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Menschen
Ergotherapie für die Seele. Mit Genesungsbegleitung zurück ins gesunde Leben

Genesungsbegleiterin Kornelia Dorn.
Genesungsbegleiterin Kornelia Dorn. (Foto: Jana Scheiding)
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"Schreiben Sie mal Fehler und Helfer in Großbuchstaben untereinander", bittet Kornelia Dorn. Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass in beiden Wörtern die gleichen Buchstaben stecken. "Wer anderen immer hilft, begeht einen Fehler. Und wer immer Hilfe erhält, wird niemals selbstständig", erläutert die 58-Jährige ihr kleines Wortspiel und fügt hinzu: „Allerdings sollte man Fehler nutzen, um Sichtweisen zu überdenken.“

Jahrzehntelang war sie es, die unentwegt half, unterstützte, anderen die Arbeit abnahm. Jeder sah es als selbstverständlich an. Doch sie selbst war dabei unglücklich, bekam schließlich Depressionen und lernte mehr Therapien, Krankenhäuser und Sanatorien kennen als für einen Menschen gut ist. 2012 raffte sich die Sächsin auf und begann in Thüringen ein neues Leben. Hier ließ sie sich auch zur Genesungsbegleiterin ausbilden. Im November 2017 gründete sie mit 12 Mitstreitern den Verein "MUT zu Veränderung".
AA-Redakteurin Jana Scheiding hat Kornelia Dorn getroffen.

Was tun Genesungsbegleiter?
Wir begleiten Menschen mit psychischen Erkrankungen, wie Depressionen oder Burnout, während und nach Klinikaufenthalten schrittweise zurück ins Leben. Das ist wie Ergotherapie für die Seele. Die Idee kam vor etwa acht Jahren aus Großbritannien und den Niederlanden nach Deutschland: Jemand, der selbst in psychiatrischer Behandlung war, unterstützt und begleitet nun seinerseits Menschen in Lebenskrisen. Genesungsbegleiter sind empathisch, kommunikativ und krisenerfahren, können reflektieren, zeigen Lösungswege auf und arbeiten mit ihren Klienten auf Augenhöhe.

Das heißt, es kann nicht jeder Genesungsbegleiter werden?
Nur Betroffene können es werden. Erfahrungswissen spielt eine große Rolle. Begleiter müssen die Situation ihrer Klienten realistisch einschätzen, um gezielt Hilfe zur Selbsthilfe geben zu können. Viele Menschen sehen in ihrem Leben keinen Sinn mehr, sind unsicher und enttäuscht. Durch meine eigenen Erlebnisse und die Ausbildung habe ich gelernt, mit solchen Menschen umzugehen und eine Wandlung herbeizuführen.

Erzählen Sie uns Ihre Geschichte?
Ich bin ein interessierter, wissbegieriger Mensch, der Dinge hinterfragt. Das passte nicht in das konservativ-spießige Bild meines Elternhauses. Meine Mutter ermahnte mich ständig: "Konni, sei doch mal normal, so wie alle anderen." Das prägte mich, wenngleich ich mich stigmatisiert fühlte. Einerseits bremste mich dieser Zwang aus, andererseits gab er meinem Leben Struktur. Ein Schubladenmensch bin ich aber bis heute nicht. Ich suchte ein Leben lang nach der Kornelia, die von meiner Familie geliebt wird, doch die Wertschätzung meiner Person hielt sich in überschaubaren Grenzen. Mir war lange nicht bewusst, wie sehr ich darunter litt. Bis es zu einer akuten Lebenskrise kam. Ich hatte fast nichts mehr: keinen Job, kein Geld, nur eine Miniwohnung. Neun Monate verbrachte ich in verschiedenen Kliniken. Inzwischen bezog ich eine Erwerbsunfähigkeitsrente – die jahrzehntelange Missachtung meiner Person hatte mir schweres Asthma und Herzbeschwerden eingebracht. 2014 zog ich nach Thüringen und begann bei null. Ich fragte mich: Willst du dich aufgeben oder in deinem Leben noch etwas bewegen? Meine Situation begriff ich als Chance, mich neu aufzustellen. Wie ein Computer, der nach dem Absturz der Festplatte neu aufgesetzt wird. In dieser Zeit entschied ich mich, Genesungsbegleiterin zu werden. Ich hatte fast 20 Jahre lang Depressionen, habe mehrere Therapeuten verschlissen, etliche Klinikaufenthalte und Rehas erlebt. Doch erst diese Ausbildung legte meine Wurzeln frei und zeigte mir den Weg zum eigenen Ich, meinen Genesungsweg.

Dann ist es Ihre Passion, Menschen mit ähnlichen Problemen zu begleiten?
Ja. Es ist unglaublich, wie schlecht es vielen Menschen in unserer Gesellschaft geht, obwohl sie scheinbar alles haben – Familie, Arbeit, Wohlstand. Vielen fehlen aber wesentliche Dinge: Anerkennung und die Wertschätzung ihrer Person. Genau dort setzt meine Genesungsbegleitung an: Ich gehe mit meinen Klienten respektvoll um und baue so Vertrauen auf. Manche fangen schon an zu weinen, wenn sie Briefe von Ämtern erhalten. Auch bei mir gibt es immer noch Tage, an denen nichts geht. Dann brauche ich Ruhe. Aber ich bin wie ein Trüffelschwein, habe in meinem Leben tief gegraben und viele Zwischenebenen kennengelernt. Das hilft mir, in akuten Krisen den richtigen Ansatz zu finden. Bei mir selbst und anderen.

Wie lange begleiten Sie Ihre Klienten?
Mindestens ein halbes Jahr. Zunächst engmaschig, später entsprechend der aktuellen Befindlichkeit. Trotzdem erleiden viele Menschen Rückfälle, fangen immer wieder von vorn an. Dabei hat jeder in seinem Leben wundervolle Dinge vollbracht. Diese guten Dinge will ich wieder ins Bewusstsein rufen. Ich habe dafür die Krisenwaage entwickelt, die meine Klienten aufzeichnen. Eine Schale für Negatives und eine für Positives. Am Ende der Begleitung sollte die Waage austariert sein. Aber bei aller Arbeit und allen Fortschritten: Trigger-Gefahren lauern überall.

Was sind Trigger?
Bestimmte Vorkommnisse können alte Verhaltensmuster wieder aufleben lassen. Ein Beispiel: Jemand, dessen Kindheit von Alkohol geprägt war, sitzt während einer Feier mit einem alkoholisierten Menschen am Tisch. Er kann sich dieser Situation nicht entziehen. Sofort entstehen Bilder aus der Kindheit, die die Psyche jetzt wieder negativ beeinflussen. Das nennen wir Trigger.

Verraten Sie uns noch mehr Methodik?
Gern. Da wäre zum Beispiel meine Befindlichkeitstorte. Der Klient zeichnet auf Papier eine Torte, die er in Stücke aufteilt. Dann zeichnet er ein, wie viel Prozent davon krisengeprägt und wie viel positiv sind. Das funktioniert auch mit drei Knöpfen, die der Klient mit positivem und negativem Denken verbindet und in verschiedene Taschen steckt. Stecken alle drei Knöpfe in der Positivtasche, ist das ein gutes Zeichen. Auf diese Weise können wir getrübte Wahrnehmungssinne wieder schärfen.

Wie alt sind Ihre Klienten?
Zwischen 18 und 65. In Thüringen haben 27,2 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 16 und 35 eine nachgewiesene psychische Diagnose.

Sie sind Mitgründerin des Vereins "MUT zu Veränderung". Was ist Ihre Intention?
In unserer Gesellschaft gehört es zum Alltag, dass Menschen in Lebenskrisen geraten. Manchmal geht es ihnen dabei so schlecht, dass die Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung unausweichlich ist. Nach der Entlassung gehen diese Menschen in ihr altes Krisenumfeld zurück, wo sie meist auf sich allein gestellt sind. Nach einem Klinikaufenthalt braucht es aber viel Zeit, um ins gesunde Leben zurückzufinden. Zurzeit fehlt zwischen Klinik und Wiedereintritt ins Arbeitsleben ein Stück Betreuung. Stellen Sie sich eine Brücke vor, die von zwei Seiten begonnen, aber nicht zu Ende gebaut wird. Wir sehen uns als Verbindung zwischen diesen Enden. Unser Anliegen ist es, einerseits präventiv tätig zu sein, andererseits Nachsorge zu betreiben und die Menschen gestärkt in die Eigenständigkeit zu begleiten.

Wie wollen Sie das erreichen?
Um den Ausweg aus dem berühmten Hamsterrad zu finden, ist es wichtig, den „Drehtüreffekt“ des sich wiederholenden Psychiatrieaufenthaltes zu unterbrechen. Dabei ist es hilfreich, zeitweise das gewohnte Umfeld zu wechseln. So tritt ein Erholungseffekt ein. Wir sind auf der Suche nach Immobilien in schöner, möglichst reizarmer Gegend, in denen wir Wohngruppen einrichten können - für junge Leute, Menschen ab 35, Eltern mit Kindern, Paare oder Lebensgemeinschaften - zum Beispiel. Für Kinder gibt es Einrichtungen, aber wohin nach der Volljährigkeit? Diesen Bedarf haben Sozialämter signalisiert. Darum wollen wir uns unter anderem kümmern.

Wie finanziert sich der Verein?
Über das persönliche Budget, Eingliederungshilfen und Pflegegeld auf Grundlage der Sozialgesetze.

An welche gesellschaftlichen Grenzen stoßen Sie?
Dieses ergänzende Angebot und die präventiven Inhalte der Genesungsbegleitung sind in psychiatrischen Kreisen leider noch weitgehend unbekannt. Deshalb müssen wir Überzeugungsarbeit leisten. Die beginnt schon in der Politik: In dem bayerischen Vorstoß für ein Psychiatriegesetz sehen wir einen Affront, weil es psychisch Kranke stigmatisiert. Doch auch Leistungsträger wie Kranken- und Rentenkassen tun sich noch schwer. Da müssen wir am Ball bleiben, in die Öffentlichkeit gehen. Um den Mut nicht zu verlieren, halten wir es mit Goethe, der feststellte, dass man auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, etwas Schönes bauen kann.

Wo sehen Sie den Verein in fünf Jahren?
Am 1. Januar 2020 wird das Bundesteilhabegesetz erweitert. Das zugrunde liegende SGB IX regelt die Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Leistungsträger sind unter anderem Krankenkassen, Sozialämter, die Agentur für Arbeit und die Rentenkassen. Sie müssen gemeinsam einen Weg finden, um die Menschen wieder am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Ich hoffe, dass dann auch wir Genesungsbegleiter genügend Spielraum für unsere Arbeit haben.

Zur Sache:
Der Verein "MUT zu Veränderung" steht für Menschlich - Unterstützend - Tag für Tag.
Menschen in ihren akuten Situationen stehen im Mittelpunkt.
Inhalte der Zielvereinbarung sind zum Beispiel Tagesstrukturen; Umgang mit der Erkrankung; Kontakte; Ziele und Wünsche; Stärken, Qualitäten und Ressourcen; Angehörige, Freunde und Job; Behördenbelange; Kommunikation und Selbstreflektion.
Selbsthilfegruppen und Coaches unterstützen die Genesungsbegleitung unter anderem bei Sucht, Psychosen, Borderline, Angst- und Panikstörungen, Depression oder Trauerbewältigung.
Der Verein begleitet Menschen in Wohngemeinschaften, Kliniken und im eigenen Wohnumfeld.
MUT steht auch Arbeitnehmern mit Burnout zur Seite. Der Verein arbeitet sowohl präventiv als auch unterstützend.
Kontakt: Kornelia Dorn, 01525/4099991 
Thomas Fraaß: 0157/70776478
E-Mail: info@mut-zu-veraenderung.de

Zahlen und Fakten:
Seit Jahrzehnten steigt die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen - in den letzten 11 Jahren um 80 Prozent. 2012 wurden bundesweit 60 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen registriert (Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales).
Der Anteil psychischer Erkrankungen kletterte in den vergangenen 40 Jahren von zwei auf 15,1 Prozent. Die durch psychische Krankheiten ausgelösten Krankheitstage verfünffachten sich in diesem Zeitraum. Während psychische Erkrankungen vor 20 Jahren noch bedeutungslos waren, sind sie heute dritthäufigste Diagnosegruppe bei Arbeitsunfähigkeit. Die durchschnittliche Dauer ist mit 36 Tagen dreimal so hoch wie bei anderen Erkrankungen mit 12 Tagen (Quelle: BKK).
In Thüringen nimmt die depressive Störung nach den Rückenschmerzen die zweite Position der Krankheiten ein (Quelle: Mann / Selzer „Depressive Erkrankungen in Thüringen“). Demnach lag 2011 die größte Diagnosehäufigkeit im Landkreis Hildburghausen und die kleinste in den Landkreisen Kyffhäuser, Gotha und Sömmerda.

Genesungsbegleiterin Kornelia Dorn.
Nach über 20 Jahren ging es für Kornelia Dorn wieder aufwärts. Jetzt hilft sie anderen Menschen.
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