Trampolin für Poeten

Der Vorstand des Highslammer e.V. (von rechts) Schatzmeister Andreas in der Au (Aida), Vorsitzender Andreas Budzier und sein Vize Matthias Klaß.
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  • Der Vorstand des Highslammer e.V. (von rechts) Schatzmeister Andreas in der Au (Aida), Vorsitzender Andreas Budzier und sein Vize Matthias Klaß.
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Wo: Highslammer e.V.,, Nonnenrain 1, 99096 Erfurt auf Karte anzeigen

Poetry-Slam hat sich von einer Subkultur zum lukrativen Zuschauermagneten gewandelt. Der Highslammer e.V. holt Deutschlands Stars der Szene nach Thüringen.

Aida scheint das Scheinwerferlicht anzuziehen. Nicht etwa das Kreuzfahrtschiff. Aida ist das Pseudonym von Andreas in der Au, gebildet aus dem Akronym seines Namens. Der Erfurter ist ein Typ zum Gernhaben. Eine knuddelige Quasselstrippe, die fröhlich ohne Punkt und Komma redet. So begeistert, dass sich seine Stimme immer wieder kieksend überschlägt. Und er lacht, ansteckend und viel - und sei es über sich selbst. Aida ist erst 33 Jahre alt und gehört bereits zu den Urgesteinen der Thüringer Poetry-Slam-Szene.

Innerhalb weniger Jahre hat sich das Slammen vom leicht nerdigen Zeitvertreib für Studenten zum trendigen Zuschauermagneten entwickelt. Aida hat den Aufschwung der einstigen Subkultur am eigenen Leib erfahren: „Das geht alles so schnell. Slammen ist kein Sprungbrett, das ist ein verdammtes Trampolin.“ Zum ersten Mal vor das Mikrofon trat der Erfurter, weil es für alle Hobbydichter freien Eintritt und kostenlose Verpflegung gab.

Die Angst zu versagen

Heute slammt kaum noch einer für Freibier und einen Schlafplatz auf der Couch. Und auch Aida veranstaltet und moderiert heute lieber die Slams, als durch Deutschland zu tingeln. Statt weiter selbst zu reimen, zu rappen, zu pfeifen, zu singen und zu tanzen, bucht er jetzt erfolgreich andere Künstler. Denn mit den Siegen und Titeln stieg seine Popularität. „Seitdem stehe ich unter Druck. Die Erwartungen der anderen an mich sind so hoch geworden. Ich schreibe schon kaum noch neue Texte. Ich habe Angst davor, zu versagen.“ Und textet er doch, testet er seine Programme lieber erst einmal in der bayerischen Provinz, wo er noch nicht so bekannt ist.

Für die Kunst hat der gelernte Diplom-Finanzwirt einen sicheren Job sausen lassen. Bundesweit gibt er jetzt Poetry-Slam-Workshops. Und er berät die Kollegen seriös bei der Steuer. Damit hat er eine Marktlücke entdeckt, denn kaum ein Poet will sich damit behelligen, wie er seine Kunst geschickt absetzen kann.

„Der Andrang ist krass.“

Aida gehört zum Vorstand des Highslammer e.V. Dass sich Slammer in einem Verein organisieren, ist die Ausnahme. Wer mag sich solche Freigeister auch bei einer bürokratischen Jahreshauptversammlung vorstellen? Doch die Thüringer sind anders, nehmen nicht einmal Mitgliedsbeiträge. Wozu auch? Die jährlich rund 80 Veranstaltungen von Nordhausen bis Zella-Mehlis sind meist ausverkauft. „Der Andrang ist krass. Ich mache schon gar keine Werbung mehr“, freut sich Aida, unter anderem Schatzmeister im Verein.

Die wichtigste Veranstaltung des Vereins und zugleich sein Namensgeber ist der Highslammer. Hier treffen sich die Stars der Szene, eine Teilnahme ist eine Ehre. Die Künstler kommen aus allen Himmelsrichtungen, mindestens ein Thüringer ist aber immer bei der Veranstaltung geladen. „Die Slam-Szene ist unglaublich vernetzt. Es gibt über 2000 Poeten in Deutschland. Ich darf immer nur nur acht, neun Leute einladen“, klagt Aida.

„Poetry Slam ist längst raus aus der Hobby-Ecke“, erkennt auch der Vize-Vorsitzender des Vereins, Matthias Klaß. Dies bewiesen Till Reiners, Torsten Sträter und andere Stars der Szene. Der 51-jährige Slammer und Autor erinnert sich noch, wie bei den ersten Auftritten vor Aufregung der Textzettel in seinen Händen zitterte. Heute trägt der Eisenacher seine gereimte Lyrik lieber auswendig vor, wie es schon sein Vorbild Heinz Erhardt tat. „Es ist Fleißarbeit, dass der Text sitzt.“ Der freischaffende Künstler bevorzugt den Wald als seine Bühne. Rund um die Wartburg führt er Gruppen zur Poesie-Erlebniswanderung.

UNESCO-Kulturerbe

Die Troika komplettiert der Vorsitzende Andreas Budzier. Der 32-Jährige kommt aus der Autorenszene. „Literatur und Poetry Slam - dies sind leider noch zwei Welten“, bedauert der freiberufliche Lehrer, der den etwas schwärzeren Humor schätzt. Sein Schwerpunkt liegt vor allem in der Nachwuchsförderung. Er bietet Workshops für kreatives Schreiben an, gibt jungen Autoren auf der Lesebühne die Möglichkeit, ihre Texte vorzustellen. Für ihn ist Slammen auch nichts anderes, als einen Roman oder eine Kurzgeschichte zu schreiben. Nicht umsonst sei Poetry-Slam mittlerweile UNESCO-Kulturerbe und hätte mit Nora Gomringer eine Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin in den eigenen Reihen.

Dünnhäutig werden die drei daher, wenn Slammer nicht als Kleinkünstler akzeptiert werden. „Wir sind da ein bisschen empfindlich“, gesteht Aida. „Wir hören oft Kritik, dass Poetry-Slam keine richtige Kultur sei. Aber unsere Bude ist voll, alle lieben Slam und es ist kulturell ansprechend.“

Das Dreigestirn kennt auch die Gründe für den Erfolg. „Es ist zum einen die Vielfalt“, weiß Aida. Die Poeten bedienen verschiedene Genres, von lustig bis traurig, von leise bis laut. Der eine will mit seinen politischen Texten die Welt verändern, der andere mit Klamauk das Publikum unterhalten. „Es muss keine Lyrik sein“, macht Matthias Klaß klar. „Du kannst deine Alltagserlebnisse vortragen. Wichtig ist, dass die Texte aus dem eigenen Kopfschmalz stammen müssen.“

Wer einmal bei einem Slam war, kommt gerne wieder.

Jeder Poet hat nur sechs Minuten Redezeit. Die Bandbreite ist groß, der Abend kurzweilig. „Das macht diesen Zauber aus“, sagt Aida. „Du kannst nicht sagen: Ich war schon einmal auf einem Slam. Das ist wie: Ich war schon einmal im Kino. Wer einmal bei einem Slam war, kommt also gerne wieder.“

Andreas Budzier ergänzt: „Ganz wichtig ist auch das Interaktive, dass das Publikum über den Abend entscheiden kann.“ Aida nickt. „Das besondere ist dieses Live-Erlebnis. Selbst wenn alle im Publikum rotzbesoffen sind, hören sie dir zu. Denn sie wollen die Texte ja bewerten. Und manchmal gewinnt ein Text, der gar nicht so gut ist, aber das Publikum brauchte ihn genau an diesem Abend. Man weiß nie, was passiert. Es gewinnt auch immer ein anderer. Selbst bei den Thüringer Meisterschaften konnte noch niemand seinen Titel verteidigen. Toll, oder?“

Matthias Klaß beschreibt eine weitere Zutat zum Erfolgsrezept: „Es sollte eine gute Mischung sein aus gelungenem Text und Performance. So kann ich das Publikum fesseln. Wenn ich nur vom Blatt lese, ohne etwas zu betonen und nur mit dem Text fertig werden will, bemerkt das auch das Publikum und will dich nicht mehr im Finale sehen.“

Am Ende gibt es zwar eine Gage für alle Teilnehmer, doch keine wertvollen Preise für die Gewinner. „Kunst kann man eigentlich nicht bewerten. Wir tun es aber trotzdem“, sagt Aida. Damit dennoch kein Neid aufkommt und aus Kunst vollends Kommerz wird, gibt es nur Ruhm und Ehre. „Der Spaß, das Treffen miteinander, das Vernetzen der Szene - darum sollte es gehen, nicht um den Preis.“

Hintergrund:

- Poetry-Slam ist ein neudeutscher Dichter-Wettstreit. Poeten treten auf der Bühne gegeneinander an. Erlaubt ist alles, was mit Sprache und Stimme möglich ist. Doch es gibt drei Regeln: Der Text muss selbst geschrieben sein. Der Künstler darf außer Mikrofon und Textblatt keine Requisiten benutzen. Und er muss sich an ein festes Zeitlimit halten.

- Das Publikum ist zugleich Jury und entscheidet, welcher Künstler weiterkommt und somit noch einmal auf die Bühne darf. Zu buhen oder anderweitig zu stören, ist verpönt.

- Seit 2012 gibt es die Thüringer Landesmeisterschaften. Amtierender Thüringer Slam-Meister ist Skog Ogvann aus Sömmerda.

- Der Verein gibt Workshops und bildet den Slammer-Nachwuchs schon an den Schulen aus, wo er eigene Meisterschaften organisiert.

- Im vergangenen Jahr hat der Verein ein Buch herausgebracht: „Poetry Slam in Thüringen“. In der Anthologie stecken alle Gewinnertexte der Landesmeisterschaften.

- Kontakt: Highslammer e.V., Nonnenrain 1a, 99096 Erfurt, www.highslammer.de, www.facebook.com/highslammer

Termine

5.3. Jena - Kassablanca (Poetry Slam)
6.3. Jena - Sebastian ist krank (Lesebühne)
7.3. Erfurt - Mehlhose (Poetry Slam)
15.3. Erfurt - Predigerkeller (Poetry Slam)
17.3. Erfurt - Mehlhose (Diary Slam)
23.3. Nordhausen - Jugendclubhaus (Poetry Slam)
24.3. Eisenach - Kunstpavillon (Poetry Slam)
25.3. Erfurt - Klanggerüst (Poetry Slam)
26.3. Weimar - Mon Ami (Poetry Slam)
22.4. Erfurt - Ratsgymnasium Highslammer (Poetry Slam)
1.5. Gera - Theater (Dead or Alive)
5.5. Eisenach - Kunstpavillon (Thüringen vs. Südtirol - Poetry Slam)
13.5. Schloss Cannawurf - (Poetry Slam)
17.5. Ilmenau - Studentencafe (Poetry Slam)
18.05. Nordhausen - Jugendclubhaus (Poetry Slam)
19.5. Erfurt - Augustinerkloster (Poetry Slam)
20.5. Mönchgrün (SOK) - Literarisches Weinfest (Poetry Slam)
18.6. Jena - Hörsaal (Poetry Slam)
28.7. Gera - Gerade raus (Poetry Slam)
11.8. Suhl - Kulturbaustelle (Poetry Slam)
12.8. Apolda - Landesgartenschau (Poetry Slam)
13.8. Erfurt - Maislabyrinth (Poetry Slam & Polterabend)
7.10. Erfurt - Kaisersaal Highslammer (Poetry Slam)
21./22. 10. Jena - Thüringer Landesmeisterschaft

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