Entscheidungen treffen.

Wie sieht ihr Sabbat aus? Das Handy bleibt aus, nehme ich an?
Ja, das Handy ist am Sabbat ausgeschaltet.


Sie dürfen generell aktiv keine Elektrizität nutzen.

Man darf keine Elektrizität nutzen, kann aber von ihr profitieren. Man schaltet also die Lichter vorher an. Wenn man sparsam sein will, nutzt man eine Zeitschaltuhr. Auch kochen darf man nicht. Das Essen ist schon vorbereitet und wird auf einer speziellen Sabbatplatte warm gehalten. Sie funktioniert auch mit einer Schaltuhr.

Das ist ja trickreich. Umgehen Sie damit nicht nur die Gebote?
Das ist das Interessanteste am Gebot der Halacha. Es geht nicht um das Verbot gewisser Tätigkeiten, sondern um die Konzepte dahinter, die man lernt und anwendet. Ich muss die Gebote einhalten, aber auch die Grenze kennen. Deshalb ist das heilige Gesetz für alle Zeiten relevant. Nicht nur vor 1000 Jahren, auch heute noch.

Viele Gesetze beziehen sich auf das Essen. Schweinefleisch ist nicht koscher. Fleisch darf generell nicht mit Milchigem gegessen werden. Kein Cheeseburger oder Sahnesaucen zum Braten also.
Es gibt nicht nur den Unterschied zwischen koscheren und nicht koscheren Tieren. Koschere Tiere müssen auch koscher geschlachtet werden. Das muss ein jüdischer Schächter übernehmen. In Deutschland haben wir diese Möglichkeit nicht. In Großstädten gibt es koschere Geschäfte, in Thüringen nicht. Wir haben aber die Möglichkeit, in der Gemeinde gleich eine Großbestellung aufzugeben. Mitglieder können koscheres Fleisch bestellen. Das ist natürlich umständlich und da es erst importiert werden muss, kostet es deutlich mehr. Das Schwierigste ist aber nicht das Einkaufen, sondern in einem Restaurant Essen zu gehen. Das funktioniert gar nicht.

Einkaufen ist nicht so schwer: Die Rabbiner in Deutschland haben eine Koscher-Liste zusammengestellt. Sie wissen genau, welche Zusatzstoffe in den Lebensmitteln stecken, woher die Fette stammen, was zugemischt wurde. Die Lebensmittel der Koscher-Liste kann man im ganz normalen Laden und Supermarkt einkaufen. Sie sind nach Firmen aufgeteilt. Fleisch, Käse und Wein stehen natürlich nicht auf dieser Liste.


Sie sind orthodoxer Jude, der in der heiligen Schrift eine strenge Verbindlichkeit sieht. Was raten Sie Ihren Gemeindemitgliedern des liberalen Judentums?

Es ist eine große Herausforderung für kleine Gemeinden. Liberale Juden können problemlos an einem traditionellen orthodoxen Gottesdienst teilnehmen. Andersherum ist es nicht möglich. Größere Gemeinden können an einem Tag einen Gottesdienst für orthodoxe und an einem anderen einen für liberale Juden anbieten. Wir haben gar nicht so viele Gottesdienstbesucher. Und wir haben nur eine Synagoge. Die meisten Mitglieder kommen aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie sind nicht religionsgebunden, ihnen fehlte die Möglichkeit. Sie haben eine jüdische Identität, wissen aber wenig über ihre Religion. Ich denke, vor 60 Jahren gab es ganz andere Probleme. Man hatte weniger Zeit und Wille, sich Extraprobleme zu schaffen, über die man mit einer gewissen Toleranz hinwegsehen kann. Heutzutage haben wir ein Luxusproblem.

Hilft Ihnen im Gespräch mit den Gemeindemitgliedern aus der ehemaligen Sowjetunion Ihre eigene russische Herkunft - sowohl sprachlich als auch kulturell?
Sicher ist dies von Vorteil. Ich bin hier aufgewachsen, kam mit 15 Jahren nach Deutschland. Ich weiß, vor welchen Problemen und Herausforderungen die Einwanderer stehen.


In der jüdischen Zeitrechnung schreiben wir das Jahr 5777 seit der biblischen Schöpfung der Welt. Glauben Sie also nicht an die Evolution?

Ja. Da gibt es aber unterschiedliche Herangehensweisen - zum Beispiel, wie man die Dinosaurier erklärt.


Können Sie mir etwas über Ihre Thüringer Gemeinde erzählen?

Das Durchschnittsalter ist ziemlich hoch und steigt weiter. Das ist eine Herausforderung. Wer hier geboren ist, hat eine andere Beziehung zu Thüringen, hat Familie und Freunde hier. Die Einwanderer haben dies nicht. So fällt es den Jüngeren leichter, zu gehen. Wenn es notwendig ist, holen sie ihre Eltern nach, wenn sie woanders eine gute Arbeit gefunden haben. Sie sind hier nicht verwurzelt. Wir haben aber auch Kinder und Jugendliche. Es hängt von den Angeboten der Gemeinde ab. Zwei Sozialarbeiter der Gemeinde bieten Projekte und Veranstaltungen an, die es ermöglichen, dass sich die Menschen hier zuhause fühlen und so schnell wie möglich integrieren.


Sie sind seit zwei Jahren hier. Seit sieben Jahren gibt es nach mehr als sieben Jahrzehnten überhaupt wieder einen Rabbiner in Thüringen. Wie kann nach so einer langen Pause wieder Gemeindeleben entstehen?

Die Pause merkt man sicherlich. Gewisse Dinge muss man beispielsweise schon in der Kindheit fördern, sie sind Teil der Kultur, über die man gar nicht nachdenkt, wenn sie selbstverständlich ist. Wer mit Studium und Arbeit zu tun hat, für den spielen die jüdische Gemeinde und Religion eine untergeordnete Rolle.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Ich empfange die Gemeindemitglieder mit ihren unterschiedlichen Sorgen und Problemen, bin damit beschäftigt, die Programme und Projekte zu gestalten: Religionsunterricht, Gottesdienste, Begräbnisse, Sonntagsschule für Kinder.

Mit welchen Fragen kommen die Gemeindemitglieder zu Ihnen?
Ganz unterschiedlich. Manchmal wollen sie einfach sprechen. Für mich ist es eine Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Manchmal geht es um Fragen zur Beerdigung oder zu Gedenktagen oder zur jüdischen Tradition und Geschichte.


Sie sind verheiratet und haben zwei Kinder. Wie reden Sie mit Ihnen? Hebräisch? Russisch? Deutsch?

Zu Hause sprechen wir russisch. Meine Frau ist in Weißrussland geboren und in Israel aufgewachsen. Wir haben überlegt, ob sie mit den Kindern hebräisch spricht. Aber wir haben entschieden, dass eine Sprache erst einmal reicht. Deutsch lernen sie ja ohnehin in der Schule und haben es als Muttersprache - egal, welche Sprache wir zu Hause sprechen. Später kommt noch Englisch hinzu und Hebräisch lernen sie dann im Religionsunterricht.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Ich habe nur wenig Freizeit. Dann lese ich gerne etwas, das nicht unbedingt mit Judentum zu tun hat. Ich mag Geschichtsbücher und historische Romane.

Die Kippa tragen Sie den ganzen Tag?
Ja, aber auf der Straße trage ich eine Mütze darüber.

Weil Sie Angst haben, angepöbelt zu werden?
Nicht unbedingt. In Berlin war es in manchen Bezirken schon aus diesem Grund. Aber meistens will ich keine zusätzliche Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Ich möchte nicht angestarrt werden.

Fühlen Sie sich als Jude sicher in Thüringen?
Die Polizei bewacht die Synagoge während des Gottesdienstes. In Erfurt fühle ich mich sicher und wohl. Vor ein paar Wochen wurde ich abends auf Arabisch angeschrien. Das war bedrückend. Er hat etwas von Palästina geschrien und sein T-Shirt zerrissen. Das war nicht angenehm. Ich weiß nicht, was er geschrien hat, aber es war sicherlich nichts Gutes.

Machen Sie sich Sorgen über die politische Lage?
Ja, von drei Seiten her - durch die Extrem-Rechten und -Linken und auch durch extreme Islamisten. Außerdem ist mir aufgefallen, dass sich das Bild von Israel sehr geändert hat. Ich bin kein israelischer Staatsbürger und kein Zionist in dem Sinne, aber sicherlich ist mir das Schicksal der Juden dort nicht unwichtig. Sicherlich kann man nicht einverstanden sein mit der Politik von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Auch viele Leute in Israel sind nicht mit allem zufrieden, was er macht. Kritik ist erlaubt. Derzeit ist die Berichterstattung über Israel aber ein bisschen einseitig. Ich mache mir Sorgen um die Folgen, wenn beispielsweise Synagogen angegriffen werden aus Protest gegen Israel.

Sie waren nach dem Abitur in Israel. Welche Erfahrungen haben sie gesammelt?
Ganz gute. Es war mein Traum, ein Semester in Israel zu verbringen. Ich war dort schon einige Male, wollte aber wissen, wie man dort lebt. Es hat mir viel gebracht. Ich habe das Land kennen gelernt, aber auch die Menschen, die Gesellschaft, die Sprache, das moderne Hebräisch.

Sie leben seit 15 Jahren in Deutschland, studierten vorher in Berlin. Wie erleben Sie Thüringen?
Uns gefällt es hier als Familie. Viele Leute unterschätzen Erfurt und wissen nicht, wie schön es hier ist. Mir ging es genauso. Die Innenstadt ist schön, es gibt ein großes Kulturangebot, die Leute sind angenehm.

Die Stadt Erfurt bewirbt sich mit seinem jüdischen Leben um das UNESCO-Welterbe. Wie sehen Sie das?
Das war kein Anlass, weshalb wir hierhin gezogen sind. Es ist aber wichtig. Doch nicht nur für die jüdische Gemeinde, sondern für alle Erfurter. Sie bekommen ein Verständnis dafür, dass die Juden ein alter und wichtiger Teil dieser Kultur waren. Es ist nicht nur unsere Geschichte, sondern auch die Geschichte der Stadt.

Hintergrund:

Das Judentum gilt als die älteste monotheistische Religion. Mit rund 800 Mitgliedern handelt es sich bei der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen um eine der kleineren in Deutschland. Neben dem Hauptsitz in Erfurt existieren Außenstellen in Jena und Nordhausen.

Seit Oktober 2015 ist Benjamin Kochan Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Er wurde 1988 im russischen Magadan geboren, kam 2002 nach Deutschland und studierte am Berliner Rabbinerseminar. Er folgte Konstantin Pal, der 2010 nach 72 Jahren Unterbrechung wieder der erste Rabbiner in Thüringen war.

Kontakt:
Jüdische Landesgemeinde, Telefon: Tel.: 0361 / 5624964, www.jlgt.org

Wörterbuch:
Halacha (vom hebräischen „Gehen“ oder „Wandeln“) heißen die jüdischen Rechtsvorschriften. Die Halacha umfasst die überlieferten 613 Ge- und Verbote, die sogenannten Mizwot.

Der Sabbat, auch Schabbat, ist der Ruhetag im Judentum. Von Sonnenuntergang am Freitag bis zur Dämmerung am folgenden Samstag darf nicht gearbeitet werden.

Die jüdischen Speisegesetze schreiben die Zubereitung und den Genuss von Speisen und Getränken vor. Koschere Speisen sind demnach erlaubt.

Die Kippa ist eine kreisförmige Mütze, die den Hinterkopf bedeckt. Männer tragen sie üblicherweise beim Gebet, orthodoxe Juden auch im Alltag. Die Kippa signalisiert Gottesfurcht und Bescheidenheit vor Gott.

Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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