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4:363 Tore - „Wir haben ganz unten angefangen und da sind wir immer noch.“

Wo: Sportplatz Bindersleben, Binderslebener Landstraße 91, 99092 Erfurt auf Karte anzeigen
Die D-Jugend des SC Fortuna Erfurt 96 beim Training.
Die D-Jugend des SC Fortuna Erfurt 96 beim Training.
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Die D-Jugend des SC Fortuna Erfurt 96 ist vielleicht das schlechteste Jugendteam ­Thüringens. Die Kinder gewinnen nie, ­verlieren aber auch niemals den Mut.

Das erste Tor bleibt unvergessen. „Die Kinder haben gefeiert, als wäre es der entscheidende Treffer in der Nachspielzeit gewesen“, beschreibt Jugendwart Marcell Lukesch die entfesselten Emotionen. „Selbst die Eltern haben gejubelt, als hätten wir gerade den Weltpokal gewonnen.“ Tatsächlich lag die D-Jugend des SC Fortuna Erfurt 96 zu diesem Zeitpunkt bereits zweistellig zurück. Mal wieder.

Die 11- bis 13-Jährigen sind im wahrsten Sinne des Wortes gute Verlierer. Das neu gegründete Nachwuchsteam ging nach jedem der 18 Spiele in der vergangenen Premierensaison mit einer haushohen Niederlage vom Platz. Vier Tore konnten die Kinder erzielen, dafür rappelte es 363 Mal im eigenen Kasten. Diese Negativbilanz ist rekordverdächtig.

Es ist Freitagnachmittag. Die Augustsonne gibt alles zum Trainingsauftakt auf dem Sportplatz in Bindersleben unweit des Flughafens. Und die Spieler? „Naja, einige scheinen mit den Gedanken noch in den Ferien zu sein“, urteilt Marcell Lukesch. Der erste Kicker schlurft nach kurzer Zeit auf Socken übers Grün. In den Stollenschuhen habe er sich eine Blase gelaufen, klagt er.

„Ja, wir haben eine lustige Mannschaft. Sie haben alle so ihre kleinen Defizite: Der eine ist ein bisschen kräftiger gebaut, der andere ist zu klein.“ Vereinspräsident Maik Lukesch lacht. Dabei schmerzt sein Kreuz. Hexenschuss, weil er sich an einem Sack Mulch verhoben hat. Aber zum Trainingsauftakt schleppt er sich dennoch. Mit gutem Beispiel voran, weil die Kinder ihm so viel Freude machen.

Viele vergessen oft, dass es nicht nur ums Gewinnen geht.

Denn trotz der Niederlagen und der vielen Gegentreffer – richtig schlimm war keine Partie, beteuert er. „Jedes Spiel war interessant. Viele vergessen oft, dass es nicht nur ums Gewinnen geht. Der Zusammenhalt der Mannschaft ist wichtig. Die Jungs sind bei der Stange geblieben und hatten immer Spaß am Fußball – egal, wie hoch sie verloren haben.“

Und verloren haben sie oft so hoch, dass die Betreuer die Gegentreffer schon nicht mehr gezählt haben. „Was im Training immer funktioniert, klappt in der Praxis nicht mehr. Manche Spieler verlieren die Nerven, schießen am Tor vorbei. Aber wir arbeiten daran“, sagt der Präsident, der sich auch über kleine Erfolge freut. „Das Schöne an der Mannschaft ist, dass sich die Kinder gegenseitig motivieren. Sie freuen sich, wenn das Ergebnis nicht ganz so schlecht ausfällt oder darüber, dass sie überhaupt durchgehalten haben.“

Von den anderen Mannschaften gab es nie Spott und Häme. Im Gegenteil: „Sie gaben zu, ebenfalls klein angefangen zu haben. Das zeigt uns: Man muss einmal den Startpunkt setzen. Dass nicht alles 100-prozentig läuft, ist allen klar“, resümiert Maik Lukesch. Am meisten beeindruckt ihn, dass die Kinder zwar regelmäßig die Spiele verlieren, nicht aber ihren Mut. „Respekt! Das treibt uns an, nicht die Flinte ins Korn zu werfen. Sicherlich kam ab und zu mal der Gedanke, ob man vielleicht einen Fehler begangen hat. Aber wenn man nie den Grundstein legt, geht es auch nicht voran.“

Mal auszuwechseln, wäre schön.

Mittlerweile erkennt Maik Lukesch sogar Fortschritte. „Als wir angefangen haben, war dies ein wilder Haufen. Da sind alle auf den Ball gestürzt und keiner hat seine Position gehalten. Je länger die Saison gedauert hat, wurde die Leistung etwas besser. Aber es sind unterschiedliche Charaktere, die zum ersten Mal zusammengefunden haben.“ Zudem hat das Team bis heute noch keinen richtigen Trainer. Potenzielle Kandidaten waren im Job zu sehr eingespannt. „Wer einmal eine Kindermannschaft begleitet hat, der weiß, dass man starke Nerven braucht. Und es bedeutet viel Verantwortung.“

Nicht nur an einem Trainer mangelt es derzeit. Auch ein paar Spieler mehr dürften es ruhig sein. Vierzehn Nachwuchskicker zählt der Verein bis dato. Einige im Bambini-Alter sind noch zu jung für die D-Jugend-Partien, dürfen aber mittrainieren. Derzeit hat die Fortuna Schwierigkeiten, immer mit den geforderten acht Spielern pro Team anzutreten. Von der fehlenden Möglichkeit, einmal auszuwechseln, ganz zu schweigen.

Größere Vereine in der Stadt werben die Talente ab, gründen zahlreiche Jugendteams und blockieren die Fußballplätze zum Trainieren, klagen die Fortunen ohne Fortune. „Doch wir wollten nicht, dass der Fußball in Bindersleben ausstirbt“, sagt Maik Lukesch. „Es soll sich herumsprechen, dass es einen kleinen Verein gibt, bei dem es Spaß macht, Fußball zu spielen. Es kommt nicht nur auf die Leistung an.“ Spieler, die in anderen Mannschaften nur auf der Bank sitzen, haben hier allergrößte Chancen zu spielen.

Man kann aus nichts etwas machen.

Ende August startet die neue Saison. Die Ergebnisse können nur besser werden. „Es gibt ja keinen Absteiger. Wir haben ganz unten angefangen und da sind wir immer noch.“ Es ist ein bisschen, wie im Film, bei dem der Zuschauer hofft, dass der Außenseiter am Ende doch triumphiert. Präsident Maik Lukesch lacht wieder und verspricht: „Das Happy End kommt noch.“

Er spricht aus Erfahrung. Auch das Fortunen-Männerteam hat in seiner Vergangenheit schon bewiesen, dass es immer Hoffnung am Horizont gibt. „Wir waren die schlechteste Männermannschaft von Deutschland, hat die Bild-Zeitung über uns geschrieben. Heute stehen wir gar nicht so schlecht da, sind zweimal aufgestiegen. Es funktioniert also. Man kann aus nichts etwas machen.“



Kontakt

www.fortuna-erfurt.de

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