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Jan van Leiden und das Täuferreich zu Münster part. 2

Wo: Trinitatiskirche, Heinrichstraße, 07545 Gera auf Karte anzeigen
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Gottesdienstreihe
"Die bunten Vögel der Reformation"
St. Trinitatis Gera

Predigt/ Jan van Leiden

Drei eiserne Körbe an der Münsteraner Lambertikirche weisen auf eine bizarre Touristenattraktion hin. Diese Käfige erinnern in makaberer Form an die Ereignisse, die vor nicht ganz 500 Jahren das Dasein in der Stadt bestimmten.
Es ist eine tragische Geschichte, die von historischen Umbrüchen erzählt, von reformatorischer Dynamik und der verzweifelten Suche danach, wie Nachfolge Christi in rechter Weise geschehen solle.
Vor allem aber erzählt die Geschichte von … Gewalt.
Diese Energie, Gewalt genannt, prägt als kontinuierliche Größe die Kommunikation zwischen uns Menschen. Noch auf dem Bodensatz der menschlichen Kultur lässt sich Gewalt nachweisen. Und diese prägende Kraft Gewalt war und ist ein wesentliches Thema des christlichen Glaubens. Gewalt ist ein Schatten, der sich über das Licht des Evangeliums legt. Sie ist als berechtigter Vorwurf präsent, wenn Kirche und Religion kritisiert werden. Sie ist das Trauma, dem wir uns stellen müssen, um glaubwürdig zu bleiben.

Die Geschichten rund um das Täuferreich haben die Menschen immer wieder beschäftigt. Romane, Theaterstücke, Hörspiele, Filme widmen sich diesen Ereignissen. Kein geringerer als Friedrich Dürrenmatt hat sich dieses Motives angenommen.

In den sogenannten Täuferkäfigen wurden die Leichen von Jan Beuckelsohn, Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting ausgestellt. Es waren führende Persönlichkeiten des Täuferreiches, eines religiös begründeten Machtsystems, das für einige Monate errichtet wurde, bis es durch Hunger, interne Widersprüche und äußere militärische Belagerung zusammenbrach. Die Geschichte des Täuferreiches ist eine Geschichte der Gewalt. Im Gegensatz zur Historienbeschreibung der Sieger ist in aller Klarheit festzuhalten: die Gewalt ging nicht allein von den Täufern aus, sondern war ebenso das Handwerkszeug der katholischen und lutherischen Seite. Selbst diese verdammten Käfige waren – und sind – nichts anderes als eine Demonstration der Gewalt.

Der Terror machte sich bereits 1528 mit dem sogenannten Täuferedikt fest. Damit wurde die Verfolgung dissidenter religiöser Personen und Gruppen festgeschrieben. Täufer wurden, obwohl in der Mehrzahl friedlich gesinnt und gewaltfrei lebend, inhaftiert, gefoltert, vertrieben, getötet…auf betreiben der katholischen, lutherischen und reformierten Obrigkeit. Auch das gehört zur Vorgeschichte von Münster.
1530 – der Kaplan Bernhard Rothmann, der in Münster evangelisch predigt, radikalisiert und tritt zur Täuferbewegung über
1533 – der niederländische Prediger Jan Mathijs, der innerhalb der Täuferbewegung als Prophet verehret wird, bezeichnet Münster als von Gott erwählten Ort. Er verkündet das nahe Weltende und will die Erde von allen Gottlosen reinigen. Er sorgt dafür, dass zahlreiche Täufer aus den Niederlanden und dem Münsterland in die Stadt ziehen. Er holt schließlich auch Jan van Leiden hierher.
1534 – nachdem Jan Mathijs getötet wird, tritt Jan van Leiden als neuer Führer auf. Die Täufer übernehmen in Münster die Macht. Jan van Leiden, ein Abenteurer mit Sinn für Dramaturgie und Theatralik, lässt sich zum König ernennen. Münster wird als neuer Zion ausgerufen.
1535 – kaiserliche Gruppen nehmen mit Unterstützung der lutherischen Seite die Stadt ein und nehmen blutig Rache
1536 – nach langandauernder Folter werden die Führer des Täuferreiches hingerichtet und ihre Leichname an der Lambertikirche öffentlich ausgestellt

Die Geschichte vom Täuferreich kann als tragisches Gleichnis für das Scheitern von Utopien gelesen werden. Auch nachfolgende gesellschaftliche, soziale, revolutionäre Aufbrüche scheitern ähnlich – an der äußeren wie inneren Gewalt. Dabei sind viele Anliegen, welche die Täufer in Münster umsetzen wollen, durchaus berechtigter Natur. Ihre sozial-religiöse Utopie will eine Gemeinschaft, in der mehr Gerechtigkeit und Freiheit herrschen. Es sind die Träume von Gütergemeinschaft gemäß der urchristlichen Gemeinde und davon, die Unterdrückung des Gewissens durch den Klerus abzuschütteln. Der persönliche Glaube soll frei sein, auch frei von einer kirchlichen Bevormundung. Und religiös besteht das Ziel der Täufer darin, eine konsequente Nachfolge Jesu Christi umzusetzen.

Doch dann scheitert die Utopie eben auch an den eigenen, inneren Widersprüchen. Sie scheitert eben auch am eigenen Gewaltpotential. Der Terror der Inquisition wird durch den Terror des Täuferrates ausgetauscht. Diejenigen, die für sich die Erwachsenentaufe ablehnen, müssen die Stadt verlassen. Jan van Leiden lässt Kritiker hinrichten oder, so wird berichtet, tötet sie mit eigenen Händen. Gewalt bleibt eine allgegenwärtige Frage – oder Infragestellung – des Glaubens.
Der Glaube, lebendig und ermutigend, mit dem alles begann, deformiert zu einer tödlichen Ideologie.
Die Leidenschaft für das Evangelium verwandelt sich in Fanatismus.
Der berechtigte, verständliche Wunsch nach Veränderung wird zum Zwang.
Und die Frage lautet: an welcher Stelle genau kippt die Sache um?
Eine Frage, die sich fast wie eine Endlosschleife in der Geschichte der Menschheit wiederholt.

Noch einmal will und muss ich es betonen: auch wenn die Geschichtsschreibung der Sieger die Rolle der Gewalt allein den Münsteraner Täufern anlasten will, so war Gewalt das entscheidende Moment auf allen beteiligten Seiten. Und auch die Entwicklung einer utopisch motivierten Idee zur Schreckensherrschaft der Gewalt ist nun wirklich nicht auf die Täuferbewegung beschränkt.
Beispiele: der katholische Eiferer gegen Missstände in Gesellschaft und Kirche, gegen Luxus und Reichtum Savonarola wollte Florenz unter das Diktat seiner moralischen Vorstellungen pressen. Ebenso verfuhr der protestantische Theologe Johann Calvin mit Genf. Beide schreckten vor Zwang und Gewalt nicht zurück.
Und selbst atheistische Utopien, die zu gern auf das Gewaltpotential der Religionen verweisen, sind an der Gewaltdynamik gescheitert. Robespierre und das Grauen des Wohlfahrtsausschusses im Zuge der französischen Revolution, Lenin und der rote Terror, dem noch schrecklichere sog. Säuberungswellen unter Stalin folgten, Mao zsedong und eine angebliche Kulturrevolution….

Uns aber muss es um mehr als um historische Deutung, auch mehr als um Ideologiekritik gehen. Es geht um die verhängnisvolle Verquickung von Gewalt und Glauben. Für das Täuferreich können wir vier Aspekte wahrnehmen, welche die Entwicklung zur Gewalt gesteuert haben. Diese Aspekte können wir dann auch in anderen Zusammenhängen wiederentdecken.

1. Die Idee der Reinheit und Vollkommenheit. Diese war nicht zwingend auf die Täuferbewegung beschränkt, dort aber sogar in den pazifistischen Gruppen sehr verbreitet. Man wollte eine Gemeinde der konsequenten Christen, eine Gemeinde ohne Flecken, Runzeln und Falten. Desweigen übten die Täufer eine strenge Gemeindezucht und hatten eine Tendenz zu Spaltungen und gegenseitigen Verwerfungen. Die Idee der Reinheit verführt geradezu zur Gewalt und führt – fast ein Wortspiel in diesem Zusammenhang – zu sog. Säuberungswellen. Das Ergebnis ist der Tod der Vielfalt.
2. Die Idee der Endzeit. Darin liegt die Vorstellung: Genau jetzt wird alles völlig anders. Was bisher galt, verliert seine Gültigkeit. Es geschieht eine radikale Umwertung aller Dinge. Das Ergebnis ist der Tod der Entwicklung. Veränderungen wachsen nicht mehr, sie werden erzwungen.
3. Die Idee der rücksichtlosen Radikalität. Darin ist Fanatismus und Ideologiehörigkeit enthalten. Ich zwinge mir die Menschen, ich zwinge mir die Welt zurecht, wie ich es mir vorstelle. Passen meine Ideen nicht zur Wirklichkeit, dann ändere ich nicht meine Ideen, sondern versuche, der Wirklichkeit Gewalt anzutun. Das Ergebnis ist der Tod der Utopie. Der Traum mutiert zum Alptraum.
4. Die Idee vom Personenkult. Da wird ein Mensch stellvertretend für die Anderen zum Übermenschen. Er symbolisiert die Idee; aber genau das ist nicht wahr. Er tritt an die Stelle der Idee, er ersetzt die Utopie. Das Ergebnis ist der Tod der Selbst- und Mitbestimmung. Blanke Herrschaft ersetzt alle ursprünglichen Ideale.

Die Sehnsucht nach Reinheit und Vollkommenheit erscheint uns zutiefst religiös, doch in Wahrheit ist es ein zutiefst unmenschliches Ideal. Jesus hat nicht Reinheit und Vollkommenheit gepredigt. Er hat Mut gemacht, dass wir mit unserer Unvollkommenheit leben zu lernen. Jesus hat Glauben und Leben, Welt und Mensch geradezu dadurch verändert, indem er uns ermutigt, unsere Unvollkommenheit, unsere Nicht-Reinheit anzuerkennen und anzunehmen. Das Vollkommende können wir nur bewundern, aber das Unvollkommene können wir lieben!
Zur Endzeit mahnte uns Jesus: ihr wisset weder Zeit noch Stunde, denn das Reich Gottes ist bereits mitten unter euch. Radikalität, auch die der Nachfolge Christi, ist immer eingebunden in die Wahrnehmung, auf die Rücksicht auf Andere. Auch spiritueller Egoismus wird durch das Evangelium nicht gedeckt. Und der Bezug unseres Glaubens auf Jesus hat wirklich nichts mit Personenkult zu tun. Das Kreuz durchkreuzt auch fromme Personenkultphantasien.
Was kann aber unseren Glauben vor dem Einfluss, vor der Dynamik der Gewalt bewahren? Dazu möchte ich jetzt wirklich nur als Anregung, als Impuls hinzufügen

1. Barmherzigkeit – anderen und sich selbst gegenüber
2. Gelassenheit – Dinge, Menschen anzunehmen, ohne immer wieder „verbessern zu wollen; Dinge, Menschen, Verhältnisse, Geschichten bewusst Gott zu lassen, zu überlassen
3. Gottvertrauen
4. Freiheit, die aus Gelassenheit und Gottvertrauen erwächst

Oder sagen wir es noch plakativer:
Wirkliche Nachfolge Christi, wahre Gottessuche geschieht immer nur in der Liebe.
Und an dieser, an Liebe hat es schließlich sowohl den Täufern in Münster als auch deren Gegnern gefehlt.
Warum fehlt es immer wieder an Liebe…?

Ich finde, ein symbolischer Akt der Liebe und der Abkehr von Gewalt wäre, endlich diese unwürdigen Käfige von der Lambertikirche zu entfernen.

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