Reiseziel Paris
Deutsche Bahn: Immer wieder abenteuerlich

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 + Wie die Bahn zaubern kann +  Kolumne: Wer was erleben will, fährt ICE – Abenteuer Paris +

Oft fahre ich nicht Bahn. Wie ich jetzt aber weiß, ist eine Reise nach Paris genau das Experiment, wenn man auf Abenteuer aus ist.

Erfurt, 7.50 Uhr. Der ICE aus Berlin steht fahrbereit auf Gleis 1, Platz gefunden. Einfach herrlich, wenn es läuft. Statt vorbeifliegender Fenster, Metallstreben und Sitzbänke sehen wir aber erst mal: nichts.

Fahrgäste eines anderen verspäteten ICE wollen aufgenommen werden. Jetzt aber dalli. In Frankfurt ist die Zeit zum Umsteigen knapp. Neun Minuten von Gleis 13 auf 6. Jene Verbindung wurde als eine von dreien vorgeschlagen, um in Paris an diesem Tag vor Mitternacht zu erreichen. Erst sechs Minuten später fliegen die Menschen mit ihren Kaffee-To-Go-Bechern am Fenster vorbei.

Das Herz ist in Wallung. Tabletten gegen zu niedrigen Blutdruck sparen sich Bahnreisende. Der Schaffner weiß zu beruhigen: „wir holen ein paar Minuten wieder auf“. Sollte bei 2.15 Stunden Fahrzeit nonstop machbar sein.

Rund 60 Kilometer vor Frankfurt kommen wir zum Stehen. „Meine Damen und Herren, dies ist ein außerplanmäßiger Halt. Wir hoffen, dass wir die Fahrt in Kürze fortsetzen“. Na und ich erst!

5 Minuten Wartezeit. 6, 7, 8, 9, 10 Minuten. Der Anschluss ist weg. „Wir bedauern, es lag ein Signalfehler vor.“ Den Fahrer zum Bahnhof um 7.15 Uhr haben wir umsonst bestellt, wir hätten auch um 10 Uhr fahren können. Statt in Ruhe ein Buch zu lesen, starrt man aufs Display mit der Reisezeit, gebannt, wie auf einen Krimi. Mit 28 Minuten Verspätung erreichen wir Frankfurt/Main Hauptbahnhof. Drei Stunden später erst gibt es die nächste Verbindung. Meine reservierten Plätze fahren anderswo dahin, ohne uns nach Paris. Aus sechs Stunden zaubert die Bahn neun. Reisedauer, allerdings, nicht Lebenszeit.

Fahrten ins Ausland benötigen Sitzplätze, eine Umbuchung ist nötig. Im Infocenter in F./a.M. geht es zu, wie auf dem Arbeitsamt. Schlange stehen. Nummer ziehen. Kopf in den Nacken und das Rattern der Zahlen auf der Anzeige verfolgen. Nur 40 Nummern vor uns, geht ja.

Ist das nicht diese fünfköpfige Familie mit Kleinkindern, die sich beim Schaffner zuvor ebenfalls nach Paris erkundigt hatte? „Wir bekommen sie heute nicht mehr nach Paris. 11 Uhr morgens ist es da erst. Eine weitere Gabe des imaginären Medikamentes gegen zu niedrigen Blutdruck wird verabreicht, diesmal in dreifacher Dosis. Die Familie erfährt derweil am Schalter ganz ausführlich, was alles nicht geht. Der TGV um 12.50 Uhr ist überbucht. Kein Platz mehr frei. Die Verbindung über Karlsruhe: ausgebucht.

Unsere Nummer blinkt, der Mann am Schalter ist vermutlich neu hier. Er scheint so ratlos wie wir selbst. „Heben Sie erst mal die Zugbindung auf. Sie können versuchen im TGV einen Platz zu finden“, sagt seine Chefin, die zufällig vorbei läuft und uns wie ein Engel oder der Messias erscheint. Licht am Ende des Eisenbahntunnels. Ein Sitzplatz im Bordrestaurant klingt inzwischen, bei einem Fahrpreis von knapp 300 Euro, nach purer Erlösung. Im Infocenter der flackert der Werbespruch auf: „Bahn. Diese Zeit gehört Dir.“

Im TGV sitzt man auf A4-Blatt-großen Hockern im Bordrestaurant. Mit schlechtem Gewissen, einer 4-Euro-Cola und der Ungewissheit, ob man wegen der Sitzplatzbindung nicht wieder vor die Tür befördert wird. Ein ältere Dame drängt aufgelöst vorbei: „Der Zug hält heute nicht in Karlsruhe oder Saarbrücken, sie haben nicht zufällig einen Schaffner gesehen“?

Offensichtlich haben nicht nur wir Probleme, ebenfalls alle, die in diesen beiden Stationen aussteigen wollten. Was deren Pech, ist unser Glück. Nach Halt in Mannheim, wo all jene raus müssen, werden Sitzplätze frei. Zum TGV gibt’s nicht viel zu sagen: Er fährt. Pünktlich. Schnell. Die Klimaanlage angenehm kühl, ohne die Schockfrostversion, die ich auf der Rückfahrt im ICE erlebte und meinen nur „gefühlten“ dicken Hals in einen „waschechten“ verwandelt. Eine Woche dicke Mandeln. 

17 Uhr erreichen wir Paris. Endlich. Hätte nie gedacht, dass ich mich über 3.10 Minuten Vrespätung je so freuen würde. „Auf der Rückreise passiert uns das nicht“, höre ich mich noch sagen. Sonntag, 14.30 Uhr, Gar de' l Est, eine Stunde vor Abfahrt. Offenbar ist der ICE um 13.10 Uhr ausgefallen. Dessen Reisende warten auf Hilfe. Ein große Traube belagert verzweifelt jenen Bahnsteig, von dem auch unser Zug abfahren soll. Chaotische Szenen, die von den Mitarbeitern der französischen Bahn entwirrt werden müssen. Ein Ersatzzug steht bereit.

Dafür geht die Fahrt im ICE mit acht Minuten Verspätung ins Rennen. Bei einer Umsteigezeit von 21 Minuten sind wir jedoch sicher. Bis Strasbourg noch rasant, beginnt nach der Grenze die stockende Fahrt. Die Zeit zum Zugwechsel schrumpft von 12 auf 7, 6, 5, 4, 3, 2 Minuten. Der ICE 1657 werde fünf Minuten warten, heißt es, statt 19.19 um 19.24 abfahren. Die Reisenden werden allerdings gebeten, sich beim Umsteigen zu beeilen. Statt auf Gleis 17 fährt der Zug auf 20 ein, um 19.17 Uhr. Mit Gepäck am Ausgang wartend, geben wir sofort den Usain Bolt durch die Unterführung. Als wir die Treppen an Gleis 8 erreichen, eigentlich sollte der Zug auf Gleis 7 abfahren,  sehen wir die Rücklichter noch ein herzliches Adieu blinken. Um 19.19 Uhr, Abfahrt pünktlich, trotz gegenteiliger Durchsage.

Im Folgezug: Gänge belegt, Toiletten defekt. Und dessen Zugchef war in einer Zeitschleife gefangen. Auf Nachfrage behauptet er, in Mannheim habe er noch 105 freie Plätze gehabt. Wir aber waren längst hinter Frankfurt, haben nun all jene an Bord, die den Zug, wie auch wir, vorher verpasst haben. „Immerhin sind wir pünktlich“ ergänzt er nicht ohne Stolz. Aber wir waren es schon längst nicht mehr.

Kommentar: Statt abenteuerliche und unglaublich sinnlose Milliarden-Projektanzuschieben, vor denen vor Baubeginn jeder gewarnt hat, hätte die Bahn es sinnvoll für Züge und Modernisierung der Strecken ausgeben können. Und ein Vorzeigeprojekt ist S21 schon längst nicht mehr, sondern eher eine Lachnummer.

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