Ein Geheimbund? Schlaraffia ist eine Persiflage auf das Leben
Inniges Lulu im Reych des Uhus

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Die Schlaraffen – ein weltweiter deutschsprachiger Männerbund –
pflegen Freundschaft, Kunst und Humor. Sie haben alle einen Vogel, feiern sich selbst. Und sind sogar noch stolz darauf. Ein Blick hinter
die Kulissen während einer Sippung - ein Treffen illustrer hintersinniger Käuze - in der Burg der Schlaraffia Vimaria bringt etwas Licht in eine skurrile Welt.

Lord Voldemort sucht man in der Burg in Oberweimar ­vergebens. Böses hat hier einfach keinen Platz. Doch der erste Eindruck segnet in mir sofort Erinnerungen an Harry Potter hervor. Das liegt auch am Symbol – dem Uhu, der in der Burg an der Wand thront und verehrt wird. Ein Bezug zu Harry Potters Briefeule „Hedwig“ wäre wirklich zu profan. Doch etwas Mystisches spüre ich – im Reych von Schlaraffia Vimaria.

 Die Burg ist geschmückt mit Uhu-Symbolen und -Plastiken. An der Stirnseite erhebt sich der Thron für die drei Oberschlaraf­fen aus schwerem Holz. Zur Rechten des Triumvirats (profan: Präsidium) sitzt der Kantzler, zur Linken der Reychsmarschall. Im Hintergrund prangt das Hermelorum – eine Art fellbesetzter Umhang, wie man ihn von König(innen)en kennt. Den Thron schmücken Insignien wie Fehdehandschuh, Zepter, silberner Kelch sowie die Büsten der Ehrenschlaraffen „Faust“ (Goethe) und „Funke“ (Schiller). Den mittleren Thronstuhl ziert ein Ritterschild, das Wappen des Reyches 85. Bögen und Säulen aus Steinimitaten vermitteln Rittersaalflair. Ich komme mir vor wie in einer Filmkulisse. Doch die Romanvorlagen der Schriftstellerin Joanne K. Rowling sind abgedreht und die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei gehört ins Reich der Fantasie. Das hier ist ­Realität, im „Ilmschlösschen“, in der Klas­sikerstadt, an einem Apriltag im 21. Jahrhundert, aber nach schlaraffischer Zeitrechnung a. U.­ (anno Uhui) 159.

✎ Uhu-hertzlichstes Willekumm

 Ich bin profaner Gast der 2346. Sippung – vierzehn­tägige Treffen von Oktober bis April – der Schlaraffia Vimaria. Und, dass ich das bin, widerlegt schon die erste Legende: Es sei ein Geheimbund. Dennoch ist es spannend. So treffe ich bereits auf der Taubacher Straße auf Männer in ­dunklen Anzügen ­und weißen Hemden, die mit Pilotenkoffern bestückt, in die Burg reiten. Schlaraffisch ist die Reise = der Ausritt und einreiten = der Besuch eines Reyches. Ich wusste: Ich bin richtig. Doch das war erst der Anfang meiner Reise in eine fremde, teils skurrile Welt.

 Die Schlaraffenburg, profan Vereinslokal, füllt sich. Die smarten Anzüge werden mit bunten Umhängen oder Schärpen – also mit Rüstungen – verhüllt oder geschmückt. Viele sind mit Orden, Abzeichen und Auf­nähern (Willkum-­Orden) übersät – eine Art Reiseandenken aus anderen ­Reychen. Den Abschluss bildet das Richten des Helms, dem Typus nach eine Narren­kappe wie es nur ein Profaner ausdrücken kann. Ich komme mir vor – und die Schlaraffen mögen es mir verzeihen – wie in einer Mischung aus Karne­vals­sitzung und Schlumpf­parade. Aber ich bin gebannt, finde es keinesfalls lächerlich. Die fröhliche Stimmung hilft mir, auch wenn ich das Schlaraffen-Latein nicht intus habe.

 Es geht humorvoll zu. Man(n) ist nett und aufgeschlossen zu mir. Doch allein schon die Begrüßungen mit einem herzlichen „Lulu“ und die Vorstellungen mit dem Ritternamen überfordern mich anfänglich. Meine ­offene Art und mein Mut ­retten mich, als ein erstes „Lulu“ als Grußerwiderung meine Lippen verlässt.

✎ „Ehé“ schallt es

 Plötzlich erheben sich alle Sassen, Mitglieder der Schlaraffia und Gast-Recken. Es folgt ein heiterer Einzug der Thronsassen des Reychs, angeführt vom Ceremonien­meister. „Lulu“-Rufe, Hände schwingen, Hände schütteln. Es wird gewunken. Die Sippung, das Treffen in der Burg, wird feierlich vom Fungierenden (Moderator) eröffnet. Es wird wieder laut, „Ehé“ schallt es - Prost! Nach der Verehrung mit Verbeugung vor dem ausgestopften Uhu. Es folgt ein gemeinsames Lied. „Hoch lebe der Uhu“, ruft Ritter „Peterle“, der auch Oberschlaraffe des Inneren ist und die Sippung moderiert. Diesen spricht der Ceremonienmeister mit „Eure Herrlichkeit“ an, bevor er im Reim die Gäste aus der Rostra – einem Rednerpult – ­­begrüßt. Nur meine Neugierde ver­hindert, dass ich noch tiefer in den Stuhl neben dem ­Kantzler, Ritter „Tigillus“ (Anrede: „Vieledler“) neben dem Thron versinke. Doch die Worte „weit offen ist Vimarias Tor“, zeigen mir: Du bist wie andere willkommen.

„Schlaraffen hört!“

 Ein nicht ganz reines Signal einer Fanfare sorgt für Aufmerksamkeit. Die blaue Kerze, Symbol für Freundschaft, und dann die grüne, für die Thüringer Reyche, werden entzündet. Und ein Loblied auf die Brüder beschließt diesen Akt. Es ­folgen Wortmeldungen, die mit „Schlaraffen hört!“ beginnen, und es werden Willkum-­Anstecker an Ritter überreicht, die erstmals im Reyche Vimaria sind. Einige Flaschen Lethe (Wein) und Brandlethe (Schnaps) können die ­vimarischen Oberschla­raffen mit Dank entgegennehmen. Es wird angestoßen: – „Ehé“.

 Ein Ritter aus Südafrika berichtet von der Ausraubung der dortigen Burg. ­Ansonsten geht es friedlich bei den Schlaraffen zu. Er überreicht als Gastgeschenk eine aufwendige Zeichnung. Die ­Abgesandten aus dem Reych „Im Sachsenwald“, wohlgemerkt die aus Reinbek, die nahe Hamburg ausritten, überreichen Orden über ­Orden, Abzeichen, Aufnäher, bei mehreren Wortmeldungen. Ein dreifaches „Lulu“ doku­mentiert Zustimmung der Teilnehmer dieser ­Sippung.

Der Patriarch des Reyches

 Zwischendurch holt der Ceremonienmeister Ritter zur Belobigung vor den Thron. Und sehr oft wird auch ein Fläschlein Schaumlethe (Sekt) für die Burgfrau zu Hause überreicht. Eine Würdigung dessen, dass es ohne das Verständnis seiner Familie der Ritter schwerer hätte. Übrigens: Ein Burgschreck, also eine Schwiegermutter, wurde während dieser Sippung nicht gewürdigt. Dafür ­ritterliche Geburtstagskinder mit einem Ständchen. Und Ritter Prometheis – der nach der Wende aus Trier kommend Aufbauhilfe im Reych Vimaria leistete – wird für 40 Jahrungen geehrt. Ihm gegenüber sitzt Ritter „Datus“, der ­Patriarch des Reyches. Er ist seit 58 Jahrungen (Jahren) aktiv, war bereits zu DDR-Zeiten Oberschlaraffe und führte das Reych über die Wende.

Symbole & Hintersinnigkeit

 Die Junker und ­Knappen horchen an der gesonderten Tafel, bei dieser Historie auf. Sie blicken zum Junkermeister, ihrem „Erzieher“ – genannt: der „Gestrenge“. Seine ehrwürdige „Knute“ (Peitsche) hat wohl nur Symbolcharakter. Und dieser ist auch in den findigen Ritternamen zu erkennen. Mir fallen auf die Ritter: „Lach-Muss der Süßsaure“, „Oh-Köstlich der Gaumenverführer“, „Reimfroh der Kreideweise“ und ­„Dagegen der dafür steht“. Der Schalk ist deutlich spürbar. Auch als der „Säckel­meister“ während des Schnorrliedes „…für ­Schlaraffias Schatz allein, gebens Sassen gerne. Ehe!“, in einer Art Kollekte, um Füllung der Reychskasse bittet.

Der Ritterschlag

 Etwas ernster, protokol­larischer geht der Höhepunkt der 2346. Sippung im Reych Schlaraffia Vimaria ­vonstatten. Währenddessen gibt es kein Laben und Atzen – kein Trinken und Essen. Es ist der Ritterschlag von Junker Werner. Der Reychsbanner­träger zeigt Flagge und nach dem Ertönen von Fanfare und „Tamtam“ (Gong) kommen Schwert und silberner Kelch zum Einsatz. Nach dem ­Treueschwur von Ritter „­RadelFix“ auf den Uhu ­erschallt ein dreifaches „Uhu“. Der neue Ritter wird gehuldigt. Das Sippungs-Schlusslied be­endet den offiziellen Teil des ­Treffens nach drei Stunden. Ein bunter Uhutag entlässt mich aufgewühlt in den Abend.

Der profane Abgesang

 Schlaraffen und Profane (Nichtschlaraffen) hört: Nicht erst seit der Fantasiewelt von Harry Potter ziehen uns Hexen, Zauberer und Ritter in den Bann. Auch unsere Geschichte bietet Märchenhaftes und Historisches. Wir sind geprägt von Kreuz­zügen, Frondiensten, Adel­geschlechtern und ­T­afelrunden. ­Thüringen zieren heute noch zig Burgen und Schlösser. Nun gut, nicht alle sind so in Schuss wie die in ­Ober­weimar. Nicht überall kann man der Rauheit der Wirklichkeit ein Schnäppchen schlagen wie hier. Nicht überall, kann man humorvoll sich selbst feiern und über sich schmunzeln, aber hier. „Lulu!“

Hintergrund

 Was ist Schlaraffia und wie entstand es?

 Die Schlaraffia ist eine am 10. Oktober 1859 in Prag gegründete, welt­weite deutschsprachige Männervereinigung zur Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor. Das Wort „Schlaraffe“ soll vom mittelhochdeutschen Wort „Slur-Affe“ abstammen, was so viel heißt wie „sorgloser Genießer“.

 In Salons und Clubs hatten damals nur auserwählte Personen Zutritt. Man musste die richtigen Beziehungen haben oder sich „einkaufen“. Einige Künstler revoltierten und gründeten den Verein „Proletarierklub“– die Urzelle der Schlaraffia. Dort traf man sich, um nicht nur den schönen Künsten zu huldigen, sondern auch satirisch die Überheblichkeit des Adels und die Titels- und Ordenssucht, das „K.u.k.-Gehabe“ aufs Korn zu nehmen.

 Schlaraffia ist eine Persiflage auf das Leben, die „Wichtigkeiten“ des Alltages – die hier gern durch den Kakao gezogen werden. Der Bund ist weltoffen, weder geheim, noch politisch, religiös oder berufsfördernd.

 Eine Maxime der Schlaraffen ist, den Anderen als Menschen so zu lassen und zu akzeptieren, wie er ist, ohne ihn formen zu wollen. Der Wahlspruch ist „In arte voluptas“ – in der Kunst liegt Vergnügen.

 Die Pflege der Kunst ist ein erklärtes Vereinsziel. Im Gegensatz zu einem Kunstverein verstehen die Schlaraffen allerdings Kunst nicht als Lehre, sondern als Interesse. Deshalb gibt es keine Vorlesungen über Details und Zusammenhänge. Es geht um die Freude an Musik, Literatur, Malerei.

 Schlaraffen belächeln sich und andere mit Vergnügen, haben Freude am Witz, Esprit – bis hin zu dem, was sie „höheren Blödsinn“ nennen. Sie sind dem Abstrusem, Aber-Witzigem zugewandt.

 Lulu könnte die Abkürzung der Übersetzung von „Spielt das Spiel!“ ins Lateinische – „ludum ludite!“ bedeuten. Oder: Da fast alle Gründungsmitglieder der Praga Bühnenprofis waren, verwendeten sie passende Textzitate in ihren heiteren Stammtischgesprächen. Aus Schillers „Wallensteins Lager“ wurde die Textzeile „Lustig, lustig, da kommen die Prager!“ zitiert. Als Kurzform blieb schließlich „Lulu“ übrig. Die Buchstabenumkehr „Ulul“ bedeutet Ablehnung oder Tadel.

  Schlaraffische Zeitrechnung: Stunde 0 = 1859. Dann war 1860 a. U. (anno Uhui) 1 und 2018 = a. U. 159.

 Die Abläufe & Regeln des schlaraffischen Spieles sind im Buch „Schlaraffen-Spiegel und Ceremoniale“ festgelegt.

  Es gibt zirka 260 Reyche (Orts­vereine der Schlaraffen) mit rund 10 000 Mitgliedern.

  Der Schlaraffenpass ist die „Eintrittskarte“ in andere Reyche.

  Es gibt ein Jahresprogramm über Themen in den Sippungen.

 Die Vimaria wurde anno Uhui 26, 1885, durch Ritter „Toggenburg“ der Gewaltsame der hohen Gotaha, seines Zeichens Großherzoglicher Sächsischer Hofschauspieler gegründet.

 Zu uhufinsteren DDR-Zeiten bestieg Ritter „Datus“ 1976 in der Glockenburg zu Apolda den Thron der Vimaria. 1986, drei Sassen waren noch aktiv, wurde das 100. Stiftungsfest bei der Tochter Erforda gefeiert. Das war mit 87 Gästen aus 24 Reychen die größte schlaraffische Veranstaltung im Osten.

 Berühmte Schlaraffen:  Franz Thomé, Prager Theaterdirektor und Gründer der Schlaraffia Franz Lehar, Oscar Strauß, Gustav Mahler, Paul Hörbiger, Otto von Kotzebue

Zur Sache

Schlaraffenlatein
Profaner = Nichtschlaraffe
Uhuversum = Weltall
Uhutag = Sitzungstag
gen Ahalla reiten = sterben
Schnarch­ross = Wohnmobil
Festgewand = Rüstung
Geld = Mammon
Atzung = Essen
Labung = Trinken
Quell = Bier
Lethe = Wein
Schmauchtopf = Tabakspfeife
Lunte = Zigarre
Luntette= Zigarette
Pön = Strafe
Benzinross = Auto
Benzinelefant = Bus
Dampfross = Eisenbahn
Feuerzeug = Brandfackel
Fronburg = Arbeitsstelle
Tross = Familie
Burgfrau = Ehefrau
Burgwonne = Freundin
Burgmaid = Tochter
Burgknäpplein = Sohn
Klang = Lied
Clavicimbel = Klavier
Seufzerholz = Geige
Kniewinsel = Violoncello
Quasselstrippe = Telefon
Uhubaum = Christbaum
Sendbote = Brief
Sendwisch = Postkarte
Netzwisch = E-Mail
Netzburg = Homepage

Inform@tionen

» In Thüringen gibt es ­Reyche in: Erfurt, Gera,­
Meiningen. In Gotha existiert ein „Feldlager“ – Vorstufe zum Reych.

www.schlaraffia-vimaria.de
www.schlaraffia.org
www.erforda.de
www.gotaha.de
www.schlaraffia-geraha.de

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