Wege aus der Dunkelheit
Hilfe für Trauernde nach Suizid

Christoph Kuchinke steht mit seiner Selbsthilfegruppe Trauernden nach Suizid zur Seite.
  • Christoph Kuchinke steht mit seiner Selbsthilfegruppe Trauernden nach Suizid zur Seite.
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Eine recht junge Selbsthilfegruppe steht trauernden Hinterbliebenen nach Suizid bei. Angebot zu helfen gilt über die Region Erfurt hinaus. 

Zwanzig Jahre ist es her, seit Christoph Kuchinke einen guten Freund verlor. Durch Suizid. Die Verbindung zu dessen Familie hat er nie abreißen lassen. "Als ich neulich sein Enkelchen auf dem Arm hielt, dachte ich, das hätte doch er tun müssen." Doch der Freund hatte einen anderen Weg gewählt. Und es tut noch immer weh. Die Lücke und all die offenen Fragen sind geblieben. "Da denkst du, die Zeit heilt alle Wunden. Das ist aber nicht so. Auch seine Frau sagte mir, dass die Trauer, der Schmerz noch immer da sind", erinnert sich Christoph Kuchinke an diesen Tag.

Selbstmord - alles ist anders

"Bei einem Suizid ist alles anders", erfährt er immer wieder, der seit Jahrzehnten durch Seelsorge und Notfallbegleitung nicht nur mit Trauernden an sich, sondern auch mit Hinterbliebenen nach einem Suizid zu tun hat. Zum Schock und zur Trauer gesellen sich so viele Fragen, auch Vorwürfe: Warum tut er uns das an? Wie soll ich jetzt mit allem klarkommen? Hätte ich den Selbstmord verhindern können, habe ich die Vorzeichen übersehen, trage ich eine Mitschuld? Das Schlimme daran - es gibt keine wirklichen Antworten. Die Fragen hören nie auf.

"Es ist ganz wichtig für die betroffenen Angehörigen, dass sie mit jemandem reden können, vor allem in der Zeit nach dem akuten Schmerz oder auch später", weiß Kuchinke und gründet deshalb vor ein paar Monaten in Erfurt eine Selbsthilfegruppe "Trauer nach Suizid". Sie gehört zum bundesweit agierenden Verein AGUS, der trauernden Angehörigen zur Seite steht. Die kleine Gruppe trifft sich einmal im Monat, sie steht über die Erfurter Region auch anderen Thüringern offen. Hier sind die unter Gleichgesinnten, hier versteht jeder den Schmerz des anderen, hier können sie miteinander reden, trauern, auch einmal lachen oder wütend sein. "Es gibt hier bei uns alle Gefühle, und die darf man auch rauslassen." Ohne eine Gebrauchsanweisung zu bekommen. "Es gibt kein allgemein gültiges Rezept", so der Seelsorger, der Betroffenen auch telefonisch Beistand leistet. Dafür sei ein Suizid ein zu tiefer Einschnitt. Einer, der es vielen Hinterbliebenen lange Zeit nicht möglich macht - wie es bei anderen Trauernden ist - dem Verstorbenen einen ehrenden, liebevollen Platz im Leben ohne ihn einzuräumen. "Das Problem ist eben, dass man diese Entscheidung nicht akzeptieren kann", erklärt Kuchinke. Doch das Reden in der Selbsthilfegruppe kann helfen, den Weg aus der Dunkelheit heraus zu finden, das Miteinander kann trösten, die Schmerzen lindern. "Die Trauerarbeit muss natürlich jeder für sich selbst bewältigen." Aber "Geteiltes Leid ist anderes Leid.", Eins, das doch mit der Zeit weniger werden kann.

Kontakt:

Die Gruppe trifft sich einmal im Monat in Erfurt. Christoph Kuchinke steht Trauernden nach Suizid auch telefonisch bei, seine Nummer 0157 76200878. Auch in Weimar gibt es eine Selbsthilfegruppe, zu erreichen unter 0173 3829396.

www.agus-selbsthilfe.de, www.suizidprophylaxe.de.

Weitere Infos: 

- Suizid ist eine Todesart, die für die Hinterbliebenen besondere Erschwernisse in der Trauer mit sich bringt. Tötet sich ein nahe stehender Mensch selbst, erschüttert das die eigene Lebenseinstellung zutiefst. Oft ziehen sich Freunde und Bekannte zurück, weil sie hilflos sind.

- Ungefähr 10.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben - Männer und Frauen, Gesunde und Kranke, Menschen in jedem Alter, in unterschiedlichsten Lebenssituationen.

- Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass bei jedem Tod etwa sechs bis 23 nahe stehende Angehörige unmittelbar betroffen sind.

- AGUS e.V. wurde 1989 gegründet, der Verein ist in Europa der größte und älteste Verein, der sich für die Belange Suizidhinterbliebener einsetzt.

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