Studenten retten das Wieher Schloss
Modernes Design im alten Anwesen

Im kargen Zimmer steht nur ein einziges Möbelstück. Weiß, lang und wie aus einem Guss. Doch wie in einem Aufklapp-Bilderbuch poppen hier Bett, Kleiderschrank, Toilette und Dusche auf, wenn man etwas hochklappt oder herauszieht.
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  • Im kargen Zimmer steht nur ein einziges Möbelstück. Weiß, lang und wie aus einem Guss. Doch wie in einem Aufklapp-Bilderbuch poppen hier Bett, Kleiderschrank, Toilette und Dusche auf, wenn man etwas hochklappt oder herauszieht.
  • Foto: Fachhochschule Erfurt
  • hochgeladen von Michael Steinfeld

Die angehenden Architekten der Fachhochschule Erfurt retten derzeit das Schloss Wiehe. Sie wollen es zu einem Tagungsort umbauen. Ein Musterzimmer ist schon fertig und verspricht einen Blick in die Zukunft im historischen Gemäuer.

Im kargen Zimmer steht nur ein einziges Möbelstück. Weiß, lang und wie aus einem Guss. Doch wie in einem Aufklapp-Bilderbuch poppen hier Bett, Kleiderschrank, Toilette und Dusche auf, wenn man etwas hochklappt oder herauszieht. Diese ungewöhnliche Art zu übernachten vermutet man vielleicht in einem Designerhotel in einer Metropole wie Tokio oder New York, aber bestimmt nicht im altehrwürdigen Schloss Wiehe. Nicht hier im äußersten Osten des Kyffhäuserkreises, im verträumten Tal der Unstrut am Nordhang der Hohen Schrecke, wo die Zeit teilweise still zu stehen scheint.

Die asketische Einzelzelle ist das erste von insgesamt 23 Zimmern, die von Architekturstudierenden und ihren Professoren der Fachhochschule Erfurt im zweiten Obergeschoss von Schloss Wiehe erschaffen werden. Die angehenden Akademiker haben das historische Anwesen aus seinem Dornröschenschlaf errettet und wollen es zu einem Tagungs- und Gästehaus ausbauen. Dazu haben sie vor rund einem Jahr den mittlerweile 45 Mitglieder starken Verein Landlab Schloss Wiehe e.V. gegründet. Gleich mit dem ersten Zimmer zeigten die Sanierer, dass sie eher auf modernes Design und weniger auf feudalen Pomp mit zu viel Chichi setzen.

Kleiner Shitstorm

„Es gab heftige Diskussionen wegen des Zimmers“, erinnert sich Joachim Deckert, Professor für Entwerfen, Gestaltungs- und Darstellungslehre an der Erfurter Fachhochschule. Bilder auf Facebook lösten einen kleinen Shitstorm aus. Das Kopfkissen fast in Griffnähe zur Kloschüssel und das auch noch ohne Trennwand ist für einige dann doch zu viel - beziehungsweise zu wenig. „Doch wer fertig ist mit seinem Geschäft, kann die Klappe zumachen, dann sieht er das Klo gar nicht mehr. Und bei den eigenen Gerüchen ist man ja normalerweise auch gar nicht so fürchterlich penibel“, kann Deckert die Kritik nicht nachvollziehen.

Er beruhigt, dass jedes Zimmer anders aussehen, seinen eigenen Charakter und Charme besitzen soll. Das zweite Zimmer ist schon in Arbeit. Genauer gesagt sind es zwei Doppelzimmer, die sich ein Bad teilen und beispielsweise für eine Familie geeignet sind. „Und jetzt kommt das Feudale. Dort stehen dann nämlich Himmelbetten“, kündigt Deckert an. Allerdings tragen moderne Stahlprofile, in denen Lichter stecken, den Baldachin.

Der Baufortschritt ist immer abhängig von Spenden und Fördermitteln. Als nächstes Dickschiff steht das sanierungsbedürftige Treppenhaus an. Im ersten Stock sollen später größere Räume entstehen, die sowohl für Seminare als auch als Mehrbetträume benutzt werden können. „So können wir verschiedene Levels bedienen. Studierende haben andere Ansprüche als die Eltern einer Hochzeitsgesellschaft.“

Alte Möbel gesucht

Da das Schloss weitgehend unmöbliert ist, bittet der Verein um Leihgaben. „Und zwar sammeln wir Erbstücke, für die man keinen Platz zu Hause hat. Da kommen bereits ein Flügel und andere Möbel meiner Eltern her“, erklärt Deckert. Ob Schrank, Kommode oder Stühle - nur einigermaßen historisch sollten die Möbel sein. Die frühere Besitzerfamilie von Werthern-Wiehe hat sich schon bereiterklärt, Teile der derzeit eingelagerten Originalausstattung beizusteuern.

Vom Interieur des Adels ist in der DDR nicht viel übrig geblieben: ein Saal mit Stuck, die alten Dielenböden und Türen, ein orientalisches Zimmer. Mehr nicht. „Das ist aber ganz gut, dann können wir auch nicht so viel falsch oder kaputt machen“, sagt Deckert, der in Sachen Denkmalschutz immer noch genug zu beachten hat.

So praxisnah haben seine Studenten zumindest selten gearbeitet. „Als Fachhochschule sind wir praxisorientiert. Doch diesmal ist es anders, weil die Studierenden wirklich alles selber bauen müssen.“ Ein Installateur mit Lehrauftrag hilft den Studenten vor Ort mit Rat, Tat und Werkzeug. „Das ist genial. Sie lernen so unheimlich viel.“ Um den Kostenrahmen nicht zu sprengen, ist die Tatkraft der Hochschüler auch bitter nötig.

Im ersten Schritt schaffte der Verein zwei Duschen und 20 Feldbetten an, die seitdem rege genutzt werden. Zunächst zum Entrümpeln: „Wir haben in drei Tagen mit 20 Studierenden zweieinhalb Container Bauschutt und Dreck aus dem Schloss herausgeschafft. Wir Professoren haben mitangepackt.“ Die Plackerei schweißte noch enger zusammen. „Obwohl es so richtig harte Arbeit war, hat es überraschenderweise allen viel Spaß gemacht.“

Think-Tank

Entstehen soll am Ende ein kreativer Rückzugsort, ein Think-Tank für die Fachhochschüler und-professoren. Bisher führten die Exkursionen, in denen freies Skizzieren trainiert wurde, immer weit weg nach Italien. „Man weiß mittlerweile, dass die kreativen Prozesse nicht unbedingt am Arbeitsplatz erfolgen“, beschreibt Deckert, warum es so notwendig ist, dem Hörsaal, Seminarraum, Studio oder Atelier mal den Rücken zu kehren.

Hier irgendwann über Fakultäten-Grenzen hinweg an Ideen, Projekten und Konzepten zu spinnen, würde das Schloss zum Traumschloss werden lassen. Und schon jetzt arbeiten nicht nur Architekten-Studenten am Schlossumbau mit. Die kommenden Bauingenieure haben den Verfall gestoppt. Die Wirtschaftsfakultät tüftelt am Businessplan und an Marketingkonzepten. Die Verkehrsplaner überlegen, wie man auch ohne Auto zeitnah das Schloss erreicht. Und die Landschaftsarchitekten, Gartenbauer und Forstleute haben schon Konzepte für den Park erstellt.

Sogar die Sozialwissenschaftler sitzen mit im Boot. Denn der Landlab-Verein und die Fachhochschule möchten die Wieher unterstützen. „Es ist das typische Problem: In der Stadt ist die Nachfrage zu groß, während das Land ausblutet. Der Kyffhäuser Kreis ist bekanntlich strukturschwach. Nicht allen Leuten geht es gut. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und es gibt nur eine Kneipe in der ganzen Stadt“, gibt Deckert zu bedenken und sieht sich und die Seinen als eine Art Entwicklungshelfer.

Die Wieher sind jedenfalls begeistert, dass das Schloss wieder eine Perspektive besitzt. „Die Leute sind großartig. Sie nehmen uns mit offenen Armen auf und machen mit.“ Beim Arbeitseinsatz haben die Vereine im Ort Kuchen gebacken, der Hausmeister hat gegrillt und sogar die Bürgermeisterin Kartoffelsalat angerührt. „Das hat uns ermutigt weiter zu machen“, sagt Deckert, dem die Stadt so richtig ans Herz gewachsen ist.

Termin:
Kost- und Sichtproben gibt es beim zweiten Schlossparkpicknick am 23. Juni. Dann können die Baufortschritte und die Musterzimmer begutachtet werden.

Kontakt:
www.jetzt-erfolgreicher.de

Hintergrund:

Das Schloss, einst nobler Adelssitz der Familie von Werthern-Wiehe besteht in der heutigen Form seit 1666 - von einigen Umbauten abgesehen. Die Burgmauern gehen auf eine Burgsiedlung aus dem 10. Jahrhundert zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie enteignet, das Schloss geplündert. Später wurde hier die örtliche Schule einquartiert. 1996 übernahm die Stadt Wiehe das Schloss. Eine erste Sanierung vergrößerte die Bauschäden jedoch. Heute ist das Schloss nicht mehr einsturzgefährdet und wird zum Teil schon genutzt: Beispielsweise wird der Gewölbekeller für Veranstaltungen verpachtet.

Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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