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Jan van Leiden und das Täuferreich zu Münster part. 1

Wo: Trinitatiskirche, Heinrichstraße, 07545 Gera auf Karte anzeigen
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Gottesdienstreihe
"Die bunten Vögel der Reformation"
Gera St. Trinitatis

"Der König der Stadt Münster, Jan van Leiden, rief: „Den Magistrat der Stadt, nicht Gott habe ich beleidigt.“ Hierauf ergriffen ihn die Henkersknechte, banden ihn an den Pfahl, zwicken und zerrissen ihn am ganzen Leibe eine geraume Zeit hindurch; und endlich zogen sie ihm die Gurgel mit einer glühenden Zange zusammen. Ein gleiches geschah mit den beyden andern. Sodann wurden ihre Leiber in eiserne Käfige gelegt, und diese an dem höchsten Theile des Lambertsthurm gegen Mittag so angeheftet, daß der König in der Mitte etwas höher, die zwey andere aber auf beyden Seiten etwas niedriger aufgehangen wurden."

So endet – folgt man einer alten Chronik – das Täuferreich in Münster. Und so endet das Leben ihres schillerndsten und abgründigsten Anführers, so endet das Leben von Jan van Leiden.
Herzlich Willkommen zu unserer Gottesdienstreihe „Die bunten Vögel der Reformation“. Jan van Leiden war in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmegestalt der Reformationszeit. Wie bei wenigen anderen kann man bei ihm beobachten, wie schnell neuentdeckte Glaubensfreiheit in Unterdrückung umschlägt. Man kann sehen, wie Macht korrumpiert und wie leicht sich schon immer Religion für Fanatismus und Despotie instrumentalisieren lässt.
Gehen wir dem Leben des Mannes nach, dessen Tun die Bewegung der Täufer auf Jahre hin in Verruf brachte und dessen Grabstätte, der eiserne Käfig, noch heute hoch am Turm der Münsteraner Lambertikirche zu sehen ist.
Manchmal ist es hilfreich, sich einem Leben über die Literatur anzunähern, statt über die nüchterne Geschichtsschreibung. Darum soll der kurze Lebenslauf Jan van Leidens begleitet werden von kurzen Passagen aus Robert Schneiders Roman „Kristus“.
Jan van Leiden, der eigentlich Jan Beuckelszoon oder Jan Beukels heißt, wird am 2. Februar 1509 in der Nähe der holländischen Stadt Leiden geboren.

„Wie steht es um dich, Jan Beukels?“ Jan blickte Lehrer Joest mit weit aufgerissenen Augen an. „Was starrst du mich da an? Heraus mit der Sprache! Was willst du einmal werden, Sohn des Beukels!“
Jan konnte sich noch immer nicht fassen. Da ging der Lehrer zu ihm hin und griff das Pergamentblatt. Er blickte drauf. Dann noch einmal. Er kniff die Augenlider zusammen, denn die Sehkraft hatte Schaden genommen. Der Lehrer musste noch ein letztes Mal auf die krakelige Schrift blicken. Aber die Augen täuschten ihn nicht. Vor Fassungslosigkeit fiel ihm das Kinn herab. „Ihr Knaben, was glaubt ihr, was hier auf diesem Blatte steht?“ fragte der Lehrer. Niemand räusperte sich mehr oder hustete. „Pauwel! Was steht da? Lies!“ „Da steht, Herr Meister Joest … da steht … Christus.“ Im selben Augenblick knallte dem Jan eine so gewaltige Maulschelle ins Gesicht, daß er rücklings aus der Bank gehoben wurde und zu Boden fiel.

Jan van Leiden oder Jan Beukels wird Schneider, dann Kaufmann und kommt in ganz Europa herum. Später dann wird er Gastwirt, Dichter, Sänger und Schauspieler. Er kommt in Berührung mit der Täuferbewegung, einer Gruppe reformatorischer Christen, die die Kindertaufe ablehnen und dieser die Glaubenstaufe als einzig biblisch belegte Form der Taufe vorziehen. Die Täufer bekommen schon früh heftigen Gegenwind von allen Beteiligten im großen Konzert der Reformation: von Lutheranern und Reformierten und auch von katholischer Seite. Die Täufer sind die Gruppe, auf die sich alle als Feindbild einigen können.
Jan van Leiden lernt Jan Matthys, eine prominente Figur der Täuferbewegung kennen und lässt sich taufen.
Dieser Jan Mathys schickte Jan van Leiden nach Münster – einer der wenigen Städte, die der Bewegung freundlich gegenüberstanden. Kurz darauf folgte Mathys ihm und erklärte Münster zum „neuen, himmlischen Jerusalem“. Jan van Leiden wird sein zweiter Mann und wichtigster Botschafter.

Die Prophetie des Mathys zu erfüllen trieb Jan Beukels denn auch rasch wieder aus der Stadt. Ungefähr sechs Wochen war er in Münster gewesen, als er an Jakobi durch das Liebfrauentor hinauszog, um seine endlich gefundene Aufgabe zu verwirklichen. Die Zahl der 144.000 Versiegelten sei noch lange nicht voll, wie Johannes in der Apokalypse fordert. Darum müsse man ausziehen und in allen Landen von dem münsterischen Wunder predigen. Wohin man auch komme, da solle man sagen: Wer nicht verderben wolle und in den Blutmeeren des Schreckensgerichts ertrinken, der lasse alles stehen und liegen und komme ohne Säumnis nach Münster.

In der Stadt verkündete Jan Mathys sein Programm: Die Gottlosen seien zu vernichten, Gütergemeinschaft wird eingeführt, alle Bücher außer der Bibel verbrannt. Währenddessen wird ein Belagerungsring um die Stadt geschlossen. Jan Mathys zieht in Selbstüberschätzung oder im Wahn vor die Tore der Stadt und wird getötet. Sein Nachfolger in Münster wird Jan van Leiden. Die Bewegung radikalisiert sich weiter.

„Es gibt eine Verschwörung unter den Weibern dieser Stadt“, sprach Jan jetzt leise. „Davon ist mir nichts bekannt, mein Prophet“, erwiderte Else. „Freilich weißt du davon! Auf den Gassen flüstern sie einander ins Ohr, ich sein ein Erzteufel, der das Himmlische Jerusalem zuschanden richte. Sie widersetzen sich den Befehlen der zwölf Ältesten, halten sich nicht an die Kleiderordnung und spotten unser.“ „Jan, das flößen dir deine eigenen Geister ein“, sprach Else gelassen. „Weib, was gibt dir das Recht, so mit mir zu reden?“ „Mein Herz gibt mir das ein. Da frag ich nicht nach dem Recht.“ „Das Herz bin ich!“ brüllte Jan voller Ingrimm. „Ich bin Herz, Geist und Seele dieser Stadt!“

Jan van Leiden schafft die Folter ab. Aber Todesurteile gegen Abtrünnige und Gegner werden en masse vollstreckt. Nicht selten durch Jan van Leiden selbst. Und auch mit einem anderen Beschluss sorgte er für Unmut.

Nach langer Abwesenheit trat der Prophet wieder höchstselbst wieder auf den Predigerstuhl und verkündete, daß jede Ehe, die vor dem Empfang der Neutaufe geschlossen worden war, nunmehr ungültig sei. Somit gebe es von dieser Stunde an keine verheirateten Leute mehr in der heiligen Stadt. Ein jeder Mann gehe nun und suche sich ein Weib oder zweie oder deren drei.
Es herrschten tumultartige Verhältnisse in der Stadt: Alleinstehende Männer, besonders die zugezogenen Friesen und Niederländer sowie fahnenflüchtige Landesknechte, vagierten durch die Gassen, betraten die offenen Häuser und Klöster – es war bekanntlich jedermann verboten, die Türen zu versperren – und machten Jagd auf Frauen und Mädchen. Weil die Ehe zur Pflicht geworden war, nahmen sie, wen ihre Augen begehrten.

Evangelische und katholische Truppen belagern in seltener Einigkeit die Stadt weiter. Die Täufer unter Führung von Jan van Leiden reagieren nach innen militant. Aber die ganze Härte kann nicht verbergen, dass das Täuferreich zu Münster am Ende ist.

Wie es die Verhöre zeigten, war in dem Himmlischen Jerusalem die Hungerkatastrophe ausgebrochen. Schon Anfang März musste die öffentliche Speisung in den Gemeinschaftshäusern eingestellt werden und von nun an jeder für sich selbst sorgen.
Als dann allmählich auch die Kühe geschlachtet werden mußten, schabten die Mütter, irr vor Verzweiflung, ihren Kleinen den Kalk von den Wänden, vermengten ihn mit Wasser, um ihnen weiszumachen, es sei Milch. Diesen üblen Trank reichten sie ihnen des Morgens dar und suchten ihn mit Märlein zu versüßen.
Der König der Welt trat erst wieder in der Woche nach Oster öffentlich auf. Im Fenster des Rathauses stehend hielt er eine kurze Predigt an das Volk. Man sah, daß er sehr abgemagert und ausgezehrt war. Vielleicht war es dieser Anblick des Jan Beukels, den Menschen das Gefühl vermittelte, nicht von ihm verraten zu sein.
„Ihr meint“, hob er an, „die Erlösung müsse auswendig geschehen. Sie geschieht aber inwendig, im Herzen drin. Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Jünger würden darum kämpfen. Christus ist in der Stadt. Er wird, wie er es verheißen hat, alle Tränen von euren Wangen abwischen. Und der Tod wird nicht mehr sein, es wird weder Traurigkeit geben noch Schreie noch Schmerz, denn die alte Welt wird ausgelöscht sein in unserer Stadt. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Es ist Christus, der zu euch redet. Und es ist Christus, an dem viele von euch zweifeln.“

Am 24. Juni 1535 wird Münster eingenommen. Die Oberhäupter der Täufer werden gefoltert und in der Region wie eine Sensation herumgezeigt. Am 22. Januar 1536 werden sie in aller Öffentlichkeit mit unvorstellbarer Grausamkeit zu Tode gefoltert. Die zerschundenen Körper werden in Käfigen an den Turm der Lambertikirche in Münster gehängt.

Zusammenstellung und Text: Stefan Körner
mit Zitaten aus Robert Schneiders Roman „Kristus“. (Fettdruck)

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