„Bunte Vögel der Reformation“ – Thomas Müntzer

„Bunte Vögel der Reformation“ – Thomas Müntzer
eine außergewöhnliche Geraer Gottesdienstreihe im Reformationsjahr

Diese Gottesdienstreihe stellt Menschen vor, die in den Tagen der Reformation als Außenseiter, Provokateure oder originelle Denker auftraten.

Die Tage der Reformation waren angefüllt mit Unruhe und Aufbruch, spontanen Erhebungen und heftigem Streit. Konflikte brachen nicht nur zwischen den Erneuerern der Kirche und den Anhängern Roms auf. Auch untereinander war man sich im protestantischen Lager oft nicht einig. Mancher konnte da die Übersicht verlieren. Und andere reagierten mit Gewalt.

Thomas Müntzer war in der DDR eine bekannte, sogar im Schulunterricht behandelte historische Persönlichkeit. Im Gegensatz zu Luther, der als „Fürstenknecht“ und „Bauernverräter“ bezeichnet wurde, galt Müntzer als ein revolutionärer Märtyrer. Er wurde als so wichtig eingestuft, dass er sogar den 5 DDR-Mark-Schein zieren durfte (Bild). Diese Instrumentalisierung durch den DDR-Staat blockierte letztlich die unbefangene Auseinandersetzung mit dem Menschen und Theologen Müntzer.

Müntzer war anfangs ein hochmotivierter Mitstreiter der Reformation. Doch dann zeigten sich zunehmend Differenzen zwischen Luthers Lehre und seinen eigenen Ansichten.

"Nein, lieber Mensch, du musst erdulden und wissen, wie dir Gott selber dein Unkraut, Disteln und Dornen aus deinem fruchtbaren Lande, also aus deinem Herzen, reutet. Auch wenn du schon die Bibel gefressen hättest, hilft dies nicht - du musst den scharfen Pflugschar erleiden."

Vertrauen auf Gottes Gnade allein, das war ihm zu wenig. Der Glaube fordere die Bereitschaft zum Leiden. Die Christenheit müsse gereinigt werden, denn Gott wolle sein unerbittlich Gericht vollstrecken. Müntzer war der Überzeugung, dass das Weltende und die Wiederkunft Christi unmittelbar bevorstehen. Doch auf dieses Ereignis wollte er nicht untätig warten. Er wollte aktiv diesem göttlichen Gericht zuarbeiten. Da die katholische Kirche, die Obrigkeit und selbst die führenden Reformatoren einem wirklichen Glauben entgegenstehen, wird an ihnen das Urteil vollstreckt. So etwa hat es Müntzer gesehen, und deshalb nahm er Kontakt zu den aufständigen Bauern auf und sah diese als Werkzeug Gottes im Gericht.

"Lasst die Übertäter nicht länger leben, die uns von Gott abbringen. Denn ein gottloser Mensch hat kein Recht zu leben, wo er die Frommen behindert. Darum, ihr teuren Väter von Sachsen, ihr müsst es wagen um des Evangeliums willen."

Aus diesen Worten spricht ein Eifer, der fröstelnd macht. Heute könnte ein IS- Prediger ähnlich argumentieren. Und die Machthaber in der stalinistischen DDR hätten durchaus, wenn sie die theologischen Begriffe durch eigene ideologische Versatzstücke ersetzt hätten, hier eine Legitimation für den staatlichen Terror finden können.

Doch sein prophetisches Wettern gegen Privilegien, Korruption und soziales Unrecht berührte einen Aspekt, der bei den Hauptakteuren der Reformation unterzugehen drohte. Seine innere Verbindung zu den Benachteiligten, seine solidarische Haltung zu den Bauern, seine aktive Unterstützung der Aufständigen bleiben bei aller berechtigten Kritik ein wertvoller Teil des reformatorischen Erbes. Und wir dürfen nicht vergessen, dass Müntzer für seine Überzeugungen mit dem Leben bezahlt hat.

Und so ist Müntzer eine widersprüchliche, aber auch interessante Person. Seine Neigung zu Fanatismus und Eifer wirken bedrohlich, doch seine Distanz zur Obrigkeit und sein soziales Gewissen mahnen uns noch heute. Vielleicht kann die Tradition des gewaltfreien Widerstandes sachgerecht Luthers Anliegen aufgreifen: ein sich aktives Einsetzen für Gerechtigkeit in der Welt, aber in bewusstere Ablehnung aller Formen von Gewalt. Aber auch das ist wiederum nur eine der vielen subjektiven Sichtweisen auf Thomas Müntzer.

Autor:

Michael Kleim aus Gera

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