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Ohne Unterwäsche in Florenz: Wenn das Gepäck nicht mitreist

Am dritten Tag ohne Gepäck drehte die Unterwäsche ihre einsamen Runden in der Waschmaschine, während ich wie ein Pornostar unten ohne in der Jeans unterwegs war.
Am dritten Tag ohne Gepäck drehte die Unterwäsche ihre einsamen Runden in der Waschmaschine, während ich wie ein Pornostar unten ohne in der Jeans unterwegs war. (Foto: Chris/pixelio.de)
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Das Laufband ist jetzt leer. Unsere Koffer kommen nicht mehr. Wir sind in Florenz, unser Gepäck ist in Frankfurt. Im besten Fall. Vielleicht ist es auch ganz weg.

6,5 Gepäckstücke pro 1000 Passagiere gingen im Jahr 2015 durchschnittlich verloren - in Europa übrigens deutlich mehr als im Rest der Welt. Die Zahl aus dem „SITA Baggage Report“ klingt gar nicht so hoch. Und in der Tat ist die Quote auf einem Allzeit-Tiefstand - 13 Jahre zuvor gingen noch mehr als doppelt so viele Gepäckstücke verloren.

Mir hilft das wenig. Und außerdem: Bei einem durchschnittlichen Flug mit 200 Passagieren gehen statistisch gesehen immer noch ein bis zwei Koffer verloren. In diesem Fall sind also meine Frau und ich die Leidtragenden. Die Menschenmenge aus Mitreisenden, die sich vor dem Flughafen-Fundbüro bildet, sagt mir allerdings, dass unser Flug die Statistik nach oben treiben möchte.

2,3 Milliarden Dollar kostete die Luftfahrtindustrie im Jahr 2015 fehlgeleitetes Gepäck.

Beim solidarischen Schwatz in der Schlange fällt schnell auf: Jeder hier ohne Gepäck hatte einen Anschlussflug. Gibt es da etwa einen Zusammenhang? Wer 60 Gates weit über den Flughafen hetzen muss, um den Check-in zu schaffen, muss sich aus Zeitgründen sogar die Toilettenpause verkneifen. Wie soll das Bodenpersonal in so kurzer Zeit das Gepäck verladen?

„Für jede Flugverbindung gilt die Minimum Connecting Time, die in den Buchungssystemen hinterlegt ist. Sie ist so kalkuliert, dass die Umsteigezeit sowohl für Passagiere als auch für das eingecheckte Gepäck ausreicht“, beruhigt Sandra Kraft. Sie ist Sprecherin der „Deutschen Lufthansa AG“ - die Fluggesellschaft also, die unser Gepäck verschusselt hat. „Wenn es in Einzelfällen sehr knapp wird, sorgt Lufthansa dafür, dass Passagiere und auch Gepäck direkt von einem Flugzeug zum nächsten gebracht werden.“

Die Statistik sagt etwas anderes: Kommen die Koffer später als der Passagier an, beschädigt oder gar nicht mehr, war dies in den meisten Fällen (zu 45 Prozent) ein Fehler beim Gepäcktransfer von einem zum anderen Transportmittel. In unserem Fall heißt das: Wir haben das Flugzeug gewechselt, die Koffer wurden aber nicht verladen. Zur Ehrenrettung der Fluggesellschaften: In 13 Jahren haben sich die Passagierzahlen auf über 3,5 Milliarden im Jahr 2015 beinahe verdoppelt - Tendenz steigend. Die Zahl der fehlgeleiteten Gepäckstücke hat sich hingegen halbiert.

Wir melden unseren Verlust am „Lost & Found“-Schalter. Durchschnittlich dauert es jetzt 1,76 Tage, bis wir wieder frische Unterwäsche haben. Die Lufthansa stellt sogar eine 24-Stunden-Frist in Aussicht: Sobald das Gepäckstück aufgefunden ist, wird es dem Passagier umgehend kostenlos nachgesandt und zugestellt“, sagt Lufthansa-Sprecherin Sandra Kraft.

Wie sieht es mit einer Entschädigung aus?

Doch unsere Hoffnungen sind vergebens. Unser Gepäck kommt erst am vierten Tag unseres einwöchigen Urlaubs an. Über Ostern haben die Geschäfte geschlossen. Frische Kleidung nachzukaufen, ist unmöglich. Es ist schwer, Urlaubsfreude aufzubauen, wenn man sich wie ein stinkender Hinterwäldler fühlt. Wie sieht es also mit einer Entschädigung aus?

Notwendige Gebrauchsgegenstände wie Zahnpasta und Deo, die der Passagier als Ersatz gekauft hat, ersetzt die Lufthansa. Kosten für Kleidung oder Schuhe, die der Gast behält, übernimmt sie hingegen nur zur Hälfte. Und: „Bei den Entschädigungen gilt immer das Prinzip der Plausibilität“, betont Kraft. „Einkäufe sollte man daher auf jeden Fall in Absprache mit der Airline machen“, rät Ralf Reichertz, Rechtsexperte der Verbraucherzentrale Thüringen. „Damit sie dem Kunden nicht nachher vorwirft, er habe in übertriebenen Größenordnungen eingekauft.“

Er verweist auf das Montrealer Übereinkommen, das Obergrenzen für Schadenersatz festlegt. Kommt das Gepäck zu spät, muss die Fluggesellschaft einen Ausgleich von bis zu 1131 Sonderziehungsrechten zahlen. Dies ist eine künstliche Währung, deren tagesaktuellen Wert der Internationale Währungsfond (IWF) festsetzt. Derzeit sind nicht mehr als 1400 Euro zu erwarten. „Das ist nicht die Welt. Bei höherwertiger Kleidung bekommt man diese Summe schnell zusammen“, weiß Reichertz.

„Die Verbraucher fühlen sich veralbert!“

Diese Höchstsumme gibt es zudem nur, wenn das Gepäck beschädigt wurde oder verschwunden bleibt. Und dies ist schwierig, denn die Fluggesellschaften verlangen in der Regel einen genauen Nachweis darüber, welcher Schaden entstanden ist. „Das stellt den Kunden vor Probleme, die er gar nicht lösen kann. Wie will er den Inhalt des Koffers denn nachweisen? Und wer hat alle Kaufbelege parat, um den Wert der Kleidung einschätzen zu können? Da wünschen wir uns von den Fluggesellschaften, dass sie entgegenkommender wären, denn die Verbraucher fühlen sich veralbert“, ärgert sich Reichertz. Klagen würden aber die wenigsten. Allerdings sei schlechte Mund-zu-Mund-Propaganda nicht zu unterschätzen, urteilt der Rechtsexperte: „Die Airlines sollten an der Zufriedenheit des Kunden interessiert sein, wollen sie ihn nicht verlieren.“

Pauschalurlauber haben zumindest den Vorteil, dass sie beim Veranstalter zusätzlich Minderungsansprüche wegen entgangener Urlaubsfreuden geltend machen können, merkt Reichertz an. Von einer Reisegepäckversicherung rät er ab. „Diese ist für den Fall des Diebstahls gedacht, wenn sich Ihr Gepäck nicht in der Obhut des Veranstalters oder der Airline befindet. Außerdem greift sie fast nie.“

Autor Michael Steinfeld...
und seine Frau haben insgesamt 300 Euro Entschädigung von der Lufthansa erhalten. Auf dem Rückflug von Florenz über München ging das Gepäck übrigens wieder verloren, wurde aber innerhalb eines Tages nachgeliefert.

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