Schule mit Courage - Schule ohne Rassismus
Alles eine Frage der Würde

„Es wäre Verrat an der Jugend, an der Zukunft zu sparen“, sagt Michael Strupp, Lehrer an der Gemeinschaftsschule am Roten Berg.
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  • „Es wäre Verrat an der Jugend, an der Zukunft zu sparen“, sagt Michael Strupp, Lehrer an der Gemeinschaftsschule am Roten Berg.
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49 Thüringer Schulen mit Courage setzen sich aktiv gegen Rassismus ein. Wir stellen einen Lehrer, drei Schülerinnen und ihren Kampf für mehr Miteinander vor.

Seine Worte scheinen so unumstößlich. Wie für folgende Generationen in Stein gemeißelt. Diese Mischung aus träumerischem Optimismus und dem lebensbejahenden Wunsch nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Sie klingen wie Liedzeilen, die John Lennon beim Protest im Bett mit Yoko Ono geschrieben haben könnte. „Ich glaube, meine Schüler können es schon gar nicht mehr hören, wenn ich immer wieder das Gleiche predige“, sagt Michael Strupp. Doch aufhören, sie immer wieder an das Wesentliche zu erinnern, das wird er nicht.

Seit 33 Jahren ist der Erfurter Lehrer. Er unterrichtet Mathematik, Physik, Astronomie, Sozialkunde und Ethik. In seinem kleinen Büro - denn er ist ebenfalls Beratungslehrer - stapeln sich die Projekte für die gute Sache. Wenn er von „seiner Schule“ spricht, dann ist dies die Gemeinschaftsschule am Roten Berg. Im Erfurter Wohngebiet, in dem er groß geworden ist. Seine Heimat, die er nicht als Brennpunkt bezeichnet wissen möchte. „Wo aber eine Vielfalt an Meinungen herrscht.“ Strupp sieht die Tendenzen, Gefahren und Risiken dieser Tage. Sich klar zu positionieren, den „Rattenfängern“ direkt in den Weg, dies ist ihm wichtig.

Seit drei Jahren ist die Gemeinschaftsschule am Roten Berg eine Schule mit Courage, eine Schule ohne Rassismus. Sie stieß in einer Zeit zum Projekt, als immer mehr Flüchtlinge kamen. Neuankömmlinge, wie sie Michael Strupp lieber nennt. Viele hatten einen unvorstellbar beschwerlichen Weg hinter sich. Sie kannten den Krieg und waren jetzt in Sicherheit.

Sprachgewirr auf dem Schulhof

Die Kinder aus verschiedenen Ländern sorgten für Sprachgewirr auf dem Schulhof. „Die Schule war dadurch so bunt, so vielschichtig und vielfältig. Wir wollten Regeln, ein Gerüst und eine Basis haben, auf deren Grundlage wir als Schulgemeinschaft friedlich, respektvoll, achtungsvoll und tolerant miteinander umgehen. Wir wollten ein Signal setzen“, erinnert sich Strupp an den Beginn. 83 Prozent der Schüler unterschrieben die Vereinbarung, sich gegen Rassismus, Diskriminierung, Mobbing und Gewalt einzusetzen. Das Soll: übererfüllt. „Damit hatte ich nicht gerechnet“, gesteht der Erfurter.

Wer heute durch die Schule geht, dem folgt Artikel eins des Grundgesetzes auf Schritt und Tritt. Dass die Würde des Menschen unantastbar ist, steht hier auf fast jeder Stufe, an beinahe jeder Wand. Denn dies sollen die Schüler nie vergessen. „Und dieses ständige Erinnern ist harte Arbeit für alle Lehrer und die Schülervertretung“, weiß Strupp.

Klar, Konflikte gibt es immer, weil die Jugendlichen pubertieren, Machogehabe ausleben, Liebeskummer haben. Der normale Schulhofalltag. Doch die Würde jedes einzelnen gilt es zu respektieren – egal, wer er ist, an welchen Gott er glaubt, welche Lebensmuster er hat. Und bei aller Toleranz sind die Grenzen hier ganz klar gezogen. „In Deutschland gilt das Rechtssystem. Wer gegen Regeln verstößt, muss reglementiert werden. Wer hier ein Leben und eine Zukunft hat, muss das begreifen.“

Nach der Silvesternacht in Köln, als die Würde der Frauen mit Füßen getreten wurde, entwickelte Michael Strupp mit den Schülern eine „Würdesäule“. Diese Collage ähnelt einer menschlichen Wirbelsäule und ist gefüttert mit einem festen Wertesystem. „Wer Rückgrat hat, lebt das. Wer aufrecht stehen will, kann nur auf dieser Basis leben“, erklärt der Lehrer.

Verfassung für jeden Schüler

Jeder Schüler der Gemeinschaftsschule am Roten Berg lebt nach einer Schulverfassung. Neue Schüler bekommen einen Leitfaden an die Hand, der klar vermittelt: Es ist eine bunte, inklusive Schule, mit vielen Sprachen. Tolerant und weltoffen. Jeder hier hat das gleiche Recht zu lernen und auf einen Abschluss nach seinen Möglichkeiten. Keiner wird ausgegrenzt. Auch wer Defizite hat, soll seine Chancen nutzen können.

Gleiches Recht bedeutet gleiche Pflichten für alle. Dies soll das Gemeinschaftsgefühl stärken. Die Schüler werden ermutigt, Position zu beziehen gegen Rüpel und Randalierer. Und sich deutlich von Meinungen abzugrenzen, die in einem Rechtsstaat nichts zu suchen haben. Das friedliche Miteinander – auf der Welt wie auf dem kleinen Planeten Schule.

Strupps härteste Gegner heißen Desinformation und Desinteresse. Der Lehrer bemerkt immer wieder, dass seine Schüler zu wenig wissen über die Vergangenheit, rechtsstaatliche Hintergründe und ihr eigenes Land. Deshalb warnt er vor zu einfachen Antworten auf schwierige Fragen, vor Fake News und den Risiken der Sozialen Medien. „Die Netzwerke, in denen Meinungen geprägt und gemacht werden, wirken schneller, als sich selbst zu überzeugen und sich ein Bild zu machen – da hat die Schule einen großen Auftrag. Kritisches Hinterfragen ist unwahrscheinlich wichtig, um nicht manipuliert zu werden.“ Strupp will Lust wecken, sich selber zu informieren. Die richtigen Fragen zu stellen nach der Wahrheit, nach der Quelle. Und zu wissen, was los ist - am Roten Berg, in Deutschland, in der Welt.

Jugendliche Flüchtlingen kamen zu Besuch, sprachen mit den Erfurter Schülern. „Die wurden erst einmal geerdet, als sie erfuhren, dass diese Kinder ganz andere Prioritäten und Erfahrungen haben, als die Qual der Wahl vor dem vollen Einkaufsregal, die Zahl der Apps auf dem Handy oder der Freunde und Follower in den Sozialen Medien.“

Demokratie ist nicht selbstverständlich

Wie Abdul, der mit sechs Jahren schon den ganzen Tag Brötchen in der Bäckerei seiner Familie backen musste. Seine neuen Mitschüler bekamen in diesem Alter ihre Zuckertüte. „Sie sind hier so behütet und wissen ihre Chancen nicht zu schätzen“, beobachtet Michael Strupp. Während sich seine Schüler über eine Freistunde freuen, wäre Abdul damals gerne zur Schule gegangen. Doch die Bomben haben es verhindert. Heute lebt Abdul in Erfurt, ist 17, fleißig und voller Ziele.

„Demokratie ist nicht selbstverständlich, sondern in Tausend Jahren erkämpft“, betont Strupp. Man könne sie nicht einfach als gegeben hinnehmen und für sich beanspruchen. Stattdessen solle man sich einbringen, mitbestimmen, die Chancen nutzen.

Damit alle Schüler diese Werte leben, werden sie immer wieder gefüttert: mit Projekten, Ausstellungen, Ausflügen und Aktionen. Wie beim „Küchenquatsch“, wenn Schüler aus verschiedenen Ländern miteinander kochen. Oder beim Schülerradio, das jeden Morgen auf Sendung geht. Oder mit der selbst geschaffenen Modelleisenbahn-Landschaft, die im Keller immer weiter wächst. Jeder deutschsprachige Schüler hat einen Tandempartner, der Deutsch erst noch lernen muss. „Die beiden sind füreinander da“, sagt Strupp. So einige dieser Projekte wurden prämiert.

Synagoge besuchen, Weihnachtsgeschenke für Flüchtlinge sammeln, Theaterspiel in der Stadt, Ausflüge ins Jenaer Planetarium, zum Eislaufen, zum Kinderkanal KiKa, zur Kunststunde ins Museum, zur Radtour durch die Stadt. Die Unternehmungen sind zu zahlreich, um sie in Gänze darzustellen.

Aus der Geschichte lernen

Mit der Zeit ist ein starkes Netzwerk entstanden, das immer wieder die Zusammenarbeit ermöglicht. Vor Ort und deutschlandweit. Zum Beispiel mit dem Verein „Spirit Of Football“, der sich für Weltoffenheit und gegen Ausgrenzung jeglicher Art einsetzt. In einem Fußballteam halten die Spieler ebenfalls zusammen, gehen ehrlich und respektvoll miteinander um.

„Eine ganz wesentliche Sache ist die Nachhaltigkeit. Um sie zu erzeugen, muss man die Zusammenhänge leben“, fordert Michael Strupp. Deshalb spricht der Lehrer nach jeder Aktion mit den Schülern darüber, was sie gesehen haben, warum und wie sie sich damit auseinandersetzen. Sie sollen aus der Geschichte lernen. Denn Flucht und Vertreibung gab es schon immer. Und die Gründe sind heute wie früher die gleichen.

Michael Strupp weiß: 70 Jahre nach dem Ende des Kriegs, von Holocaust und Barbarei fehlt den Kindern der Zugang zur Geschichte. Mit seiner zehnten Klasse sah er Schindlers Liste, erstellte danach gemeinsam eine Collage, wie man sich mit Vertreibung und Ausgrenzung auseinandersetzt. Sie sprachen mit Zeitzeugen und besuchten Orte der Diktatur wie das KZ Buchenwald, die Erinnerungsstätten Topf & Söhne und das ehemalige Stasi-Gefängnis in der Erfurter Andreasstraße.

„Viele Schüler haben das Argument: Man kann die Welt nicht mehr retten“, sagt Strupp, den auch frustriert, dass Menschen Kriege führen und die Umwelt ausbeuten. Umso wichtiger werden für ihn die täglichen kleinen Entscheidungen. „Es wäre Verrat an der Jugend, an der Zukunft zu sparen.“ Zum Glück weiß er viele Engagierte um sich, die genauso denken.

„Die Saat geht auf“, erkennt Strupp Fortschritte. Die Schüler seien sensibler und demokratischer unterwegs. „Wenn ich sehe, was an unserer Schule in der Hauptsache passiert, dann ist das Gutes. Ich glaube, alle haben das Signal wahrgenommen.“

Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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