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Vom spannendsten Moment und toten Tieren. Präparator Rainer Michelsson liebt seine Arbeit am Museum für Naturkunde Gera

Wo: Museum für Naturkunde, Nicolaiberg 3, 07545 Gera auf Karte anzeigen
Obwohl allein in der Werkstatt arbeitend, bleibt der Präparator doch nie unbeobachtet.
Obwohl allein in der Werkstatt arbeitend, bleibt der Präparator doch nie unbeobachtet.
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Pilze sammeln war wohl schon jeder von uns. Die gut aussehenden kommen in die Pfanne, der Rest in den Müll. Bei Rainer Michelsson ist das anders. Die einigermaßen aussehenden kommen in die Pfanne. Und die gut aussehenden nimmt er mit in seine Werkstatt.

Eine nur kurz anhaltende Freude ist nicht sein Ding. An den gefundenen Mairitterlingen wird man sich noch in hundert Jahren erfreuen können. Ein halbes Dutzend Formen werden gebaut. Die Pilze werden mit Silikon umgossen. Feierabend? Der spielt diesmal keine Rolle. Pilze dulden keinen Aufschub. „Das Objekt ist wichtig, nicht die Zeit“, erklärt er wohlwissend, dass die Pilze am nächsten Morgen verschrumpelt wären. Am übernächsten Tag ist das Silikon ausgehärtet. Der spannendste Moment wartet auf den Präparator. Werden die Lamellen richtig ausgebildet sein? Sind auch die kleinen Mäusefraßspuren zu sehen? Vorsichtig wird der Pilz mit dem Skalpell aus dem Silikon gepuhlt. Teils muss die Gussform in mehrere Teile zerlegt werden. Aber niemals grobschlächtig. Alles muss später wieder zehntelmillimetergenau zusammen passen. Nach der Reinigung der Formenteile mit dem Hochdruckreiniger steht fest: Der abendliche Einsatz hat sich gelohnt! Der Präparator ist zufrieden. Nicht morgen, nicht nächste Woche, aber vielleicht im Herbst können die Besucher des Museums für Naturkunde in Gera dann einen ganzen „Hexenring“ Mairitterlinge bestaunen.

Apropos Hexenring. Michelssons Werkstatt erinnert irgendwie an eine Hexenküche. Totes Getier bzw. deren Präparate hängen, stehen oder liegen überall herum oder schwimmen in Alkohol. Daneben Kästchen mit Augen. Allerhand Fläschchen mit mehr oder minder giftigen Substanzen geben sich ein Stelldichein mit Skalpellen, Vakuumpumpe, Kopfabdrücken aus Gips und „eingeweckten“ Tierteilen. Nicht zu vergessen die berstend vollen Gefriertruhen mit Tieren.

Hier muss Frankenstein am Werk sein. Ganz im Gegenteil. „Heutzutage werden keine Tiere mehr getötet, um daraus entstehende Präparate im Museum zeigen zu können“, erklärt er. Freunde des Museums bringen tote Tiere, vor allem Insekten. Züchter denken an Michelsson. Der Waldzoo steuert ein verstorbenes Stachelschwein bei. Fast alles landet nach der Bestandsaufnahme erst mal in der Gefriertruhe. Wenn eine entsprechende Ausstellung ansteht, geht es an die Arbeit. Ein Vogel beispielsweise wird ausgemessen, dann gewogen. Die hauchdünne Haut mitsamt den Federn wird wie bei den alten Meistern schon üblich abgezogen. Das wichtig sei die Reinigung der Haut. „Kein Fitzelchen Fleisch oder Fett darf dran bleiben“, erklärt Michelsson. Die Haut wird gewaschen und getrocknet. Den Körper formt er aus Holzwolle oder Purschaum. Die richtige Körperhaltung erfordert viel Erfahrung. Glasaugen werden eingesetzt, die Füße verdrahtet. Es erfolgt die „Hochzeit“ der Haut mit dem neu geschaffenen Körper. Die Haut wird am Bauch vernäht, die Federn gerichtet, Füße und Schnabel koloriert. Bei jedem Arbeitsschritt legt er Wert auf kleinste Details.

Lohn für seine Arbeit wäre nicht, wenn dann der Museumsbesucher sagen würde: „Ist das ein schönes Präparat!“. Besser: „Schau mal, dieser Vogel fliegt gleich los!“ Tierpräparate werden von Weltreisenden bereits seit etwa 1550 in Auftrag gegeben. Sie mussten damals nur schön sein. Heute hat deren Entstehung einen anderen Hintergrund. Die Liste seltener oder vom Aussterben bedrohter Arten wird immer länger. Konservieren und Präparieren ändere zwar nicht den Fakt des Aussterbens, aber so können die Tiere der Nachwelt erhalten bleiben. Letztes Jahr gab es beispielsweise ein großes Amselsterben. „Sie könnte morgen auch weg sein“, gibt der Präparator zu bedenken.

Natürlich sind die Arbeitsaufgaben eines Präparators weitaus vielfältiger, als tote Tiere für die Nachwelt aufzubereiten. Wie eingangs geschildert, betrifft das auch die Pflanzenwelt. Und da wird nicht nur präpariert, sondern wie im Fall des Mairitterlings auch nachgebaut. Es entstehen nicht nur einzelne Tier- oder Pflanzenpräparate. Richtige kleine Welten werden inszeniert. Selbst Steine gilt es zu präparieren. Der „Abguss“ der Steinernen Rose bei Kloster wird Rainer Michelsson wohl ewig im Gedächtnis bleiben. Zig Anwohner, Vorbeifahrende und sogar die Polizei vermuteten einen Verrückten, als sich der Präparator mit rotem Latex an dem Naturdenkmal zu schaffen machte. Präparator zu sein, bedeutet zudem nicht nur, neue Präparate zu schaffen. Bestehende müssen erhalten werden. Und davon gibt es weitaus mehr, als im Museum öffentlich zu sehen sind. Die meisten liegen vor Licht geschützt im Depot.

Für Rainer Michelsson ist es sein Traumberuf. Selbst die Erhöhung des Rentenalters würde ihn nicht stören: „Die Lust geht mir nicht verloren“. Er ist jeden Tag aufs Neue fasziniert, echte Tiere, aber auch Pflanzen und Landschaften den Museumsbesuchern zeigen zu können. Besonders die Arbeit im Kinderkabinett findet er erbauend: „Sie halten einem den Spiegel vor. Sie lügen nicht. Sie sagen eindeutig, was gefällt“.

Als Zwölfjähriger hat Rainer Michelsson seinen ersten Vogelbalg präpariert – eine Wacholderdrossel. Da sein Vater die Meinung vertrat, dass man sein Hobby nicht zum Beruf mache, lernte Michelsson den Beruf des Zootechnikers, gefolgt von der Meisterausbildung Rinderproduktion. 1992 hat er sich im wahrsten des Wortes vom Acker gemacht. Mit einem Karton voller selbst hergestellter Präparate besuchte er Peter Mildner, Präparator am Museum der Natur Gotha. Der zeigte sich begeistert. Es folgte ein Praktikum bei ihm und dann endlich die dreijährige Ausbildung zum Präparationstechnischen Assisten in Bochum. Von 1995 bis 2000 arbeitete Rainer Michelsson am Pfalzmuseum für Naturkunde in Bad Dürkheim. Seit 2000 arbeitet er am Museum für Naturkunde in Gera.

Die Ausbildung zum Präparationstechnischen Assistenten ist in Deutschland nur am Walter-Gropius-Berufskolleg Bochum - eine Höhere Berufsfachschule – möglich. Sie ist in den Fachrichtungen Biologie, Geowissenschaften oder Medizin möglich. Die Ausbildung dauert drei Jahre. Weitere Informationen dazu unter http://www.wg-bo.de/tl_files/download/pdf/praeparatoren.pdf .

Einige der im Museum für Naturkunde Gera gezeigten Präparate sind hier zu sehen:

http://www.meinanzeiger.de/gera/natur/guck-mal-wer-da-guckt-im-museum-fuer-naturkunde-gera-gehts-tierisch-zu-d16572.html

Noch mehr über das Museum erfahren Sie hier:

http://www.meinanzeiger.de/gera/themen/museum-f%FCr-naturkunde.html

Obwohl allein in der Werkstatt arbeitend, bleibt der Präparator doch nie unbeobachtet.
Keine Perlen, sondern eine Schublade voller Augen.
Passt mit auf, was in der "Hexenküche" passiert.
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Die Bienenwaben werden noch Verwendung im Kinderkabinett finden.
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Konservierung in Alkohol
Die Stunde der Wahrheit beginnt. Präparator Rainer Michelsson fertigt Formen von Mairitterlingen. Sind sie gelungen?
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Wofür ist das wohl?
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Müsste mal wieder zum Friseur, äh Präparator.
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Vorsichtig wird der Pilz aus dem Silikon gepuhlt.
Die gilt es nachzubauen.
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Auf den Einsatz wartende Farbe.
Die Silikonformen müssen in mehrere Teile zerlegt werden.
Noch mehr Glasaugen.
Im Tiefkühlschrank wartet noch jede Menge Arbeit.
Sammelsurium
Alles Zutaten für die Arbeit eines Präparators.
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Die Formenteile werden mit Hochdruck und Wasser gesäubert.
Altbestände noch aus dem VEB.
Zwischendrin mal ein verstaubter Käfer.
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Nach der Druckluftreinigung steht fest: Die Form ist gelungen!
Selbst mit Vakuum wird beim Formenbau gearbeitet.
Der Papagei liegt etwas traurig auf dem Arbeitsplatz. Sein Federkleid muss nochmals überarbeitet werden.
Hexenküche oder Frankensteinlabor?
Mit diesem Präparat einer Wacholderdrossel hat's begonnen. Den Vogelbalg hat Rainer Michelsson als Zwölfjähriger gefertigt.
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Wo man in der Werkstatt auch hinschaut, es geht in jeder Ecke tierisch zu.
Kleine Pinselauswahl
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Und sie werden nicht nur zum Kolorieren eingesetzt. In diesem Fall wird eine Schlange in der Jenaer Landschaft des Museums behutsam vom Staub befreit.
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