Immer weniger Thüringerinnen gehen zur Krebsfrüherkennung
Angst vor dem Todesurteil

Vor allem Männer drücken sich vor einer Krebsfrüherkennungsuntersuchung.
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Die Zahl der Thüringerinnen, die zu Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen gehen, sinkt kontinuierlich. Dabei sind die Chancen auf Heilung viel größer, wird die Krankheit früh erkannt.

Vergangenes Jahr nutzten 57,4 Prozent der über 20-jährigen Frauen im Freistaat Krebsfrüherkennungsuntersuchungen. Damit ist der Anteil der Thüringerinnen unter den bundesweiten Durchschnitt gefallen. AA-Redakteur Michael Steinfeld fragte nach den Gründen bei Dr. Ulrike Laubscher, Geschäftsführerin der Thüringischen Krebsgesellschaft e.V.

Die Zahl der Thüringerinnen, die zu Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen gehen, sinkt kontinuierlich. Zunächst eine Frage vorweg: Was ist der Unterschied zwischen einer Früherkennungs- und einer Vorsorgeuntersuchung?
Zwischen Vorsorge und der Früherkennung besteht ein Unterschied, auch wenn es im Sprachgebrauch synonym gebraucht wird.

Unter Vorsorge (Prävention) versteht man alle Maßnahmen, mit denen man die Entstehung von Krebs verhindern kann. Bei Vorsorgeuntersuchungen geht es darum, Risikofaktoren für bestimmte Krankheiten zu erkennen und zu beeinflussen, oder Vorstufen einer Erkrankung zu entdecken und zu entfernen. Aber auch der richtige Schutz vor der Sonne, der Verzicht auf Tabak, gesunde Ernährung und Bewegung, oder der Schutz vor krebserregenden Stoffen am Arbeitsplatz gehört zur echten Vorsorge.

Das Ziel von Krebsfrüherkennungsuntersuchungen ist es, eine Krebserkrankung in einem möglichst frühen Stadium zu entdecken. Werden Krebserkrankungen frühzeitig erkannt und behandelt, bestehen oftmals gute Heilungschancen für die betroffenen Menschen.

Sowohl die Vorsorge als auch die Früherkennung ist bedeutsam für die Gesundheit jedes Einzelnen. Leider spielt aber die Vorsorge gegenüber der Früherkennung im Bewusstsein vieler Menschen eine untergeordnete Rolle und die positiven Wirkungen vorbeugender Maßnahmen werden stark unterschätzt. Um ein Beispiel zu nennen: Studien zufolge kann das Dickdarm- oder Brustkrebsrisiko um 20 bis 30 Prozent gesenkt werden, wenn man sich täglich nur circa 30 Minuten bewegt.

Im Vergleich nehmen die Thüringerinnen, die zur Krebsfrüherkennungsuntersuchung gehen, deutschlandweit mit deutlichem Abstand den letzten Platz ein. Wie erklären Sie sich die schlechten Zahlen?
Eine Ursache für dieses Verhalten ist möglicherweise Angst, die vor allem aus der Auffassung genährt wird, eine Krebserkrankung komme einem Todesurteil gleich. Dabei war das medizinische Wissen über Vorsorge, Früherkennung und Therapien niemals zuvor so groß wie heute. Dies führt dazu, dass auch die Krebssterblichkeit deutlich sinkt. Mehr als die Hälfte aller Patienten kann heute mit einer dauerhaften Heilung rechnen.

Weiterhin ist vielen Menschen - Frauen wie Männern – der gesetzliche Anspruch auf eine entsprechende Früherkennungsuntersuchung gar nicht bekannt. Mit gezielten Aufklärungsmaßnahmen könnte man dem entgegensteuern.

Männer sind „Vorsorgemuffel“

Die gute Nachricht der Auswertung: Die Thüringer Männer gingen im vergangenen Jahr geringfügig häufiger zu Krebsfrüherkennungsuntersuchungen als in den Jahren zuvor und liegen im Bundesvergleich auf Platz drei. Insgesamt gehen die Männer aber sehr viel seltener zum Arzt. Warum?
Männer sind bekanntlich „Vorsorgemuffel“. Einer Umfrage zufolge gehen Männer meist nur dann zum Arzt, wenn sie wirklich krank sind. Männer meiden die Untersuchungen auch deshalb, weil sie ihnen unangenehm sind und sie sich nicht mit ernsthaften Erkrankungen wie Krebs beschäftigen wollen.

Warum sind diese Untersuchungen so wichtig?
Früherkennung kann Leben retten. Wenn man den Krebs frühzeitig erkennt, steigen die Chancen auf Heilung. Bei einigen Krebsarten wie Darm- und Gebärmutterhalskrebs können schon die Vorformen einer bösartigen Geschwulst entdeckt und entfernt werden, sodass sich Krebs gar nicht erst entwickeln kann. Bei anderen Krebsarten gibt es effiziente Methoden zur Früherkennung. Sogar durch regelmäßige Selbstuntersuchung lassen sich bestimmte Krebsarten wie Brust- oder Hautkrebs früher erkennen.

Sinkt die Krebssterblichkeit denn nachweislich durch diese Untersuchungen?
Die gesetzlichen Früherkennungsuntersuchungen wurden eingeführt, weil man sich von ihnen eine messbare Senkung der Krebssterblichkeit verspricht. Die größten Verbesserungen in den Überlebensraten erwachsener Krebspatienten in den letzten 25 Jahren gab es bei Darmkrebs und Gebärmutterhalskrebs. Und das ist vor allem auf die entsprechenden Früherkennungsuntersuchungen zurückzuführen. Untersuchungen auf Brustkrebs und Hautkrebs werden von Experten noch immer kontrovers diskutiert. Hier gibt es Meinungen, die den Nutzen als belegt ansehen. Die Kritiker ziehen den Nutzen der Untersuchung in Zweifel.

Die meisten Tests sind kostenlos

Welche Untersuchungen werden angeboten und für wen gilt welches Angebot?
Getestet wird auf Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Prostatakrebs, auf Darmkrebs und auf Hautkrebs. Die Teilnahme an den Untersuchungen ist freiwillig und das Angebot regelmäßiger Krebsfrüherkennungsuntersuchungen gilt für alle Versicherten.

Welchen Turnus empfehlen Sie? In welchen Zeitabständen sollte man die Untersuchung wiederholen?
In den Richtlinien der Früherkennungs-Programmen ist festgelegt, welche Untersuchungen in welchen Altersgruppen und in welchen Abständen durchgeführt werden. Daran würde ich mich halten, solange keine Beschwerden auftreten.

Sind die Tests kostenlos oder müssen Versicherte für manchen Test zahlen?
Die Teilnahme an den gesetzlichen Früherkennungsuntersuchungen für Haut, Darm, Gebärmutterhals, Brust und Prostata ist für alle Krankenversicherten in Deutschland kostenfrei. Die Untersuchungen werden von allen Krankenkassen finanziert.

Tests, die nicht ausdrücklich Teil des gesetzlichen Früherkennungsprogramms sind, werden von den Krankenkassen meist nicht bezahlt. Solche Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) müssen dann auf Selbstzahlerbasis genutzt werden.

Warum fehlen Untersuchungsangebote für einige Tumorarten, etwa für Lungenkrebs?

Damit Früherkennungsuntersuchungen anerkannt werden, müssen ausreichend Daten und Hinweise vorliegen, dass sie nützlich sind und die Anforderungen an Früherkennungstest erfüllen: Die Untersuchungen müssen zuverlässig sein, das heißt der Test darf nicht fälschlicherweise „Krebs“ anzeigen, wo gar keine Erkrankung vorliegt oder im schlimmsten Fall eine Krebserkrankung übersehen. Die Untersuchung muss auch wenig bis gar nicht belastend sein und der Nutzen muss die Risiken überwiegen.

Im Fall von Lungenkrebs gibt es bisher keine gut geeignete Methode zur Früherkennung. Das liegt zum einen daran, dass Tests, wie beispielsweise Blutuntersuchung auf sogenannte Tumormarker, einfach nicht zuverlässig genug sind. Zum anderen konnte bislang nicht nachgewiesen werden, dass ein Screening wie die Röntgenuntersuchung der Lunge, tatsächlich einen Vorteil bietet. Auch das Konzept einer jährlichen Untersuchung von Risikopatienten, sprich den Starkrauchern, mit einer niedrig dosierten Computertomographie konnte sich als Früherkennungsmaßnahme nicht durchsetzen. Grund hierfür ist, dass nicht klar ist, ob der Nutzen die Risiken überwiegt.

Wer übernimmt die Untersuchungen? Wo finde ich Ansprechpartner in meiner Region?
Die Untersuchungen werden von entsprechenden Fachärzten durchgeführt.

Bei Fragen und Informationen zum Thema Vorsorge und Krebsfrüherkennung steht Ihnen die Thüringische Krebsgesellschaft gern zur Verfügung. Weitere Informationen erhalten Sie auch bei den Krankenkassen, den behandelnden Ärzten oder beim Krebsinformationsdienst des DKFZ.

Informationen:
www.krebsgesellschaft-thueringen.de

Vor allem Männer drücken sich vor einer Krebsfrüherkennungsuntersuchung.
Dr. Ulrike Laubscher, ­Geschäftsführerin der Thüringischen ­Krebsgesellschaft e.V.
Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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