Der Erfurter KinderKunst e.V. und sein einzigartiges Archiv
Lebendig, ehrlich, unbekümmert

Ein Beispiel aus der Ausstellung:  "Kinder und die Bibel: Die Schöpfung", Farbradierungen von Kindern und Jugendlichen,  bis zum 30. Januar in der Erfurter Kinder- und Jugendbibliothek, Marktstraße 21
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  • Ein Beispiel aus der Ausstellung: "Kinder und die Bibel: Die Schöpfung", Farbradierungen von Kindern und Jugendlichen, bis zum 30. Januar in der Erfurter Kinder- und Jugendbibliothek, Marktstraße 21
  • Foto: KinderKunst e.V.
  • hochgeladen von Michael Steinfeld

Im hintersten Kellereck unter der Erfurter Bibliothek schlummert ein Kunstschatz, den kaum ein Thüringer so richtig kennt. Über 14.000 Werke aus den vergangenen hundert Jahren bilden hier eine deutschlandweit einmalige Sammlung. Dabei sind diese Arbeiten völlig unbekannt. Sie stammen auch nicht von Klee, Dix oder Feininger, sondern von Vorschülern, Kindern und Jugendlichen.

Der KinderKunst e.V. hat es sich vor mehr als 16 Jahren zur Aufgabe gemacht, dieses besondere Archiv zu betreuen, zu pflegen und ständig zu erweitern. „Es gibt Sammlungen von Kinderkunst, die noch umfangreicher sind. Aber wir haben die einzige, die in diesem Maß digitalisiert ist“, sagt Dr. Jutta Lindemann, Kunstwissenschaftlerin und Vorstandsvize im Verein. Gut 80 Prozent des gewaltigen Bilderbestandes können sich Besucher online ansehen. Um das Nachforschen zu erleichtern, können sie ihre Suche nach Themen, Techniken, Material und Kunstgattungen filtern.

Von A wie Architektur bis Z wie Züge haben die Kinder zu jedem Thema etwas gemalt. Da die meisten Arbeiten im Schulunterricht vor und während der Wende entstanden sind, erhält die Sammlung zudem eine kulturhistorische Bedeutung. „Das Dr.-Birgit-Dettke-Archiv spiegelt konzentriert die Kunsterziehung der DDR wider“, erläutert Vorstandsvorsitzende und Kunstwissenschaftlerin Prof. Dr. Heidrun Richter. Viele Bilder malten die Kinder beispielsweise über Kosmonauten, Solidaritäts- und Friedensbewegungen, bestätigen die Vorstandsmitglieder, die eine glückliche Kindheit in den Bildern erkennen.

Schatz für Kunsterzieher

Mittlerweile erreichen den Verein aus allen Ecken Deutschlands immer wieder schwere Kisten voller Kunst, die erfasst und abgelegt werden muss. Mehrere Ausstellungen mit Bildern der Kinder initiiert der KinderKunstverein jedes Jahr. Zum Glück hat er spendable Sponsoren, um die Kosten für Digitalisierung, Miete & Co. zu decken. „Unser Archiv wird allein ehrenamtlich geleitet“, betont Richter. Und diese Arbeit kommt für den vierköpfigen Vorstand manchmal einem Vollzeitjob nahe. Das geht teilweise ganz schön in die Knochen der aktiven Mitglieder, die mittlerweile - so müssen sie selbst zugeben - ein wenig in die Jahre gekommen sind.

Der rund 30-köpfige Verein sucht daher eine dauerhafte Lösung, zum Beispiel eine Institution wie die Erfurter Stadtbibliothek, die seine Aufgaben übernehmen könnte. Ein anderer naheliegender Kandidat, die Erfurter Universität, zeigt leider kein Interesse. „Das ist sehr traurig“, bedauert Richter, „denn die Sammlung wäre für die Ausbildung der Kunsterzieher ein Schatz.“

Deutlich mehr Interesse zeigen hingegen Studenten aus Ostwestfalen. Eine Kooperation mit der Universität Paderborn hat in den vergangenen Jahren unter anderem drei Dissertationen und eine preisgekrönte Staatsexamensarbeit auf den Weg gebracht. Gemeinsam möchten die Partner jetzt bedeutende Kinder- und Jugendzeichnungen des Erfurter Archivs in die Liste des UNESCO-Weltdokumentenerbes aufnehmen.

Reich an Fantasie

Lebendig, ehrlicher und unbekümmerter sei die Kinderkunst, finden die Vereinsmitglieder. „Kinder wollen bewusst keine Kunst schaffen. Sie malen einfach der Mutter zum Geburtstag ein schönes Bild“, erklärt Grafiker Werner Regu, im Verein für die Finanzen zuständig. „Das Gros der Menschen verliert die Kreativität und die Fantasie, die sie als Kinder besitzen. Es ist viel Mühe, diese als Erwachsener wieder zu erwecken“, weiß Heidrun Richter, die Kinderzeichnung als anthropologisches Phänomen bezeichnet. „Alle Kinder auf der Welt haben sich über die Zeichnung entwickelt, ehe sie gesprochen haben.“ Vom ersten Kritzelknäuel, das viele Erwachsene fälschlicherweise als Geschmiere abwerten, bis hin zum ausgefeilten Porträt können Betrachter erkennen, wie sich das Kind entwickelt. Schon Bauhauskünstler beschäftigten sich mit Kinderkunst. Paul Klee nahm die eigenen Kinderbilder in sein Gesamtwerk auf, maß ihnen somit einen hohen Stellenwert zu.

In Anführungszeichen würde keiner im Verein die Kinderkunst stellen wollen. „Es wird sich immer wieder um den Begriff gestritten, ob dies nun Kunst ist oder nicht. Aber wer kann das schon definieren?“, fragt Jutta Lindemann. „Aber wir sind vorsichtig, ein Kind als Künstler zu bezeichnen“, sorgt sich Richter, das Kind damit zu überlasten. Talent fördern ja, aber Kinder nicht aus Profitstreben in eine Richtung schieben. „Kunst macht man nicht, um Geld zu verdienen, sondern um sich auszudrücken.“

Hintergrund:

Der „KinderKunst e.V.“ wurde im Juni 2001 auf Initiative von Dr. Birgit Dettke gegründet, die auch zur ersten Vereinsvorsitzenden gewählt wurde. Das Archiv trägt ihren Namen, seit die Kunsterzieherin beim Massaker am Gutenberg-Gymnasium das Leben verlor.

Kontakt:
Telefon: (0361) 655-1551
Digitales Archiv: www.kinderkunst-ev.de

Termine:
„Kinder und die Bibel: Die Schöpfung“, Farbradierungen von Kindern und Jugendlichen, bis zum 30. Januar in der Erfurter Kinder- und Jugendbibliothek, Marktstraße 21

„Ein Kunsterzieherleben“, Sammlung von Marianne und Dieter Didschuneit, bis zum 22. April in der Erfurter Stadt- und Regionalbibliothek, Domplatz 1

Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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