Schüler fragen Politiker
"Ihr müsst euch wehren!" - Antje Tillmann beantwortet Schülerfragen

Die Siebtklässler von der Ulrich-von-Hutten-Schule fragen Antje Tillmann aus, die offen antwortet.
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Die Bundestagsabgeordnete Antje Tillmann (CDU) stellt sich am 24. September erneut der Bundestagswahl. Auf Bitte des Allgemeinen Anzeigers traf sie sich im Vorfeld mit der Klasse 7b der Ulrich-von-Hutten-Regelschule in Erfurt, um den Schülern rund um ihre Arbeit Rede und Antwort zu stehen.

Antje Tillmann vertritt Thüringen seit 2002 im Bundestag. Als Steuerberaterin und Diplom-Finanzwirtin ist sie seit 2014 finanzpolitische Sprechern der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Mitglied des Vermittlungsausschusses. Sie ist Mutter einer Tochter, wohnt in Erfurt und ist Mitglied des Stadtrates.

Was machen Sie, wenn Sie in Berlin sind?

Wir haben über 20 Sitzungswochen im Jahr, in denen ich in Berlin bin. Meine Woche in Berlin läuft so ab, dass ich montags anreise. Dann trifft sich der Fraktionsvorstand, um zu klären, was auf die Tagesordnung der Woche kommt. Dienstags ist Arbeitsgruppensitzung. Ich leite die Arbeitsgruppe Finanzen, in der wir viel über Finanz- und Steuerpolitik sprechen. Am Nachmittag ist Fraktionssitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, bei der 309 Abgeordnete versuchen, sich eine Meinung zu den einzelnen Themen zu bilden. Das kann schon hoch hergehen. Bei so vielen Menschen, die miteinander diskutieren, muss man schon sehr diszipliniert sein. Jeder darf seine Meinung sagen und hinterher wird darüber abgestimmt - das ist dann die Meinung der Fraktion. Donnerstags und freitags sind die Plenardebatten bei denen wir alle im Plenarsaal im Reichstag zusammenkommen. Hier werden die Gesetze tatsächlich verabschiedet. Da sitzen wir sehr lange, manchmal von morgens 9 bis nachts um 4 Uhr. Wer keine Lust hat, ruhig zu sitzen, für den ist Politik nichts.
 

Wird das denn nie langweilig?

Man muss schon viel Geduld haben. Ich sitze oft viele, viele Stunden und diskutiere mit anderen. Man muss auch akzeptieren, dass man nicht immer Recht bekommt. Manchmal überstimmt mich die Fraktion auch. Da beschließt sie vielleicht etwas, mit dem ich so nicht einverstanden bin. Man kann aber nicht einfach hingehen, auf den Tisch hauen und sagen, meine Meinung gilt jetzt. Mir macht das alles viel Spaß. Es geht ja immer wieder um andere Themen und Gesetze. In den sitzungsfreien Wochen ist es wieder ganz anders und völlig offen. Da treffe ich mich mit Bürgerinnen und Bürgern, habe Sprechstunden und gehe auch mal in Unternehmen. Das finde ich sehr spannend und abwechslungsreich. Ich habe ausgesprochen gern mit Menschen zu tun.

Warum werden Regelschulen benachteiligt? Wenn ich da nur an unsere Turnhalle denke...

Insgesamt haben wir in Erfurt leider ein Problem mit unsanierten Schulen. Es ist städtische Aufgabe, Schulen und Turnhallen zu schaffen, in denen ihr lernen und euch bewegen könnt. Wir als Bund sehen seit Jahren, dass das nicht gut funktioniert. Deshalb haben wir 7 Milliarden Euro für die Schulsanierung zur Verfügung gestellt. Die Stadt Erfurt bekommt davon rund 19 Millionen Euro, die sie zusätzlich für die Schulsanierung ausgeben kann. Im Moment läuft die Diskussion im Stadtrat, in welcher Reihenfolge saniert wird.
  Ich glaube nicht, dass der Zustand eurer Schule daran liegt, dass es eine Regelschule ist. Viele Grundschulen und Gymnasien sind auch in keinem guten Zustand. Ihr müsst euch wehren. Schreibt doch als Schulgemeinschaft einen Brief an die Politiker und ladet sie ein, herzukommen und zu sehen, unter welchen Bedingungen ihr hier lernen müsst. Damit die, die das in Erfurt entscheiden, auch sehen, wo die Probleme sind. Es geht nicht nur darum, Multifunktionsarenen für viel Geld zu bauen, sondern euch in den Schulen optimale Bedingungen zu ermöglichen.
  

Warum gibt es hier so wenig Kindergartenplätze?

Das ist auch ein kommunales Thema. Vor zehn Jahren haben wir gedacht, die Stadt Erfurt würde künftig weniger Einwohner haben. Es ist ein positiver Trend, dass immer mehr Menschen hierher ziehen. Das ließ sich so nicht vorausberechnen. Für viele Eltern, die wieder arbeiten möchten, ist das ein Riesenproblem, denn die Kinder müssen natürlich betreut werden. Von den Kindergärten, die da sind, sind leider auch viele noch nicht saniert. Da muss der Stadtrat die Priorität setzen und sagen: Kinder gehen vor. Auch da haben wir vom Bund ein extra Programm auf den Weg gebracht. Wir haben die Kinderbetreuung seit 2014 mit 1,6 Milliarden Euro baulich wie personell ausgebaut. Erfurt bekommt davon 5 Millionen Euro. Da ist jetzt die Stadt gefragt.
  

Man hört in den Nachrichten so viel von Attentaten und schlimmen Sachen. Wie kann man Deutschland wieder sicherer machen?

Deutschland ist eines der sichersten Länder der Welt. Statistisch gesehen geschehen bei uns die wenigsten Verbrechen. Erfurt ist sogar noch sicherer als die riesigen Großstädte in Deutschland wie Berlin oder Frankfurt. Dass wir im Moment sehr viel von Verbrechen lesen, hat zwei Gründe: Zum einen sind wir alle vernetzt und hätten vor zwanzig Jahren bestimmte Sachen gar nicht erfahren. Zum anderen ist die Welt tatsächlich unruhiger geworden. Bisher waren die Kriege immer weit weg. Jetzt kommt alles näher an uns heran. Auch dadurch, dass viele Menschen vor den Kriegen fliehen und zu uns kommen. Leider gibt es unter ihnen, genauso wie in Deutschland, nicht nur anständige Menschen.

Es gibt auch eine Gruppe von Menschen, die sagen, dass im Koran steht, dass sie jeden umbringen müssen, der nicht ihren Glauben hat. So etwas gab es in Deutschland auch vor langer Zeit mit den Kreuzzügen im Mittelalter. Glaubenskriege tauchen immer wieder einmal auf - und sie sind immer falsch. Für diese Attentäter sind die reichen Länder Europas das Ziel. Das macht uns große Sorgen. Deshalb müssen wir Politiker sicherstellen, dass genügend Polizei eingestellt wird und dass wir unsere Grenzen sichern. Wir diskutieren über Videoüberwachung oder darüber, ob man die prophylaktisch einsperrt, die eine schlimme Tat vorbereiten und beispielsweise im Internet nach einer Anleitung zum Bombenbau suchen. Das ist eine sehr schwierige Diskussion. Wir wollen, dass ihr auch weiterhin in Ruhe durch die Stadt gehen könnt. Ich verspreche euch, dass ich das im Auge behalte und alles mir Mögliche dafür tue, dass diese Sicherheit bleibt.
  

Wie sind Sie zur CDU gekommen?

Ich bin zur CDU eher zufällig gekommen. Mit 14 habe ich bei mir an der Schule die Schülerunion mit gegründet. Ernsthaft entschieden habe ich mich dann mit 16. Da habe ich mich mit dem Programm beschäftigt, fand es gut und bin in die CDU eingetreten. Aber man kann sich da auch irren, später seine Meinung ändern und eine andere Partei besser finden. Das muss man das bei einem Wechsel dann auch vernünftig erklären und begründen.Ich habe in meinem Leben noch nie eine andere Partei gewählt. Allerdings habe ich einmal nicht mit der Erststimme gewählt. Da ging es um einen Kandidaten, den ich nicht gut fand. Mit der Erststimme wählt man ja eine Person, mit der Zweitstimme eine Partei.

Was halten Sie von Angela Merkel?

Ich bewundere sie sehr. Mein Lieblingssatz, den sie mal gesagt hat, als man ihr mal vorgeworfen hat, dass sie nicht immer sofort reagiert, lautet: "Liebe Kollegen, ich muss mit dem Denken doch erstmal fertig sein, bevor ich rede." Und genau so ist sie, sehr ruhig, sehr bedacht, sehr konzentriert. Sie kann gut zuhören, bildet sich erst eine Meinung, wenn sie alle Argumente gehört hat und kann offenbar auch mit den schwierigen Persönlichkeiten um uns herum umgehen. Es gibt einige Regierungschef in Ländern um uns herum, die uns wirklich Sorgen machen. Doch sie redet mit allen. Ich bin der Meinung, sie ist die Beste für Deutschland.
  

Wie stehen Sie zu den vielen Baustellen, die nicht fertig werden?

Ich freue mich über jede Baustelle, denn das heißt, dass es danach schöner ist als vorher. Im Moment sind ja in Erfurt relativ viele Baustellen, weil wir als Bund 270 Milliarden Euro für Straßenbau bis 2030 zur Verfügung gestellt haben. Wenn Baustellen nicht fertig werden, hat das unterschiedliche Gründe. Bei großen Projekten ist oft das Problem, dass wir immer auch den Umweltschutz im Auge behalten müssen. Wenn wir eine Straße bauen und entdecken einen seltenen Feldhamster, dann kann es sein, dass der erst einmal umgesiedelt werden muss. Das ist richtig. Wenn wir unsere Natur nicht komplett kaputtmachen wollen, müssen wir auf solche Gegebenheiten Rücksicht nehmen. Dann gibt es wieder Situationen, in denen Grundstücksangelegenheiten nicht geklärt sind. Es ist selten böser Wille, wenn eine Baustelle nicht fertig wird. Der schlechteste Fall ist natürlich, dass das Geld ausgeht oder der Bau teurer wird.
  

Mit wem haben Sie am liebsten zu tun?

Mit euch, mit jungen Menschen. Ihr seid so offen und unkompliziert. Manchmal hat man mit Menschen zu tun, die sehr kompliziert sind. Da ich im Finanzbereich tätig bin, habe ich auch viel mit Banken zu tun. Wenn man weiß, dass der durchschnittliche Banker das Zigfache von unserer Bundeskanzlerin verdient, dann kann man sich vorstellen, dass die auch ziemlich mächtig sind. Denen klarzumachen, dass auch für sie die Regeln wie für andere gelten, ist manchmal ein hartes Stück Arbeit. Ich mag es auch nicht, wenn Leute nur schreien und pfeifen und andere nicht ausreden lassen. Mit solchen Menschen rede ich eher ungern.
 

Wieviel verdienen Sie?

Wir verdienen gut. Ich habe eine Diät von 9.327 Euro. Die Menschen, die in Deutschland viel Geld verdienen, müssen auch viele Steuern zahlen. Bei mir sind es circa 45 Prozent. Der Verdienst ist auch deshalb so hoch, damit Abgeordnete nicht bestechlich sind. Übrigens verdienen andere noch mehr Geld - Oberbürgermeister, Regionalfußballer, ein Sparkassenvorstand und ein Stadtwerkechef bekommen viel mehr als die Bundeskanzlerin. Manchmal muss man schon schauen, ob das wirklich angemessen ist. Die Erklärung für manche hohe Gehälter ist natürlich auch, dass wir in Deutschland die besten Leute haben wollen.

Hat man einen Nachteil, wenn man nicht wählen geht?

Rein rechtlich hat man keinen Nachteil. Niemand wird bestraft, wenn er nicht wählen geht. Aber es hat natürlich für das Land Nachteile. Wenn plötzlich 50 Prozent der Menschen nicht wählen gehen, kann es sein, dass extremistische Parteien gewählt werden, die ihr gar nicht haben wollt. Wer nicht wählt, kann nicht mit entscheiden, was im Land passiert. Ich bitte euch dringend, euch mit einzumischen. Wenn ihr dann 18 seid - geht wählen! Es ist auch sehr wichtig, dass wir junge Leute im Parlament haben, damit auch deren Interessen verwirklicht werden.
  

Haben Sie bei Ihrer vielen Arbeit überhaupt Zeit für Ihre Tochter?

Man muss sich Zeit füreinander nehmen, das ist ganz wichtig. Inzwischen ist meine Tochter 20, da geht das schon. Als sie noch kleiner war, habe ich versucht, mir auch immer in den sitzungsfreien Wochen Zeit für sie zu nehmen. Und wir haben damals einen Pakt geschlossen - wenn sie anruft und sagt, dass ich unbedingt nach Hause kommen soll, dann mache ich das. Das ist zweimal in all den Jahren vorgekommen. Sonntags war sowieso immer unser Familientag. Inzwischen ist sie ganz froh, dass ihre Mama nicht einsam ist und eine Menge zu tun hat, seit sie von zu Hause ausgezogen ist.

Die Siebtklässler von der Ulrich-von-Hutten-Schule fragen Antje Tillmann aus, die offen antwortet.
Bundestagsabgeordnete Antje Tillmann
Autor:

Helke Floeckner aus Erfurt

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