Anzeige

Werden die Manieren immer schlechter? Knigge-Tipps für den Alltag
Kritik an ihren Kindern können Eltern gar nicht leiden

Ein Kind ist laut und benimmt sich daneben. Was tun? „Eltern auf das falsche Verhalten ihrer Kinder aufmerksam zu machen, steht uns nicht zu“, sagt Kommunikations­trainerin Annett Schlegel.
Ein Kind ist laut und benimmt sich daneben. Was tun? „Eltern auf das falsche Verhalten ihrer Kinder aufmerksam zu machen, steht uns nicht zu“, sagt Kommunikations­trainerin Annett Schlegel. (Foto: colourbox.de)
Anzeige

Darf ich Eltern auf ihr unhöfliches Kind aufmerksam machen? Gelten Tischmanieren auch im Fast-Food-Restaurant? Und hilft man einer emanzipierten Frau immer noch in den Mantel? Die Thüringer Kommunikationstrainerin Annett Schlegel ist Inhaberin der Firma „bluecoaching“ und Vorstandsmitglied der „Deutschen Knigge Gesellschaft“. Im Interview mit AA-Redakteur Michael Steinfeld beantwortet sie Alltagsfragen rund ums gute Benehmen.

„Würden Sie mich vorlassen?“ In der Schlange an der Supermarktkasse eine erlaubt Frage?
Wenn ich einen vollen Einkaufswagen habe, schaue ich immer hinter mich. Und wenn jemand nur zwei, drei Sachen hat, frage ich: „Möchten Sie vorgehen?“ Das Angebot wird immer sehr gerne angenommen. Auch von mir. Manchmal fällt es dem anderen nicht auf. Dann darf man auch fragen, ob man vorgelassen wird. Ist man höflich und freundlich, kommt man immer sehr weit. Gegebenenfalls habe ich auch einen Grund, vorgelassen zu werden - weil ich es eilig habe oder mein Zug fährt. Dann ist es für den anderen noch ersichtlicher, warum ich die Frage stelle.

Apropos Schlangen: Wenn sich jemand vordrängelt, wäre es dann höflicher, einfach darüber hinwegzusehen?

Wenn sich jemand von der falschen Seite anstellt, sollte man nicht gleich unterstellen, dass dies bewusst und mit Absicht geschieht. Auch hier würde ich höflich darauf hinweisen: „Entschuldigung, die Schlange beginnt hier hinten. Und wir stehen alle an.“ Mir ist wichtig, dass man respektvoll miteinander umgeht. Wie es in den Wald hineinschallt, so kommt es auch wieder heraus - dieses Sprichwort hat nach wie vor eine große Bedeutung. Mit meinem Verhalten bin ich ein Beispiel für die anderen.

Wem biete ich im vollen Bus meinen Sitzplatz an?
Älteren, gebrechlichen Leuten oder Behinderten sollte man immer seinen Platz anbieten. Natürlich freuen sich auch Schwangere, wenn man für sie aufsteht. Wenn ich sehe, dass es dem anderen gar nicht gut geht, frage ich ihn auch, wenn er noch jung ist: „Möchten Sie sich setzen?“ Das vermisse ich heutzutage manchmal. Früher waren die Menschen aufmerksamer. Bei längeren Fahrten oder wenn es im Bus ruckelt, ist es einfach angenehmer zu sitzen. Deswegen sollte sich auch niemand alt fühlen, wenn er einen Platz angeboten bekommt.

In der Frittenbude keine Manieren?

Sind gut Tischmanieren nur im feinen Restaurant gefragt?
In einem Sterne-Restaurant wird von Hause aus auf die Tischmanieren geachtet. Es wäre also von Vorteil, sich daran zu halten. Sich ein Stück weit daran zu orientieren, das kommt in jedem Restaurant gut an. Auch in einem Fast-Food-Restaurant nutze ich beispielsweise die Serviette - dafür ist sie gedacht. Es gibt keinen Unterschied zwischen Papier- und Stoffserviette. Wenn ich noch nichts gegessen habe, lege ich sie mir auf die linke Seite. Sobald ich mit dem Essen beginne, kommt sie auf den Schoß. Falls ich doch mal krümele oder kleckere, landet es auf der Serviette. Wenn ich trinke und schon etwas gegessen habe, putze ich mir zuvor den Mund ab.

Eine Ausnahme gibt es bei der Frage, wann man mit dem Essen beginnen darf. Normalerweise eröffnet der Gastgeber das Essen. Wenn er nichts sagt, ist man dazu angehalten, so lange zu warten, bis alle ihr Essen haben. In der Kantine darf man aber beispielsweise mit dem Essen beginnen, sobald man es bekommt. Dort weiß man auch nicht unbedingt immer, wer sich noch mit an den Tisch setzt.

Begrüße ich immer meinen Sitznachbarn? Auch im Flugzeug oder im Kino?
Gerade wenn man gemeinsam längere Strecken fliegt, wird es als angenehm empfunden, wenn man sich kurz vorstellt. So baut man eine ganz andere Beziehungsebene auf. Man sitzt diesem Menschen näher als in der „Wohlfühldistanzzone“, die in Deutschland bei 50 bis 80 Zentimetern Abstand liegt. Daher ist es nur höflich und wertschätzend, wenn ich zumindest kurz grüße und lächele. Man muss ja nicht unbedingt seinen Namen nennen.

Beim Friseur: Ist es unhöflich, mit ungewaschenen Haaren zum Termin zu kommen?
Nein, es ist nicht unhöflich. Beim Friseur werden die Haare oft ohnehin gewaschen.

Und wie signalisiere ich, dass ich keine Unterhaltung will?
Wenn mich jemand anspricht, antworte ich natürlich. Man kann es ja so formulieren: „Ich nutze die Zeit beim Friseur gerne zum Entspannen. Entschuldigen Sie, wenn ich nicht so gesprächig bin.“ In diesem Fall ist die Kommunikation eindeutig und mein Gegenüber versteht. Wenn jemand Kopfhörer trägt, kann ich mir ausmalen, dass er seine Ruhe möchte.

Keine Kritik an kleinen Quenglern

Darf ich Eltern auf die schlechten Manieren ihrer Kinder aufmerksam machen?
Eltern auf das falsche Verhalten ihrer Kinder aufmerksam zu machen, steht uns nicht zu. Das sollte man sich nicht herausnehmen, jemanden zu belehren oder zu bevormunden - denn so wird es wahrgenommen. Es sei denn, der Fall ist so drastisch, dann man das Jugendamt einschalten müsste.

Mit solcher Kritik können die wenigsten umgehen. Wer Eltern dennoch anspricht, muss mit einer entsprechenden Reaktion rechnen. Oft sieht man dem Gegenüber an, ob man ohnehin nur eine dumme Antwort zurückbekommt. Hier wäre ich immer vorsichtig, ob ich etwas sage. Wer seine Ruhe möchte, geht der möglichen Diskussion lieber aus dem Weg und setzt sich um.

Und bitte blaffen Sie auch nicht das Kind an und fordern: „Sei leiser“ oder „Geh mit den Füßen von den Sitzen“. Im Bus sollte man stattdessen zum Busfahrer gehen, der dann eine Durchsage machen kann. Das gehört zu seinen Aufgaben und er hat die entsprechende Autorität.

Was ist, wenn ich der Gastgeber bin und die Kinder benehmen sich daneben?
Als Gastgeber toleriert man sicherlich sehr viel. Wenn die Eltern das schlechte Verhalten ihrer Kinder nicht bemerken, ist die Konsequenz daraus, dass sie nicht mehr eingeladen werden.

Und bei Familienfesten?
In der näheren Verwandtschaft darf man was sagen. Aber es ist die Frage, wie man seine Worte verpackt. Man kann es formulieren: „Dein Kind ist heute ja wieder gut unterwegs.“ Wir bieten seit vier Jahren den Kurs an: „Das 1x1 der guten Manieren.“ Als Resonanz darauf stelle ich fest, dass vielen Eltern wieder bewusst ist, wie wichtig gute Manieren und höfliches Auftreten sind. Man muss den Jugendlichen nur erklären und in Übungen zeigen, wie man sich in den verschiedenen Situationen richtig verhält. Dann öffnen sich die Türen und sie kommen schneller ans Ziel.

Emanzipiert oder wie ein Gentleman?

Muss ich immer alles schlucken und kann nie Dampf ablassen? Oder darf ich auch fluchen?
Natürlich fluche auch ich manchmal. Das hört nur keiner, denn ich würde es nicht in der Öffentlichkeit machen. Wenn ich weiß, dass ich gerade wahrgenommen werde und eine Wirkung auf andere haben möchte, dann verhalte ich mich entsprechend. Wenn man jemanden laut angeht, kommt es immer zu einem Konflikt. Und so löst man nie eine Situation. Mit Lautstärke erreicht man nichts.

Zahlt beim Date immer noch der Mann? Hält er weiterhin die Tür auf, hilft der Frau in den und aus dem Mantel und schiebt den Stuhl zurecht? Ist das in Zeiten der Emanzipation noch angemessen oder picken sich Frauen vielleicht die Rosinen heraus?
Im Geschäftlichen gibt es sowieso kein „Ladys First“ mehr. Es geht rein nach den Hierarchien. Wer die höhere Position im Unternehmen hat, geht beispielsweise nicht zuerst die Treppe herunter. Damit er weicher fällt, sollte er stolpern. Doch dies sind weniger Regeln als Empfehlungen. Als wichtiger empfinde ich, authentisch zu bleiben und sich damit wohlzufühlen.

Man darf Frauen also schon noch in den und aus dem Mantel helfen. Die meisten Frauen empfinden dies auch nach wie vor als angenehm und lassen es auch zu. Es gibt auch Frauen, die sagen: „Das kann ich selbst.“ Beim Bezahlen der Rechnung sollten sich die Frauen nicht darauf verlassen, dass immer der Mann bezahlt. Wer einlädt, der zahlt auch - im Geschäftlichen wie im Privaten.

Die digitale Welt hat eine Menge neue Benimmformen erforderlich gemacht. Wie lange darf beispielsweise eine Antwort-E-Mail auf sich warten lassen?
Man empfiehlt zwei Tage. Was mir auffällt: Manche antworten gar nicht. Das finde ich schlimm. Man sollte doch jedem, der einem schreibt, zumindest signalisieren, dass die Nachricht angekommen ist.

Muss ich immer erreichbar sein?
Nein. Das ist manchmal auch gar nicht möglich. Aber ich rufe immer zurück, wenn mich jemand versucht hat zu erreichen.

Haben Textnachrichten, eventuell mit Emoticons, den gleichen Stellenwert wie ein Brief?
Im Geschäftlichen nutze ich keine Emojis und schreibe weniger Textnachrichten. Das Ja für eine WhatsApp hole ich mir vorher immer ab.

Der Ton ist rauer geworden

Muss ich regelmäßig die Posts meiner Freunde liken, um zu zeigen, dass ich an ihrem Leben teilnehme?
Grundsätzlich muss man nichts liken, was einem nicht gefällt. Es kommt darauf an, wie man sein Facebook-Profil nutzt - privat oder geschäftlich. Ich achte darauf, welche Außenwirkung ich haben möchte. Man sollte sich bewusst sein, dass sich gerade Unternehmen heutzutage bei der Personalsuche diese Profile ansehen. Manchmal lese ich ganz schön fragwürdige Kommentare. Da erhitzen sich schnell die Gemüter. Der Ton in den sozialen Medien ist rauer geworden. Man braucht ein dickes Fell. Das ist aber nicht in Ordnung. Auch hier ist ein höflicher und freundlicher Umgang miteinander gewünscht.

Darf ich jemanden entfreunden, weil mir seine politische Meinung nicht gefällt?
Man kann sich entfreunden, wenn man nicht die gleichen Ansichten teilt - ohne sich erklären zu müssen. Es obliegt jedem selbst, mit wem er befreundet sein möchte und mit wem nicht.

Ist eine Verspätung weniger unhöflich, wenn man sie kurz vorher per Handy ankündigt?
Das habe ich zum Glück noch nicht oft erlebt. Wir Deutschen sind für unsere Pünktlichkeit beliebt. Fünf Minuten vor der Zeit ist des Kaisers Höflichkeit. Wenn ich mich verabrede, halte ich den Termin auch ein. Es sei denn, es kommt etwas Unvorhergesehenes dazwischen. Wenn ich im Stau stehe, gebe ich eine kurze Nachricht, dass ich mich verspäte. Im Geschäftlichen ist es wichtig nachzufragen: „Passt es Ihnen dann noch? Oder vereinbaren wir einen neuen Termin?“

Eine Leserin beklagte sich, sie habe besonders bei Ausländern schlechtes Benehmen bemerkt. Gibt es in anderen Kulturen grundsätzliche Unterschiede, was als unhöflich gilt?
Ja. Da gibt es aber die klare Empfehlung, dass ich mich an die Umgangsformen halte, die in dem Land gelten, in dem ich lebe oder in das ich reise. Es kann auch sein, dass sie es gar nicht als unhöflich erkennen, weil es in ihrer Kultur nicht als unhöflich gilt. Da erwarte ich trotzdem, dass jeder die Verhaltensformeln im jeweiligen Land studiert. Jeder von uns ist ja auch in der Pflicht, wenn er auf der Reise ist. Beispielsweise putzt man sich in Amerika nicht am Tisch die Nase. Das wäre ein Fauxpas.

Integration ist ein schweres Thema, über das sich nicht einmal die Politik einig ist. Wer sich integrieren soll, muss natürlich auch die Informationen bekommen, wie man sich hier verhält. Was ich nicht weiß, kann ich auch nicht leben.

Sind gute Manieren noch gefragt?
Ja. Sie unterhalten sich sicherlich lieber mit jemandem, der höflich und freundlich mit Ihnen spricht, als mit jemandem, der sich im Ton vergreift. Gutes Verhalten, das ich vorlebe, schauen sich andere ab. Und im besten Fall bekomme ich es zurück.

Ein Kind ist laut und benimmt sich daneben. Was tun? „Eltern auf das falsche Verhalten ihrer Kinder aufmerksam zu machen, steht uns nicht zu“, sagt Kommunikations­trainerin Annett Schlegel.
Die Thüringer Kommunikationstrainerin Annett Schlegel ist Inhaberin der Firma "bluecoaching" und Vorstandsmitglied der "Deutschen Knigge Gesellschaft"
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige