100 Jahre Metropol
Das Geraer Kino feiert Jubiläum. Nachgefragt bei Theaterleiterin Caren Pfeil, die das Kinoprogramm plant und entwickelt, ob Kino Zukunft hat.

Vor 100 Jahren waren im Gebäude des heutigen Metropols (links) noch eine Gaststätte und ein Tanzlokal. Dann ist es zum Kino umgebaut worden. Fotos: Metropol
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  • Vor 100 Jahren waren im Gebäude des heutigen Metropols (links) noch eine Gaststätte und ein Tanzlokal. Dann ist es zum Kino umgebaut worden. Fotos: Metropol
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Ein Kino wird 100. Denn 1919 ist die ehemalige Gaststätte mit Gartenbetrieb und Tanzlokal „Etablissement Leipnitz“ zum Kino mit 500 Plätzen umgebaut worden. Eröffnet wurde es mit „Der rätselhafte Klub – Abenteuer eines Vielgesuchten“ als eines der ersten ­großen Lichtspieltheater in Gera. Im Januar 1998 hatte es mit einer letzten Vorstellung von „Comedian Harmonists“ seinen Betrieb eingestellt. Seit 2014 ist es wieder da, bekam 2017 bereits den Hauptpreis für das beste Kinoprogramm Mitteldeutschlands. Zum 100. Geburtstag des ­Metropols sprach AA-Redakteurin Sandra Rosenkranz mit Theaterleiterin Caren Pfeil über Wünsche, warum Kino Zukunft hat und das auf Gera abgestimmte Programm.

Wer wählt wie fürs ­Metropol die Filme aus?
Wir sind ein klassiches Programmkino. Wir spielen vor allem Arthaus, ganz selten auch mal Mainstream. Hauptsächlich wähle ich die Filme aus, in Absprache mit den Geschäftsführern Christian Pfeil und Markus Eisele. Wir schauen, wenn es geht, viele Filme im Vorfeld. Gelegenheiten gibt viele, unter anderem auf der Berlinale oder dem Filmfest in München. Wir schreiben uns dann gegenseitig, wie der Film war, für welchen unserer Standorte, wir haben ja mehrer, er geeignet sein könnte, für welche nicht.
Und natürlich, wenn man es so sagen will, bin ich inzwischen die Spezialistin für Gera. Seit ich hier das Kino leite, haben wir über 600 Filme gespielt.
Ich habe schon das Gefühl, welche Filme für Gera gut sind. Sie müssen gut sein, ästhetisch reizvoll und eine relevante Geschichte haben. Themen, die etwas mit ­unserem ­Leben zu tun haben. Hinzu kommt die Erfahrung mit dem Publikum.

Welche Filme bietet in ­Thüringen nur das ­Metropol in Gera an?
Das kann ich nicht genau sagen. Aber ich weiß, dass wir viele Filme aus dem Arthausbereich zeigen. Wir sind bei über 3000 Vorstellungen im Jahr. 3589 waren es 2018 mit 226 unterschiedlichen Filmen. Wenn ich einen Film starte, muss ich ihn die ganze Woche, jeden Tag spielen, auch in zwei Vorstellungen. Doch es gibt auch Filme, die will ich unbedingt bringen, aber die haben das Potential für diesen Spielumfang nicht. Also warte ich den Start ab und spiele sie vier oder fünf Wochen nach Start in unserer besonderen Reihe „Mehrfilm“. Das wissen inzwischen die Zuschauer. Und diese Filme laufen manchmal nur in Gera. Das sind ganz besondere Sachen wie „Border“.
Für OmdU – die internationalen Filme mit deutschen Untertiteln – brauchen die Leute allerdings noch ein bisschen Zeit in Gera. Obwohl das immer besser ist. Weil man einfach den Film sieht wie er gedacht ist, die echten Stimmen hört und die Untertitel nicht stören.

Welche Filme sind ­sozusagen für das ­Geraer Publikum typisch?
Vielleicht nicht typisch, aber gern gesehen sind in Gera deutsche Produktionen. Allein fünf deutsche Filme sind unter den Top-Ten des vergangenen Jahres. Das sind nicht nur Komödien, im Gegenteil. Die Geraer interessiert sehr die eigene Geschichte. Das ­sagen die Filmerfolge von zum Beispiel „Ballon“, „Gundermann“ und „Der Junge muss an die frische Luft“. Die Leute wollen mehr als nur einfache Antworten. Das freut mich sehr und da habe ich das Gefühl, dass wir mit der Filmauswahl das Interesse der Leute treffen. Was nichts damit zu tun hat, dass Kino immer auch ein schöner Abend mit Unterhaltung sein soll.

Welches Publikum kommt ins Metropol?
Unser Arthaus-Publikum ist zwischen 30 und 70 Jahre alt. Erwachsene Menschen, die sich für Geschichten interessieren und nicht für Action. Natürlich haben wir auch junge Leute und darüber freue ich mich auch, denn wir machen auch sehr viel für Kinder, das ist das Publikum der Zukunft.
Die Kinobesucherzahlen sind aber über das Jahr unterschiedlich. In der Wochen zwischen Weihnachten und Neujahr können es 2000 sein, im ganzen Juli dagegen 500. Im Jahresüberblick 2015, also als wir angefangen haben, kamen 32000, im vergangenen Jahr bereits 47000.

Im Metropol gibt es keine Werbung vor dem Film und kein Popcorn?
Die Zeit, die Werbung mir wegnimmt, ist Zeit für Kino­programm. Wenn ich neun Vorstellungen am Tag habe und bei jeder zehn Minuten Werbung zeige, sind das 90 Minuten, für die ich wieder einen ganzen Film spielen könnte. Wir zeigen also zu Beginn nur Filmankündigungen und unseren Imagetrailer zur Begrüßung. Letzterer ist dieses Jahr etwas länger, denn wir erzählen 100 Jahre Kinogeschichte in 100 Sekunden.
Gegen Popcorn fiel die Entscheidung, weil es ungesund ist. Es ist auch die falsche Botschaft, dass es zu einem Film immer Popcorn geben muss. Reicht nicht das geistige Angebot?
Ich möchte auch nicht, dass mein ganzes Kino immer nach diesem verbrannten Zucker riecht. Hinzu kommt die Kostenfrage. Popcorn verklebt die Sitze, sodass nach jeder Vorstellung die Säle gereinigt werden müssten und man eine volle Stelle dafür schaffen müsste.
Aber natürlich gibt es bei uns im Kino Getränke, Snacks und Chips. Und wir haben ein Bistro.

Sie bieten ein vielfältiges Programm an. Welches wird am besten angenommen?
Die Vielfalt zeichnet uns aus. Als Starter-Kino zeigen wir täglich die neuen Arthaus-­Filme. Darauf liegt unser Schwerpunkt. Mit drei Kino­sälen muss ich zwar genau abwägen, aber inzwischen haben wir ein Händchen dafür und können die Filme gut präsentieren.
Dann gibt es das Kaffee-Kuchen-­Kino. Das ist ­erfolgreich und soll besonders Leute ansprechen, die nicht abends ins Kino kommen.
Jeden Monat zeigen wir mindestens einen Dokumen­tar­film mit mehreren ­Vorstellungen pro Woche. Und Anfang September startet die Dokumentarfilmreihe, zu der wir versuchen, die Filmemacher nach Gera zu ­bekommen. Das muss langfristig geplant werden, damit sich auch die Geraer langfristig drauf vorbereiten können.
Es gibt aber auch die ­Dokumenarfilmschule für Kinder mit einem – einen ganzen ganzen Vormittag im spielerisch interaktiven Prozess.
Und super erfolgreich ist das Frühstückskino, bei dem mein gesamtes Team ­eingespannt ist.

Warum hat Kino Zukunft?
Aus zwei Gründen. Ich sitze nicht zu Hause auf dem Sofa, wo ich immer sitze, selbst wenn ich Home-Kino mache und meine Nachbarn zu Gast habe. Es ist etwas anderes wenn ich mit 70 Leuten im Saal sitze und alle gemeinsam an einer Stelle lachen. Das ist eine Atmosphäre, die du nicht woanders bekommst.
Der zweite Grund ist: Es ist ein völlig anderer ­emotionaler Eindruck, wenn ich das Gesicht eines Schauspielers drei mal vier Meter groß vor mir auf der Leinwand sehe, als zu Hause an meiner ­Wohnzimmerwand. Filme sind fürs Kino ­gemacht, weil sie das große Bild ­brauchen. Das ist diese ­Faszination, dieses riesige Bild in dem dunklen Raum, was mich als kleinen Zuschauer in die Geschichte hineinzieht. Das ist nicht zu ­ersetzen. Und dann das Erlebnis gemeinsam als Gruppe.

Was wünschen Sie, was wünscht sich das Metropol mit 100?
Ich wünsche mir am meisten, dass der Stamm von 50000 Besuchern im Jahr bleibt und wächst,dass die Leute mit Kontinuität unseren schönen Ort besuchen. Ich wünsche mir sehr gute Filme. Denn mit den Filmen steht und fällt jedes Kino, da können wir machen, was wir wollen.
Und ich wünsche mir zum Fest heute schönes Wetter. Denn wir haben unseren Hof geöffnet, wo in den ­50er-Jahren großes Hofkino gemacht wurde. Da machen wir am Abend kleines ­Hofkino, ausnahmsweise.

Jubiläumsfest am 29. Mai
ab 13.30 Uhr

• Programm mit 15 Filmen, ­Musik und ­besonderen ­Gästen wie ­Gojko Mitić (15.30 Uhr) und Thorsten Merten (gegen 21 Uhr)
• Hofkino mit „Alfons ­Zitterbacke“ – dem Original
• Kino zum Anfassen und Jubiläumskalender, der in großformatigen Bildern die Geschichte des Kinos erzählt
Mehr Infos zum Programm auf www.metropolkino-gera.de

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