Rundgang durch die Thüringer Touristen-Information
­360  Grad, ­einsame ­Spitze: Thüringen digital erleben

Der Drehstuh ist vergessen. Die Gesprächedringen Dank der dicken Kopfhörer nur als Flüsterfetzen heran.
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  • Der Drehstuh ist vergessen. Die Gesprächedringen Dank der dicken Kopfhörer nur als Flüsterfetzen heran.
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Fünf Minuten schwere­los. Die ­Erfurter Krämer­brücke liegt mir zu Füßen. Wie ein Vogel blicke ich auf Weimar, Jena, Eisenach, die Wartburg und die Drachen­schlucht ­hinab, genieße die himmlische Aussicht in alle Richtungen.

Der Drehstuhl, auf dem ich sitze, ist vergessen. Die Gespräche der Menschen um mich ­herum dringen Dank der dicken Kopfhörer nur als Flüsterfetzen an mich heran.

Als ich die Virtual-­Reality-Brille wieder abnehme, ­brauche ich ein paar Augenblicke, um mich wieder zu ­orientieren. Ich war gerade nicht auf Kurzurlaub durch Thüringen. Ich war die ganze Zeit in der 360-Grad-Erlebnis­welt. So nennt sich seit Umbau und Neustart im ­Dezember die ­Thüringer ­Tourismus-Information ­gegenüber vom Erfurter Hauptbahnhof. Es ist der erste digitale Ausstellungsraum Deutschlands. So sieht der Tourismus der Zukunft aus.

„Die Besucher bekommen durch den VR-Film gleich einen guten Eindruck von Thüringen. Das begeistert viele.“ Ich blicke wieder in das freundliche Gesicht von Petra Hoffmann, die mir hier alles zeigt, seit ich die Tourist-­Information betreten habe. Ihr Namensschild weist sie als Thüringen-Botschafterin aus. „Wir wecken Emotionen und machen Lust auf den Freistaat“, erklärt sie ihren Job. „Die Kollegen sollen es leben, Thüringen zu empfehlen“, fügt später Marketingleiterin Martina Maaß erläuternd ­hinzu. Denn wer könnte ­besser seine Heimat präsentieren als überzeugte Lokal-­Patrioten?

10 Millionen Übernachtungen

Mit fast 10 Millionen Übernachtungen, über 3,1 Milliarden Euro Bruttoumsatz und über 100 000 Arbeitsplätzen ist die Tourismusbranche ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für den Freistaat. Doch es gibt noch reichlich Luft nach oben, denn Thüringen ist ­immer noch viel zu unbekannt. „Die meisten haben wenig Vorstellung und sind dann erstaunt, was wir alles zu bieten haben“, erfährt Hoffmann immer wieder. „Viele kennen die Wartburg, verorten sie aber nicht in Thüringen. Von Weimar haben sie gehört, haben aber von Erfurt keine Vorstellung. Dann sind sie überrascht und sagen: Wow, ist das eine tolle Stadt.“ Selbst Einheimische scheinen ihr Land oftmals eher schlecht zu kennen.

Eine Skyline mit den Thüringer Sehenswürdigkeiten umrahmt den runden „Weitblick“-Raum, in dem Besucher in die virtuelle Realität eintauchen können. „Ein Lehrer wies mich darauf hin, dass der Turm schief ist“, sagt Petra Hoffmann und zeigt erklärend auf die Kirche von Bad Frankenhausen, das leider nicht den Bekanntheitsgrad von Pisa hat.

Ob Rhönschafe, Bauhaus­lampe, Bratwurst oder Skatspiel – zwischen­drin gibt es hier ­immer kleine Klappen zu öffnen und Schaufenster mit Thüringer Sehenswürdig­keiten, Besonderheiten und Errungenschaften zu ­betrachten. Und zu belauschen: Da erklingt Bach an der Orgel, zwitschern Vögel im Hainich, ertönt die Windmaschine aus dem Ekhof-­Theater. „Wenn wir schauen, in welchem Konzert wir mitspielen, dann muss man schon was bieten“, sagt Petra Hoffmann mit kritischem Blick auf andere Länder, die mit Thüringen um die Touristen buhlen.

Bratwurst aus der Dose

„Der gute Rat“ ist der erste Raum nach Betreten der Thüringer Tourist-Info betitelt. Ich merke schnell: Der Name ist Programm. Hier reserviert das Team Zimmer, verteilt Veranstaltungs­hefte und Fahrpläne, verkauft ­Tickets für Bühnen und Konzerte oder die Thüringen-­Card. Wer lieber selbstständig bleiben möchte, kann sich durch das Touchscreenmenü tippen und wischen.

Englisch, Französisch, Holländisch und Dänisch – in diesen Sprachen sind die Prospekte erhältlich. Tatsächlich kommen von jährlich mehr als 3,7 Millionen Besuchern keine sieben Prozent aus dem Ausland. Die meisten reisen aus Sachsen und Nordrhein-­Westfalen an. Oder sie machen Urlaub im eigenen Land. Und nur noch eine Minderheit von 14 Prozent, eher ältere Kultururlauber, informiert sich Dank der Broschüren über Thüringer Landschaften und Städte oder zu Themen wie Bauhaus, das jüdisches Erbe, Aktiv- oder Familienurlaub.

Im Souvenirshop sind der Playmobil-Luther und Bratwürste aus der Dose der Verkaufsschlager. Und wie man diese zu genießen hat, verrät die Kochschürze mit der Aufschrift: „Don’t ketchup a bratwurst“. Der Imagefilm läuft hier in Dauer­schleife. Daneben bilden weitere Bildschirme die Social-­Media-Wand, auf der alles gezeigt wird, was unter den Hashtags #360GradThüringen oder #deinThüringen getwittert oder auf Instagram gepostet wurde. Darunter präsentieren sich im vierteljährlichen Wechsel Firmen aus der ­Region. Derzeit zeigen Kahla und die Leuchtenburg Porzellan und laden zum Gewinnspiel ein – es gilt die Zahl der Henkel in einem Glas zu schätzen.

Überrannt wird die Erlebniswelt an diesem Tag nicht gerade. Nur selten öffnet sich die Tür und die meisten bleiben nur ein paar Minuten. „Viele sind Bahnreisende mit kurzem Zwischenstopp in Erfurt und waren noch nie in Thüringen“, erläutert mir Petra Hoffmann.

Manche Besucher interessieren sich für die moderne Technik, Austauschstudenten und Zugezogene wollen ihre neue Heimat kennenlernen, Schulklassen und Stadtführer kommen in Gruppenstärke vorbei. „Wenn Sie mit den Leuten ins Gespräch kommen, erfahren Sie ungeheuer viel. Da kommen so viele wunderbare Geschichten zutage“, ist Hoffmann begeistert. Da gibt es den 79-Jährigen, dessen Familie vor den Nazis aus Thüringen nach Brasilien emigrieren musste und der nun auf Spurensuche ist. Oder die Dame, die dabei war, als hier damals Bundeskanzler Willy Brandt auf den DDR-Ministerrat-Vorsitzenden Willi Stoph traf. Oder den Stadtführer, der im Originalfilm „Nackt unter Wölfen“ mitspielte.

Mehr Inspiration als Information

Ich beobachte eine Dame, die scheinbar wie immer zum Monatsbeginn nach dem Veranstaltungsheft im Regal greift. Eine andere hat von der Renovierung gehört und möchte einmal die VR-Brille testen. Ein Mann kauft Karten für ein Konzert. Dazwischen immer wieder Verirrte, die eigentlich die benachbarte Verbraucherzentrale suchen oder die Thüringer Touristen-­Information mit der ­Erfurter verwechseln. Urlauber scheinen jedenfalls in der Minderheit. „Derzeit ist noch Saure-Gurken-Zeit. Richtig los geht es erst jetzt im April“, ­bescheinigt jeder im Team.

Wer einmal Thüringen als Urlaubsland auserkoren hat, benötigt in der Tat gar nicht mehr so viel Hilfe. Die meisten (41 Prozent) haben sich bereits übers Internet informiert. Ein Fünftel war schon einmal in Thüringen und hat seine eigenen Erfahrungen gesammelt. Fast ebenso viele kommen mit Empfehlungen von Verwandten und Bekannten im Gepäck. Dass sich die Tourist-Info zur Erlebniswelt gewandelt hat, ist nicht nur eine Namensänderung. Die Information tritt in den Hintergrund, wichtiger ist mittlerweile die Inspiration.

„Wir wollen neugierig machen. Der Trend geht weg davon, alles zeigen zu wollen“, erklärt Marketingleiterin Martina Maaß. Lieber wirbt Thüringen für bekanntere ­Ziele, für die sich die Urlaubsreise lohnt, wie Erfurt, Weimar, Jena und Eisenach. Diese Schaufenster sollen dann eine Magnetwirkung für andere Ziele im Freistaat haben. „Die Leute wissen heute genauer, was sie wollen und was sie interessiert. Wir werben zielgenauer, haben nicht mehr den ­Gemischtwarenladen, sondern gehen auf Interessen ein.“ Maaß nennt einen klaren Vorteil des kleinen Freistaats: „Thüringen ist das Land der kurzen Wege, vieles lässt sich verbinden.“

Die Informationen drängen sich mir und den anderen Besuchern nicht auf, sie wollen entdeckt werden. Beispiel dafür ist die sogenannte Lichtung, ein Herzstück der Erlebniswelt. Weiße Baumstämme schieben sich in den Himmel. Dutzende Dreiecke, die Papierfliegern ähneln, symbolisieren die Blätter. Daher der Name. „Das Besondere an dem Raum: Wir können ihn je nach Tageszeit in ein anderes Licht tauchen“, schwärmt Petra Hoffmann. Morgens ist es bläulich-lila für das Gefühl der Morgenfrische, mittags in frischem Grün. „Wenn die Sonne mitspielt, leuchten die Blätter so hübsch.“ Abends zaubert Orange romantisches Dämmerlicht – auch im Nebenraum, wo dann die Sonne hinter den Silhouetten der Sehenswürdigkeiten zu versinken scheint.

„Ich genieße das total“, sagt Hoffmann, die mit der Neu-Eröffnung zum Team stieß. „Ich war völlig begeistert. Und das empfinden auch die meisten Gäste.“ Aus versteckten Lautsprechern tönt beruhigendes Kling-Klang, während Roboterarm Kuka über Thüringens 3D-Karte langt. „Meine Kollegen sagen, dass ich spinne. Aber ich finde, der Arm hat eine geradezu menschliche Bewegung. Ein Choreograph hat ein halbes Jahr daran gearbeitet. Kuka hat so viele Gelenke wie ein menschlicher Arm. Deswegen hat er so eine ganz geschmeidige, grazile Art der ­Bewegung.“

Vier thematische Touren präsentiert Kuka auf seinem Bildschirm, kleine Geschichten in drei Minuten. Über „Thüringen mit allen Sinnen“ spricht eine Gothaer Apothekerin. Der Weimarer Schauspieler Thomas Thieme („Das Leben der Anderen“) spricht über geschichtsträchtige Orte, eine Erfurter Künstlerin über ihre Beziehung zum „Thüringer Blau“. Eine junge Familie aus den alten Bundesländern spricht über den Freistaat als guten Platz zum Arbeiten und Studieren.

Überall tummeln sich Prominente wie Reformator Martin Luther, Komponist Johann Sebastian Bach, Bauhaus-Gründer  Walter Gropius, Sterne-Köchin Maria Groß und KiKa-Star Bernd das Brot. Die Silhouetten tragen QR-Codes, mit denen sich Handynutzer Zusatz­infos ­holen können. „Das sind ­Leute, die sind in der ganzen Welt bekannt. Und sie sind alle in Thüringen geprägt“, sagt Petra Hoffmann und fügt dann voller Pathos hinzu. „­Thüringen hat verdient, dass man sie auf die Straße bringt.“

Hintergrund


„360 Grad Thüringen Digital Entdecken“,

Willy-Brandt-Platz 1,
99 084 Erfurt
Telefon  03 61 / 37 42 0,
service@thueringen-­entdecken.de
www.thueringen-entdecken.de

Öffnungszeiten:
täglich geöffnet von Montag bis Freitag von 9  bis 19 Uhr, am Wochenende von 10 bis 16 Uhr

Ob Hotel, Ferienhaus oder Campingplatz – 1276 Beherbergungsstätten zählt Thüringen. Im Schnitt bleiben die Gäste für zweieinhalb Tage.
Beliebteste Ziele sind die Städte Erfurt, Weimar, Jena, Eisenach und der Thüringer Wald.

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