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Wer scheitert, kommt weiter: Im März nächste Erfurter Fuckup-Night

Vereinschef Attila Flöricke
  • Vereinschef Attila Flöricke
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  • hochgeladen von Jana Scheiding

Auf einer Bühne - sinnbildlich - die Hosen herunterzulassen, kann befreiend sein. So jedenfalls empfinden es gescheiterte oder vom Scheitern bedrohte Unternehmer, die sich regelmäßig zu sogenannten Fuckup-Nights treffen. Der englische Begriff fuck up steht für „etwas versauen, Scheiße bauen“.

Vor sieben Jahren kamen fünf Freunde in Mexiko-Stadt auf die Idee, berufliches Pech vor Publikum zu inszenieren. Gescheiterte erzählen, wie sie ihren Job verloren oder ihr Unternehmen an die Wand gefahren haben. Das Publikum ist ob der Ehrlichkeit begeistert.
Inzwischen werden diese Events weltweit in über 250 Städten abgehalten, Deutschland ist mit einem guten Dutzend dabei. Der Verein Gründer und Unternehmer Thüringen e.V. veranstaltet regelmäßig Stammtische für Firmengründer und Unternehmensnachfolger und initiiert Fuckup-Nights in Erfurt. Außerdem gründete er den ersten Gesprächskreis „Anonyme Insolvenzler“ im Freistaat. AA-Redakteurin Jana Scheiding hat sich mit Vereinschef Attila Flöricke getroffen.

Weshalb muss man sein Scheitern öffentlich zur Schau stellen?
Da liegt das Problem. In Deutschland reagieren wir gesellschaftlich noch sehr verhalten auf das Thema Scheitern. Aber berufliche Bauchlandungen sind keine Schande. Nur wer etwas wagt, kann gewinnen. Es geht bei den Fuckup-Nights auch nicht darum, etwas oder jemanden zur Schau zu stellen. Es geht um Austausch, die Weitergabe von Erfahrungen und Anregungen für den Neubeginn.

Wie läuft so ein Abend ab?
Meistens erhalten drei Redner das Wort. Jeder hat zehn Minuten, um über sein Scheitern zu sprechen. Was er daraus lernte, welche Tipps er geben kann. Vorankommen funktioniert oftmals nur über Scheitern. Wir wollen eine andere Sichtweise auf Erfolg und Misserfolg vermitteln. Außerdem muss ja scheitern nicht in jedem Fall komplettes berufliches K.O. bedeuten.

Aus einer dieser Fuckup-Nights ging der Arbeitskreis „Anonyme Insolvenzler“ hervor?
Das stimmt. Ein Redner, Attila von Unruh, war in Köln mit seiner Firma gescheitert. Er verlor viel Geld, lernte aber auch viel aus der Pleite. Vor seinen Fehlern will er andere bewahren, deshalb gründet er diese Arbeitskreise, von denen es deutschlandweit aktuell 15 gibt. Den ersten Arbeitskreis dieser Art in Thüringen gibt es seit letztem Herbst.

Wen wollen Sie damit erreichen?
All jene, die beruflich gescheitert sind und nicht weiterwissen. Im geschützten Raum können sich Betroffene aussprechen und Hilfe erhalten. Viele bekommen keine Wohnung, nicht mal einen Handyvertrag. Was tun, wohin sich wenden? Es gibt kaum Informationen. Das Rechtliche erledigen Juristen, aber mit dem Alltag sind viele Gescheiterte allein. 99 Prozent der Beziehungen gehen darüber kaputt. Wie schnell verliert man seine Wohnung, dann die Gesundheit, Obdachlosigkeit droht. Hier wollen wir helfen.

Sie sind aber keine Beratungsstelle?
Nein, das ist nicht unsere Intention, aber etliche Teilnehmer sind noch zu sehr auf Lösungen fixiert. Die Leute sollen uns aufsuchen, wenn sich die Insolvenz andeutet. Viele igeln sich ein, erstarren förmlich und sind dann oft handlungsunfähig, wo sich vielleicht noch etwas retten ließe. Betroffene von dieser Starre ins Handeln zurückführen, ihre Objektivität für die eigene Sache wieder schärfen – das sehen wir als unsere Aufgabe an.

Beschreiben Sie bitte Ihren Aktionsradius.
Unser Verein ist thüringenweit tätig, ganz gleich, ob es sich um Privat- oder Unternehmerinsolvenz handelt. Wir arbeiten ehrenamtlich, absolut anonym und sind gemeinnützig.

Zur Sache:
21. März, 18 Uhr, Alte Parteischule Erfurt (Nähe Thüringenhalle), nächste Fuckup-Night
30. August, Zughafen Erfurt, Sommerfest
Der Arbeitskreis „Anonyme Insolvenzler“ trifft sich jeden ersten Montag im Monat bei Focus Mental (Vollbrachtstraße 17) in Erfurt
Online-Gesprächskreis für Unternehmer: Team-U.de oder Team-U.com
Kontakt: attila.floericke@cedrus-coaching.de

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