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Kunstsprache wird zur Familiensprache
Aus Liebe zu Flama

In den Semesterferien jobbte Nguyen Thi Phuong 2015 im Geschäft ihres Onkels in Ronneburg. David Henkel kaufte bei ihr Obst – und bat um ihre Telefonnummer. Heute leben beide mit Sohn Lio in Braunichwalde. 
Foto: Schulter
In den Semesterferien jobbte Nguyen Thi Phuong 2015 im Geschäft ihres Onkels in Ronneburg. David Henkel kaufte bei ihr Obst – und bat um ihre Telefonnummer. Heute leben beide mit Sohn Lio in Braunichwalde.
Foto: Schulter (Foto: Simone Schulter)
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Wenn zwei Menschen mit unterschiedlicher Muttersprache aufeinandertreffen, ist immer der im Nachteil, der sich  der Sprache des anderen bedient. Auf Augenhöhe zu kommunizieren kann man hingegen in einer dritten Sprache. Keiner ist im Vorteil. Das praktizieren David Henkel und seine vietnamesische Frau. Esperanto ist ihre Familiensprache.

 Lio zahnt. Dem kleinen Kerl geht es nicht gut. Zudem quält ihn ein Schnupfen. „Estas bone“, beruhigt ihn sein Vater auf Esperanto. „Tôt lâm”, haucht ihm die Mama vietnamesisch zu. „Ist ja gut”, würde die Oma flüstern. Doch sie kommt erst später, um den Einjährigen eine Runde durchs Dorf spazieren zu fahren. Was wie ein babylonisches Sprachen­gewirr klingt, ist für Lio Alltag.

Behütet wächst der kleine Mann in Braunichswalde nahe Gera auf – mit viel Platz zum Spielen auf dem Hof und im Garten, mit einer Familie, die ihn umhegt. Auch und gerade weil jeder anders mit ihm spricht.

Vielsprachigkeit ist ein ­besonderes Geschenk, von dem Kinder ein Leben lang zehren. Das wird auch Lio merken, wenn er später mühelos vielsprachig kommuniziert, wenn er sich mit seinen Verwandten in Deutschland genauso gut wie mit den Verwandten im fernen ­Vietnam fließend unterhalten kann. „Mit Oma und Opa in Vietnam telefonieren wir jetzt schon täglich”, erklärt Mama Ngugen Thi Phuong.

Ihr Mann David Henkel nennt sie einfach Flama, ihrem vietnamesichen Vornamen entlehnt. Er bedeutet „flammende Blume” auf Esperanto, die dritte Sprache, die Lio lernt. Für seine Eltern ist es die Sprache der Liebe.

Als sich Lios Eltern vor drei Jahren kennenlernten, konnte Flama kaum Deutsch, David kein Vietnamesisch. Englisch war ein Kompromiss. Heimlich lernte David deshalb Esperanto, jene Sprache, von der seine Frau schon als Kind fasziniert war und die sie als Studentin in Hanoi lernte.

Drei Monate hat der Kaufmann für Außenhandel gepaukt, um seine Frau zu überraschen. „Wir können inzwischen über alles in Esperanto sprechen“, erzählt Flama. Wenn Liebe und Sprachinteresse einen vorantreiben, kann man die Kunstsprache in kurzer Zeit beherrschen, ist sich David sicher. „Die ganze Grammatik passt auf eine viertel DIN-A4-Seite“, schwärmt er. Der Wortschatz werde aus den Stämmen in Kombination mit vielen Vor- und Nachsilben gebildet.

Esperantisten verbindet
ein Freundschaftsband

Das junge Paar nutzt seine Sprache der Liebe aber nicht, um sich abzuschotten. „Meine Eltern verstehen immer mehr“, freut sich David übers Nebenbei-Lernen der älteren Generation. Er ist überzeugt von den Vorteilen der Kunstsprache, die vor 131 Jahren entstand. Unter den Esperantisten fühlt er sich wohl.

„Wir sind alle welt­offen und aufgeschlossen“, berichtet David Henkel. Ein freundschaftliches Band knüpfe sich zwischen ihnen. Deshalb fährt das Paar gern zu gemeinsamen Treffen wie kürzlich in Plauen oder im Juli in Mühlhausen.

"Für Deutsche gibt es in Esperanto keinen Laut, den man nicht aussprechen kann."
David Henkel

Doch nicht nur bei solchen offiziellen Begegnungen kommt die Sprachfamilie ­miteinander ins Gespräch. Wer Freunde überall auf der Welt hat, ist an vielen Orten auch zu Hause – zumindest auf Zeit. Das erlebten ­Flama und David im vergangenen Jahr, als sie einen Europa­trip unternahmen und bei ­Esperanto-Bekannten ­schlafen konnten.

So profitiert Lio nicht nur vom Sprachengewirr in Braunichswalde. Er erlebt, wie friedvoll Menschen miteinander umgehen können, die ein gemeinsames Interesse eint. Ein Geschenk, das nicht weniger wert sein dürfte als Vielsprachigkeit.

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