Ein viel zu schnelles Urteil

Wir fällen oft vorschnell ein Urteil. Die meisten Menschen haben eine zweite Chance verdient.
  • Wir fällen oft vorschnell ein Urteil. Die meisten Menschen haben eine zweite Chance verdient.
  • Foto: Thorben Wengert/Pixelio
  • hochgeladen von Matthias S. Freund

Der erste Eindruck täuscht manchmal – Schuld am Schubladendenken sind der Primäreffekt und der Halo-Effekt.

Täglich begegnen wir unbekannten Menschen und treffen unbewusst schnelle Urteile über sie. Ist uns jemand sympathisch? Fühlen wir uns zu ihm hingezogen oder eher abgestoßen? Dominiert er oder fühlen wir uns überlegen? Wollen wir mehr über ihn erfahren oder ist er uns gleichgültig?

All dies geschieht in Bruchteilen von Sekunden, intuitiv, aus dem Bauch heraus. Gelernt haben wir dies in Tausenden von Jahren der Evolution. Das Stichwort heißt "Stereotype" und wir bedienen uns dieser, weil sie manchmal sehr hilfreich sind und sich bewährt haben. Stellen Sie sich vor, ein brüllender Löwe kommt auf Sie zugerannt. Der typische Stereotyp sollte nun lauten, schnellstmöglich die Flucht zu ergreifen. Fatal wäre es, in dieser Situation zu überlegen: "Vielleicht will die liebe Schmusekatze nur mit mir spielen." Das mögliche Ergebnis können Sie sich vorstellen.

Leider bedienen wir uns unbewusst vergleichbare Stereotype auch beim Erstkontakt mit einem fremden Menschen. Schnell kommt dabei jemand in eine Schublade, in die er eigentlich nicht hineingehört. Unsere Wahrnehmung bei der Beurteilung von Menschen ist sehr häufig nicht objektiv, sondern verzerrt.

Insbesondere zwei Phänomene der Wahrnehmungsverzerrung - der Primäreffekt und der Halo-Effekt - sind in der Psychologie bekannt. Der Primäreffekt beschreibt, dass der erste Eindruck von einem Menschen unser Bild von diesem für die Folgezeit stark bestimmt. Oft tritt er in Kombination mit dem Haloeffekt auf. Das heißt: Eine einzelne Eigenschaft des Menschen überstrahlt andere Eigenschaften. Dadurch verfälscht sich unser Gesamteindruck und wir begehen schnell einen Urteilsfehler.

Zu verdanken haben wir dies dem Ökonomieprinzip der menschlichen Informationsverarbeitung im Gehirn. In einer für uns neuartigen Situation will unser Kopf in kürzester Zeit mit dem geringsten Aufwand Entscheidungen treffen, die für viele Lebensweltsituationen ausreichend sind. In Gefahrensituationen ist dies sicherlich richtig - da muss es einfach schnell gehen. Aber es kommt noch schlimmer: Unser Urteils-Fehler setzt sich auch noch in der Folgezeit fort.

Ist ein Mensch erst einmal in einer Schublade einsortiert, dann suchen wir in seinem weiteren Verhalten nach Merkmalen, die unser vorschnell getroffenes Urteil über ihn bestätigen. Getreu dem Motto: "Ich hab‘s doch gleich gewusst, dass an diesem Typ etwas faul ist!" Wir Menschen verfallen oft "der Illusion der Urteilssicherheit". In der Regel überschätzen wir die Qualität unserer Urteilskraft und hinterfragen die eigene Bewertung selten kritisch. Wehe, wenn dies Vorgesetzten, Lehrern oder Richtern passiert.

Um dies alles zu vermeiden, sollten Sie sich als erstes dieser unterschiedlichen Verzerrungen der Wahrnehmung bewusst sein. Lassen Sie sich bitte nicht vom ersten Eindruck für alle Ewigkeit festlegen. Geben Sie Ihren Mitmenschen eine zweite Chance und suchen Sie bewusst nach Eindrücken und Verhaltensweisen der Persönlichkeit, die Sie in Ihrem Erstkontakt mit ihm nicht erkannt haben. Allen Vorgesetzten kann ich nur empfehlen, bei Vorstellungsgesprächen das Mehraugenprinzip anzuwenden. Wir Menschen sind eben nicht vollkommen - seien wir uns aber dessen immer bewusst.

Autor:

Matthias S. Freund aus Erfurt

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