Seelisch Belastete leben in Thüringer Gastfamilien - weitere Familien gesucht
Das zweite Leben

Marion lebt in einer Gastfamilie, Christian Roß vom Verein ist ihr zuständiger Betreuer.
  • Marion lebt in einer Gastfamilie, Christian Roß vom Verein ist ihr zuständiger Betreuer.
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„Aktion Wandlungswelten“ aus Jena hilft seelisch erkrankten Menschen mit betreutem Wohnen in Familien. Ausstellung dazu in Erfurt.

"Ich hätte nie ­gedacht, dass ich da wieder ­rauskomme, dass es für mich eine ­Lösung gibt.“ Offen spricht die 54-jährige Marion über eine Zeit, in der sie ganz unten angekommen war. Keine Wohnung, keinen Job, ­kaum jemanden, der ihr hilft und ­keine Hoffnung, dass es je besser wird. Es ist eine Zeit, die nicht lange zurückliegt und in der alles um sie herum nur noch schwarz ist. Sogar das Schwarz kann immer und immer noch dunkler werden. Kein Licht weit und breit zeigt, wie man ihm entfliehen kann.

Heute ist ein guter Tag, Marion strahlt übers ganze Gesicht. Obwohl sie weiß, dass es noch dauern wird, bis sie wieder ganz stabil ist und ihren Weg allein gehen kann. Aber sie hat ihn bereits betreten. Seit Jahresbeginn wohnt sie als Gast in einer Familie.
„Wir stehen Menschen bei, die eine psychische Beeinträchtigung haben und Unterstützung brauchen“, erklärt Christian Roß diese Art zu helfen. Der staatlich anerkannte Erzieher ist einer der Ansprechpartner vor Ort für das Betreute ­Wohnen in Familien der „Aktion Wandlungswelten“. Der ­eingetragene Verein aus Jena bietet seit 1990 Menschen, die seelisch erkrankt sind oder in eine psychische Krise geraten sind und allein aus ihrem Tief nicht herausfinden, spezielle Hilfen an. Eine davon ist das Wohnen in Gastfamilien.

Diese Familien, Wohngemeinschaften oder auch Alleinstehende öffnen Tür und Herz für ihr neues, ­erwachsenes ­Familien­mitglied, stellen ihm Platz zum Wohnen und genügend Freiraum zur ­Verfügung. Vor allem aber leben sie fortan mit ihm gemeinsam den ganz normalen ­Alltag. Der Familienzuwachs erfährt so Zuwendung, sanfte, sensible Unterstützung und ­Betreuung. „Das ist unser therapeutischer Ansatz, die Familie ist für den Gast­bewohner ein ganz natürliches, ver­läss­liches Umfeld“, weiß ­Christian Roß. „Das Heilsame ist hier die ­Normalität“, fügt er hinzu.
Marion nennt es heute eine glückliche Fügung, dem Verein begegnet zu sein, beim Kolping-Bildungswerk – dem sie in jeder Woche für eine leichte Beschäftigung ­Besuche abstattet – von ihm gehört zu haben. Manchmal kann sie es gar nicht glauben, wie kurz die Zeit war vom ­ersten Gespräch bis zum Einzug bei „ihrer“ neuen, der zweiten Familie. „Bewundernswert, dass es solche Menschen gibt, die andere zu sich holen, um ihnen bei­zustehen“, sagt sie. „Schließlich geben sie damit einen Teil ihrer Privatsphäre auf“, zieht sie den Hut vor ihrer Gastfamilie, die sie nicht mehr missen möchte. „Manchmal sitzen wir einfach am Tisch und plaudern über Gott und die Welt“, spricht sie über ihr fast normales Leben, in dem Rat, Hilfe und Zuspruch immer ganz nah sind. Dass sie immer gemeinsam essen, sei selbstverständlich. ­Strukturen sind wichtig. ­Natürlich, sagt sie, helfe sie im Haushalt oder führe auch mal den Hund aus, das machten schließlich alle in der Familie. Und sie gehöre dazu. „Ich fühle mich angekommen“, genießt ­Marion das Zugehörigkeits­gefühl, das Akzeptiertsein. Dazu hat sie in Christian Roß einen ­Betreuer, den sie regelmäßig sieht. All das hilft ihr, Schritt für Schritt in ihr ­eigenes, irgendwann von ihr allein bestimmtes Leben zurück­zufinden. Doch das hat Zeit. Marion darf sie sich nehmen. Sie ist nicht mehr allein – auf ihrem ­neuen, guten Weg. Das Schwarz ist verschwunden.

Weitere Infos:

» Die Bibliothek am Domplatz in Erfurt zeigt bis zum 20. Dezember die Ausstellung „Die zweite Familie“.

» Die Fotografen Andreas Heidrich und Marco Rank dokumentierten den Alltag dieser ungewöhnlichen Familienverbände – Gastfamilien und Gastbewohner.
Gastfamilien gesucht

» In Thüringen werden weitere Gastfamilien gesucht: Die Gastfamilie ist ein (Ehe-)Paar mit oder ohne Kinder, eine Lebens- und Wohn­gemeinschaft oder auch eine alleinstehende Person. Sie stellt neben Wohnraum dem ­Betroffenen auch Zeit für die Betreuung zur Verfügung. Fachliche ­Kenntnisse sind nicht ­erforderlich, die Bewohner werden vom Verein betreut. Gastfamilien erhalten monatlich eine steuerfreie Aufwandsentschädigung sowie Kosten für Unterkunft und Verpflegung

» Kontakt: Telefon 0 36 41 / 3 10 23 50
01 62 / 4 17 15 35, E-Mail: bwf@aww-jena.de,

» www.wandlungswelten.de

Autor:

Helke Floeckner aus Erfurt

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