Tierschützer aus Kleinaga bei Gera durchstreifen Wiesen und Felder
Einmalig in Thüringen: Drohne rettet Rehkitze vor dem Mähtod

Dagmar Seidenbecher mit der Drohne, an der eine Wärmebildkamera montiert ist. Sie wird eingesetzt, um Rehkitze vor dem Mähtod zu retten.
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  • Dagmar Seidenbecher mit der Drohne, an der eine Wärmebildkamera montiert ist. Sie wird eingesetzt, um Rehkitze vor dem Mähtod zu retten.
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Tausende Rehkitze werden jährlich von Mähdreschern regelrecht zerfleischt. Das wollten Tierschützer aus Kleinaga bei Gera nicht länger hinnehmen und suchten eine Lösung. Nun lassen sie eine Drohne mit Wärmebildkamera  vor Mahd und Ernte die Felder überfliegen und bringen die dort versteckten Tiere in Sicherheit. 

Es ist kein ernst gemeintes Lob, wenn Dagmar Seidenbecher die Folgsamkeit junger Rehe hervorhebt: „Die Kitze sind ganz brave Kinder. Die warten auf ihre Mutti.“ Freuen mag sie sich darüber nicht, obwohl dahinter eine geniale Idee der Natur zu entdecken ist.


Eine geniale Idee, wenn kein Mähdrescher kommt


Rehkitze werden von ihren Müttern im hohen Gras oder im Getreide vor Fressfeinden versteckt. Ohne Eigengeruch sind sie dort auch nicht zu „erschnuppern “. So liegen sie sicher und warten, dass die die Ricke zum Säugen vorbeikommt. Nahezu gefahrlos gedeihen die Kitze, bis sie einen Fluchtreflex entwickeln und mit etwa drei Monaten auf ihren langen dünnen Beinen mit ihrer Mutter gemeinsam durch die Wälder streifen können.

Ein guter Plan – bis die Mähdrescher kommen. „Tausende Rehkitze müssen in Deutschland jährlich den so genannten Mähtod erleiden“, berichtet Nicole Elocin. Vom Schreddern gar spricht Dagmar Seidenbecher. Dabei sei der schnelle Tod wohl noch eine Gnade. Verstümmelte Tiere leiden lange. „Landwirte müssen die Rehkitze dann selbst töten. Grauenvoll. Das stecken die auch nicht so einfach weg.“

Tierschutz ist schon lange eine Herzensangelegenheit für Dagmar Seidenbecher, ihren Sohn Sebastian und Nicole Elocin aus Kleinaga. Sie engagieren sich im Tierschutzverein Gera und Umgebung vornehmlich um freilebende herrenlose Katzen. Das Leiden der schutzlosen Rehkinder lässt die dennoch nicht unberührt. Vor zwei Jahren begannen sie, nach Wegen zu suchen, um die Kitze zu schützen.

Wärmebilder muss
man lesen können

„Yuneec H 520“ heißt für sie nach längeren Recherchen die Lösung; eine Drohne, die um eine Wärmebildkamera ergänzt wird. Auch Feuerwehren und die Polizei setzen diese Hexakopter ein. Sie überfliegen ein Gelände, die Kamera registriert die Wärmeenergie. „Auf einem Display erkenne ich Farbunterschiede“, erklärt Sebastian Seidenbecher, der vor der ersten Rehkitzrettung intensiv geübt hat. Rot-gelbe Farbverläufe können auf ein Tier hinweisen. Doch manchmal ist es auch nur ein Erdhügel, der stärker erwärmt ist als die Umgebung.

Seit dem 23. Mai sind die Kitzretter im Einsatz. „Im Voraus haben wir mit Landwirten und Jägern aus der Region gesprochen, über unser Vorhaben aufgeklärt. Sie können uns anrufen, wenn ein Feld gemäht oder abgeerntet werden soll“, erläutert Dagmar Seidenbecher. Kurz vorher starten die Tierschützer eine – kostenlose – Nachtaktion. Zwischen 3 und 4 Uhr morgens geht es los. Sebastian Seidenbecher lässt die Drohne fliegen und dirigiert einen Trupp mit bis zu sechs Leuten im Gelände zu jenen Orten, an denen er ein Kitz vermutet.

Stundenlange Suche
im nassen Gras

Für die Tierschützer ist der Einsatz körperlich anstrengend. Sie kämpfen sich durch brusthohes, meist feuchtes Gras. Die Tiere sind nicht leicht zu finden, weil sie nur handtellergroß sind. „Einmal haben wir sieben Stunden lang gesucht“, erinnert sich Nicole Elocin. Doch der Erfolg versöhnt auch mit dem Schnupfen, den man sich dabei zuziehen kann. Fünf Kitze konnten die Tierschützer bisher retten. In den nächsten Wochen stehen weitere Aktionen an.

Die gut getarnten Kitze werden mit Handschuhen und viel Grans zwischen Mensch und Tier in einem Umzugskarton gelegt und am Feldrand in Sicherheit gebracht. „Nach Ende der Mahd lassen wir sie wieder frei“, so Dagmar Seidenbecher. Die Ricken kümmern sich dann weiter um ihren Nachwuchs.

Trotz aller Euphorie: Unsicherheit ist ein ständiger Begleiter nach einer Suchaktion. Denn wenn ein Landwirt jährlich mehrere Kitze auf einem Feld bemerkt hat, mit der Kamera aber keines gefunden wird, können die Tierschützer nur hoffen. Zum Glück haben sie bisher kein Rehkind übersehen, zeigen sich die drei erleichtert.

Rehkitzrettung vorerst
einmalig in Thüringen

In Thüringen scheint die Rehkitzrettung rund um Gera bisher einmalig zu sein. „Uns sind keine ähnlichen Aktionen bekannt“, so Dagmar Seidenbecher. Aber sie hofft auf noch mehr Landwirte, die ihr Angebot annehmen, aber auch auf Nachahmer und Unterstützer. „Es muss zu einem Umdenken kommen.“

Zur Sache

+ Die Rettungsaktion ist für Landwirte und Jäger kostenlos.

+ Die Drohne, Kamera, Lade- und Funkgeräte im Wert von rund 4500 Euro wurden durch Dagmar Seidenbecher vorfinanziert. Der Tierschutzverein hofft, die Anschaffung mit Spenden refinanzieren zu können. Über 1000 Euro sind bereits eingegangen. So werden Drohe und Kamera Stück für Stück Eigentum des Vereins.

+ Kontakt: rehkitzrettung.gera@gmail.com, Telefon: 0152/33 99 05 14

+ Mehr Inform@tionen: www.rehkitzrettung-gera.de

Autor:

Simone Schulter aus Weimar

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