Ansichtssache: Gekürzte Bildung

Es gibt keine Talkrunde, in der Politiker nicht betonen, wie wichtig ihnen die Bildung sei. Nun aber wird im Freistaat gekürzt, in gut funktionierende Systeme eine Bresche geschlagen.

Dieses Mal besonders betroffen: Die freien Schulträger. Statt einen Blick in die Edith-Stein- Schule oder das Ratsgymnasium zu werfen, um zu sehen, mit wie viel Engagement dort Schule betrieben wird, findet Kultusminister Christoph Matschie es offenbar wichtiger, in Frankfurt/ Main oder Halle für ein weiteres Kompromiss-Modell längeren gemeinsamen Lernens zu werben. Neben Grund-, Haupt-, Real- bzw. Regelschule sowie dem Gymnasium, wird es künftig noch eine weitere Form, die Gemeinschaftsschule geben, in der bis zur 8. Klasse gemeinsam gelernt wird. Dabei gibt es „am Markt" bereits Kooperative und Integrierte Gesamtschulen. Wahrscheinlich wird sich damit die Unübersichtlichkeit durch weitere Pilotprojekte erhöhen.

Als Vater schulpflichtiger Kinder ist mir aber egal, ob meine Kinder fünf, sechs oder acht Jahre nicht von den anderen getrennt werden. Für mich klingt all dies nach einer Kompromisslösung - und nach Durcheinander.

Wünschenswert wäre ein einfaches System mit Konstanz. Der Staat sollte dabei das organisieren, wozu er in der Lage sein muss: Eine kompromisslos gut ausgestattete Schulform, in der alle, die nicht wegen einer Lernbehinderung eine andere Förderung benötigen, gemeinsam lernen. Diese Schule könnte bis zur 12. Klasse verschiedene Abschlüsse und Ausstiegsmöglichkeiten anbieten.

Denn: Vermeintlich „schlechte" Schüler tragen zur Bildung guter Schüler bei, mit anderen Kompetenzen und Fähigkeiten. Zum 20-jährigen Klassentreffen traf ich den Mitschüler wieder, dem ich im Schulhort immer bei den Hausaufgaben helfen musste. Er ist ein tüchtiger Kerl geworden, IT-Spezialist mit weltweiten Aufträgen. Er hatte mir 1988 in der „AG Computersport" immer heimlich die Befehle in der Programmiersprache „BASIC" geschrieben, weil ich nicht verstanden hatte, wie das funktionierte.

Alles weitere ist eine Frage der Organisation: Dafür braucht es einen ruhigen Unterricht, nicht allein Fachlehrer, sondern Pädagogen und kleine Klassen. Schulen ohne Geldsorgen, aber mit Visionen. Einrichtungen, die sich der Frage stellen: Welches Wissen benötigen unsere Kinder in der Zukunft?

In allen Hauptfächern gibt es zwei Lehrer, einer mit Erfahrung und ein Referendar. Das bietet mehrere Vorteile: Die Nachwuchskraft lernt in der Praxis; gemeinsam bekommen sie problematische Klassen besser in den Griff. Sie können erkennen, ob alle dem Stoff folgen können. Jeder Schüler geht mit einem Abschluss und damit mit einer Perspektive aus der Schule - ob nach 9, 10 oder 12 Jahren.

Wer seine Kinder nach einem anderen Konzept ausgebildet sehen möchte, hat dennoch die Wahl: Freie Träger organisieren ihre Systeme. Walldorf-, Montessori- oder Regenbogen- Schulen; katholischer oder evangelischer Schulalltag - sie werden finanziell gleich ausgestattet. Freie Träger bringen durch hohes Engagement oft mehr Zeit und Energie auf, kreative Lernformen anzubieten.

Aber in beiden Systemen sollten die Schulabgänger folgende Fragen am Ende mit „Ja" beantworten können: Habe ich eine hohe Allgemeinbildung? Kann ich meinen Lebensunterhalt bestreiten, ohne Schulden zu machen? Kann ich mich für einen Beruf entscheiden und gesund ernähren? Und vor allem: Habe ich Respekt vor menschlichem Leben?

Autor:

Axel Heyder aus Erfurt

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