Lutherjahr - und sein Hass auf Juden?

Zu Recht wird in Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum 2017 immer wieder darauf hingewiesen, dass die Reformatoren auch destruktive, kritikwürdige Positionen und Verhaltensweisen zeigten. Der brutale Umgang mit Dissidenten – wie z.B. mit den Vertreter*innen der Täuferbewegung – ist dabei nur ein Aspekt. Insbesondere wird der Blick auch auf antijüdische Verlautbarungen, vor allem Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ gelenkt. Deren menschenverachtenden Forderungen zeigten eine verheerende Wirkungsgeschichte.
Jedoch muss ich – nicht aus Loyalität, sondern um der Wahrhaftigkeit willen – denen widersprechen, die geradezu routiniert behaupten, die Evangelischen Kirchen würden dieses Thema ignorieren, verdrängen oder gar verleugnen. Bereits 1983 wurde ich in Naumburg als junger Theologiestudent mit der Schuldgeschichte christlichen Antijudaismus konfrontiert. Die Auseinandersetzung mit judenfeindlichen Positionen in Theologie, Predigt und Verhalten war regulärer Teil des Studiums. Die Erfahrungen des jüdisch-christlichen Dialogs, bei dem ebenfalls Luthers Haltung thematisiert wurde, hatten für uns Studierende eine sehr wesentliche Bedeutung. Die Verfassung der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands enthält den Artikel 2 (8) „Sie (die EKM) fördert das christlich-jüdische Gespräch. Sie erinnert an die Mitschuld der Kirche an der Ausgrenzung und Vernichtung jüdischen Lebens, setzt sich für die Versöhnung mit dem jüdischen Volk ein und tritt jeder Form von Antisemitismus und Antijudaismus entgegen.“ Nicht zufällig haben rechtsextreme Internetforen der evangelischen Kirche kontinuierlich vorgeworfen, im Auftrag und Interesse des „Weltjudentums“ zu agieren.
In meiner Praxis als Pfarrer wurde dieses Thema in Gemeindeveranstaltungen, Gottesdiensten und Bildungsangeboten offensiv behandelt. Evangelische Gemeinden beteiligen sich aktiv an den Jüdisch-Israelischen Kulturtagen und an der Gedenkkultur zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Es gab und gibt Tagungen dazu, Synoden haben sich geäußert. Allerdings schweigen Christen auch nicht zu der antijüdischen Politik Stalins einst oder zu antisemitischer Propaganda von Islamisten heute.

Bewusst kurz vor Beginn des Reformationsgedenkens hat die Synode der EKM folgenden Beschluss gefasst und veröffentlicht:

Beschluss der Landessynode zu „Martin Luther und die Juden – Erbe und Auftrag - Eine Verlautbarung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland"

http://ev-akademie-wittenberg.de/bericht/klare-distanzierung-der-ekm-synode-von-luthers-judenfeindlichen-aeusserungen

Als Evangelische Kirche in Mitteldeutschland bekennen wir uns in unseren Grundbestimmungen zum christlich-jüdischen Gespräch, erinnern an die Mitschuld der Kirche an der Ausgrenzung und Vernichtung jüdischen Lebens, setzen uns für die Versöhnung mit dem jüdischen Volk ein und treten jeder Form von Antisemitismus und Antijudaismus entgegen (KVerfEKM Art. 2,8). Das 500-jährige Reformationsjubiläum 2017 nimmt uns im Kernland der Reformation in besonderer Weise in die Pflicht, diesem Auftrag unserer Verfassung zu entsprechen. Wir würdigen das Werk des Reformators, indem wir es dankbar und kritisch an seinem eigenen Grundsatz prüfen: „... die Schrift soll Richter sein, um nach ihr angesichts der Kirche alle Geister zu prüfen.“ (De servo arbitrio)
I. Luthers erschreckende Äußerungen
Der Wittenberger Theologe entdeckte die befreiende Botschaft von der Gnade Gottes in Jesus Christus neu. Gott rechtfertigt den sündigen Menschen ohne dessen Verdienste allein aus Glauben. Wie die meisten Theologen seiner Zeit stand auch Luther in der Tradition judenfeindlicher Denkmuster, deren Wurzeln bereits in Texten des Neuen Testaments zutage treten, die die Abgrenzung der entstehenden Kirche von der Synagoge bezeugen und im Mittelalter die gesellschaftliche Ächtung der Juden befördert hatten. Dem gegenüber setzte Luther in seiner frühen Schrift „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) einen anderen Akzent. In ihr kritisiert er das unheilvolle Verhalten der Kirche den Juden gegenüber. Sein Werben zielt darauf, dass etliche sich zum Christentum bekehren, wenn sie nur das Evangelium als heilvoll erfahren. Mit dem gelebten und gelehrten Judentum seiner Zeit hatte er weder Kontakt noch konnte er ihm aus theologischen Gründen eine eigene Existenzberechtigung zugestehen. In seinen späteren Texten schlug er jenen feindlich gesinnten Ton an. In seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) fordert Luther, die Obrigkeiten sollten die Synagogen niederbrennen und die festen Häuser der Juden zerstören, ihre religiösen Bücher vernichten, ihnen religiöse Lehre und öffentlichen Gottesdienst sowie die Nennung des Namens Gottes vor christlichen Ohren verbieten; das freie Geleit solle ihnen entzogen, das Geldgeschäft untersagt, alles Vermögen konfisziert und körperliche Zwangsarbeit auferlegt werden. Am besten allerdings wäre die radikale Lösung, dass „wir geschieden sind und sie aus unserem Land vertrieben werden. Sie müssen in ihr Vaterland streben.“ Luthers Sprachgewalt verdichtet die in seiner Theologie begründeten judenfeindlichen Aussagen und mittelalterliche Stereotype zu Äußerungen, die an Schärfe und Feindseligkeit ihresgleichen suchen.
II. Unheilvoller Umgang mit Luthers Erbe
Luthers Schriften über die Juden wurden nicht zu allen Zeiten rezipiert, gingen dem deutschen Protestantismus aber niemals verloren. Ihre Verbreitung während des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland war Teil des Programms zur Vernichtung der europäischen Juden. Nicht nur die Deutschen Christen (DC), sondern auch Teile der Bekennenden Kirche rezipierten Luthers antijüdische Polemik. Der Thüringer DC-Bischof Martin Sasse jubelte angesichts der Reichspogromnacht: „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen [...]. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der deutsche Prophet im 16. Jahrhundert [...] der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“
Wenig später, im Mai 1939, wurde mit einem Festakt im Hotel auf der Wartburg symbolträchtig das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ eröffnet. Elf deutsch-christlich dominierte evangelische Landeskirchen, die dieses Institut gründeten, beriefen sich auf die Tradition lutherischer Theologie und behaupteten, dass es „im Bereich des Glaubens keinen schärferen Gegensatz als den zwischen der Botschaft Jesu Christi und der jüdischen Religion der Gesetzlichkeit und der politischen Messiashoffnung“ gäbe. Nach 1945 distanzierten sich die evangelischen Kirchen nicht deutlich von denen, die nationalsozialistisches und antisemitisches Gedankengut in Kirche und Wissenschaft verbreitet und mitverantwortet hatten. Im Gegenteil, einige von ihnen wirkten als theologische Lehrer weiter. Auf dem Gebiet der heutigen EKM unterblieb eine spürbare Aufarbeitung der evangelischen Kirchen im Nationalsozialismus. Eine kritische Bearbeitung der regionalen und örtlichen Kirchengeschichte in dieser Zeit steht vielerorts noch aus.
III. Bekenntnishafte Herausforderung
Wir distanzieren uns von Luthers unhaltbaren Äußerungen und seiner Feindseligkeit gegenüber den Juden. Wir distanzieren uns von allen Versuchen, eine Verwerfung Israels theologisch zu begründen. Wir distanzieren uns von allen Versuchen, Jüdinnen und Juden zu einer Konversion zu bewegen. Auch angesichts der erschreckenden Unrechtsgeschichte im 20. Jahrhundert bekennen wir Schuld und Versagen in unseren Kirchen und im deutschen Protestantismus, wo theologisch motivierte Judenfeindschaft bis in die jüngste Zeit weitergetragen und tradiert wurde, als sei sie Teil des Evangeliums. Wir verpflichten uns, jeder Form von Antisemitismus und Antijudaismus in Kirche und Gesellschaft zu widersprechen. Wir sind gewiss, dass die bleibende Erwählung Israels Ausdruck der Treue Gottes zu seinem Volk ist. Wir verpflichten uns, in theologischer Ausbildung und kirchlichem Leben das religiöse Selbstverständnis des Judentums zu achten und zu dessen Kenntnis auch in der Gesellschaft beizutragen. Wir sind gewiss, dass es in religiösen Dingen weder Wahrheitsprivilegien noch ein Definitionsmonopol gibt. Wir distanzieren uns von jedweder theologischen Bevormundung oder Diffamierung. Wir verpflichten uns, für Religionsfreiheit und religiöse Pluralität unserer Gesellschaft einzustehen und jeder drohenden Entrechtung, Diskriminierung und Zerstörung jüdischen Lebens und jüdischen Erbes entgegen zutreten. Wir sind gewiss, dass das Evangelium Offenbarung des Wortes Gottes ist.
Wir erkennen an, dass nach jüdischem Verständnis ebenso die jüdische Auslegung der Schrift Wort des lebendigen Gottes ist. Die Schriften der Hebräischen Bibel sind Heilige Schrift der Juden wie der Christen.
Wir verpflichten uns, den Reichtum der jüdischen Auslegungstradition in Gottesdienst, Verkündigung und Lehre wahrzunehmen und uns mit antijüdischen Interpretationen der christlichen Bibel kritisch auseinanderzusetzen.
Wir hoffen trotz der Schuld unserer Kirche auf vertrauensvolle Begegnungen mit den unter uns lebenden Jüdinnen und Juden.

http://www.kirchenkreis-erfurt.de/kirchengemeinden/kirchenkreis/aktuelles/29217.html
https://www.ekd.de/synode2015_bremen/beschluesse/s15_04_iv_7_kundgebung_martin_luther_und_die_juden.html
https://www.ekd.de/aktuell/edi_2014_08_03_evangelische_kirche_und_luthers_judenhass.html

Autor:

Michael Kleim aus Gera

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r

4 Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.