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Thematische Stadtführungen sind äußerst beliebt, aber manche Tourist-Informationen haben ihre liebe Not mit dem Nachwuchs

Stadtführer Manfred Lemke erläutert das Geraer Brauprivileg.
Stadtführer Manfred Lemke erläutert das Geraer Brauprivileg. (Foto: Jana Scheiding)
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Stadtführungen in Gewandung liegen voll im Trend und kommen bei den Menschen sehr gut an. Zahlen und Fakten merken sich leichter, wenn sie in Geschichten verpackt sind. Die Führungen in Thüringen sind gut belegt, nur in Nord und Ost fehlt der Nachwuchs.  

Karin Schumann von der Gera-Information ist in Sorge. Über die Otto-Dix-Stadt gibt es Spannendes zu erzählen, doch die Zahl derer, die das professionell können, ist stark bemessen. „Wir suchen händeringend Gästeführer!“, bringt es die Verantwortliche für Stadtführungen und Gästeservice auf den Punkt. Gern und oft gebucht werden derzeit vor allem die thematischen Führungen des Nachtwächters und des Bierbrauers.

„Wenn man sich für die Geschichte seiner Stadt interessiert, macht das Spaß und gibt viel zurück“, hat Manfred Lemke in elf Jahren als Gästeführer erfahren. Heute ist seine 1569. Führung im Gewand eines Gerschen Bierbrauers von 1487 und ich bin sein einziger Gast. Lemke ist seit fünf Jahren Rentner und Spezialist für Geras Unterwelt: die Höhler. Der Eingang zum Höhlermuseum befindet sich im Keller des ältesten Hauses der Altstadt. Es blieb beim großen Stadtbrand von 1780 fast unversehrt stehen.

Früher durfte jeder brauen, der in Gera wohnte und ein Haus besaß

Wie lange der Mann mit weißem Haar und weißem Bart noch als Stadtführer arbeiten will? Manfred Lemke lacht. „Das fragen mich die Leute oft. Wenn ich eines Tages antworten muss: 1636 ist in Gera etwas passiert, aber fragen Sie mich nicht, was – dann höre ich auf.“

Mit dem Bau von Höhlern – zusammengesetzt aus Höhle und Keller – begannen die Gerschen Anfang des 16. Jahrhunderts, erzählt der Gewandete, während er die Tür zum Museum aufschließt. Gedient haben die unterirdischen Gänge bis ins 18. Jahrhundert der ganzjährigen Lagerung von Bier, was früher ein Lebensmittel war. Deswegen durfte jeder brauen, der innerhalb der Stadtmauern Geras wohnte und ein Haus besaß. Brauzeit war vom 29. September bis zum vierten Sonntag nach Ostern.

Die Höhler gingen jeweils vom Keller der Häuser ab. Mitte der 1980er-Jahre verband die Bergsicherung Ronneburg zehn Höhler auf 240 Metern miteinander. Seitdem legt der Höhlerverein Jahr für Jahr neue Gänge frei. Der Zechsteinkalk unter der Altstadt ist 250 Millionen Jahre alt, erzählt Manfred Lemke und bittet mich, den Kopf einzuziehen. „Die Altstadt umfasst elf Hektar, das unterirdische System ist neun Kilometer lang. Solch ein kompaktes System gibt es meines Wissens im deutschsprachigen Raum nicht noch einmal.“

Ohne elektrisches Licht wäre es zehn Meter unter der Erde stockfinster. Manfred Lemke fällt zum Thema Unterwelt eine heitere Anekdote ein, die er mit Gästen erlebte: „Eine Rentnergruppe aus Baden-Württemberg hatte meine Einladung in Geras Unterwelt wohl falsch verstanden und geglaubt, ich führe sie ins Rotlichtmilieu. Jedenfalls zupfte eine Frau ihren Mann am Ärmel und zischte unmissverständlich im Heimatdialekt: Du bleibscht schön bei mir!“

Vermutlich brachten Fremde das Bier nach Gera

Mein Begleiter kennt die Gänge wie seine Westentasche. Hier ist er Protagonist für Fernsehtracks, posiert für Zeitungsfotografen und führt Gäste herum. 161 Stufen müssen sie insgesamt steigen. Im Inforaum, wo die imposante Geraer Bierstange montiert ist, erfahre ich einiges über die hiesige Bierbrauertradition, die im 11. Jahrhundert begann. „Vermutlich brachten Fremde das Bier hierher. Früher gab es nur Wasser und Wein zu trinken. Bier war eine Bereicherung, die Leute nannten es Gottes Segen.“

Bier wurde getrunken und gegessen – als Biersuppe. 1487 rief der Stadtrat das Brauprivileg aus. Mitte des 17. Jahrhunderts gab es 99 Brauereien in der Stadt, später über 200. „1872 waren es noch sieben. Mit der Gründung des Deutschen Reichs kam die Reichsgewerbeordnung, wonach jeder nur noch das verkaufen durfte, wofür er ein Gewerbe hatte. Das Bierbrauen blieb sechs Gaststätten und dem Ersten Fürstlich-Reußischen Brauverein vorbehalten“, erzählt Manfred Lemke und erläutert noch das Reihe-Schank-Gesetz von 1723. Es durfte täglich neben den sechs Gaststätten nur in neun Hausbrauereien Bier ausgeschenkt werden – und zwar der Reihe nach. „Wer dran war, signalisierte das mit der Geraer Bierstange an seinem Haus, die die Menschen den langen Arm Gottes nannten.“

Am Ende einer jeden Führung kredenzt der Gersche Bierbrauer seinen Gästen Höhlerbier und Fettbemmen. Und während alle in gemütlicher Runde sitzen, erzählt er allerlei Episoden, wie die von der vergessenen Frau: „Zum Schluss einer Führung stand plötzlich ein Mann mit Kind neben mir, der irgendwie in die Höhler geraten war. Ich brachte die beiden auf die Straße. Plötzlich hörte ich aus dem Museum Hilferufe. Ich schloss wieder auf und prallte mit einer Frau zusammen: hochroter Kopf, kurzatmig, Schweißperlen auf der Stirn. Sie fragte mich, ob ich einen Mann mit Kind gesehen hätte. Ich brachte die Frau ebenfalls hinaus. Da rief der Mann in schönstem Gersch: ‚Da bist du ja endlich! Jetzt mach, wir haben Hunger!‘ Ich verstehe bis heute nicht, weshalb er mir gegenüber seine in den Höhlern umherirrende Frau nicht erwähnt hat.

Hintergrund: 
Öffnungszeiten Höhlermuseum:
Mittwochs 13 bis 16 Uhr, donnerstags bis sonntags und feiertags 11 bis 16 Uhr.
Führungen: mittwochs 13 und 15 Uhr, donnerstags bis sonntags und feiertags: 11 / 13 / 15 Uhr. Anmeldungen: 0365 / 8 38 11 11
Fakten zu den Höhlern:
Manfred Lemke führt auch Kinder durch die Höhler, aber Achtung: Es könnte spuken.
Im Höhler der Sinne müssen sich Besucher vorwärts tasten.
Eine bestimmte Menge Bier, umgerechnet 3916 Liter, nannte man Gebräude.
1933, nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, wurden die Höhler vermessen, um zu erfahren, ob sie als Luftschutzkeller oder Internierungslager zu gebrauchen sind.
Gera wurde im Zweiten Weltkrieg von März 1944 bis April 1945 zwölf mal bombardiert. Ohne die Höhler hätte es am 6. April 1945 weit mehr als 200 Tote gegeben.
1939 auf das Gemäuer gesprühte Phosphorpunkte sind heute noch zu sehen. Weil damals oft der Strom ausfiel, dienten sie den Menschen als Orientierung.
Insgesamt 161 Stufen steigen Besucher im gesamten Höhlersystem.
Die letzte Brauerei in Gera wurde 1992 geschlossen.
2015 zog Braumeister Günther Stemmler mit seiner Braumanufaktur in den Sächsischen Bahnhof ein.
Rezept für Biersuppe:
Eine Hälfte Bier und eine Hälfte Milch getrennt aufkochen, dann zusammenschütten und mit Zucker, Salz und Muskat würzen. Zum Schluss drei bis vier Eier in die Flüssigkeit quirlen. Dazu Brot zum Eintunken reichen.
Wie wird man Gästeführer / Gästeführerin?
Die meisten Städte kooperieren mit Bildungseinrichtungen wie Volkshochschulen, die Kurse anbieten. Interessenten sollten offen und kontaktfreudig sein, frei sprechen und mit Menschen umgehen können. Die Ausbildung umfasst meist ein Semester Theorie. Im praktischen Teil dürfen Absolventen eine eigene Stadtführungen konzipieren und vornehmen.
StadtführerInnen in Thüringen:
Gera sucht dringend Gästeführer.
Kontakt: Gera-Information,
Karin Schumann, 0365 / 8 38 11 14.
In Not ist auch die Stadt- und Gästeführergilde Nordhausen: 0 36 31 / 89 59 91.
Jena setzt unter anderem auf nicht mehr berufstätige Interessenten,
Kontakt: 0 36 41 / 49 80 50.
Sehr gut aufgestellt ist Erfurt, wo es mehrere Anbieter von Gästeführungen gibt. Allein im Auftrag der Stadt sind mehr als 80 Profis unterwegs.
Weimar ist ebenfalls sehr gut ausgestattet und erweitert ständig sein Sprachenspektrum. Zurzeit bietet die Stadt Führungen in englischer, französischer, italienischer, spanischer, katalanischer, portugiesischer, niederländischer, japanischer, russischer, bengalischer, Gebärden- und leichter Sprache an. In Arbeit: schwedisch und chinesisch.
Mit ihrem Bestand an Stadtführern zufrieden bis sehr zufrieden sind die Tourismusverantwortlichen in Greiz, Heilbad Heiligenstadt, Mühlhausen, Arnstadt, Ilmenau, Gotha und Eisenach.

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