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Wirtschaft
Halb auf ist besser als ganz zu: Das hübsche Städtchen Saalburg kann wieder aufatmen

Blick über die Bleilochtalsperre.
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Blick über die Bleilochtalsperre. (Foto: Jana Scheiding)
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Die Brücke über Deutschlands größtem Stausee im ostthüringischen Saalburg-Ebersdorf ist eine wichtige Verkehrsader. Anderthalb Jahre war sie voll gesperrt – Gastronomen, Gewerbetreibende, Busunternehmer und Tourismus litten unter teilweiser Isolation und weiträumigen Umleitungen.

Thüringen saniert das Kulturgut – die genietete Brücke steht unter Denkmalschutz – für mehr als sieben Millionen Euro. Bis voraussichtlich Jahresende wird das Bauwerk nur halbseitig befahrbar, der Verkehr durch Ampeln geregelt sein. Die schwersten Gefährte dürfen allerdings auch in Zukunft nicht mehr als 16 Tonnen wiegen – für eine längere Lebensdauer und um den Schwerlastverkehr aus dem Ort zu halten. AA-Redakteurin Jana Scheiding hat sich in Saalburg umgesehen.

Ein Blick zurück.
Ein traumhafter Tag, dieser 27. April. 22 Grad, Postkartenhimmel, das Wasser der Bleilochtalsperre glitzert in der Sonne. Direkt am Ufer liegt malerisch das Strandcafé und wirbt mit frischen Forellen aus eigener Räucherei. Im akkurat gepflegten Biergarten ist derweil kein Gast zu sehen. Ein Mitarbeiter feudelt über die Sitzgarnituren. „Wenn die auf der Brücke genauso schnell wären wie unsere Spinnen“, macht er seinem Ärger Luft.
Seit 9. Januar 2017 ist die Stauseebrücke für den Verkehr gesperrt. Fußgänger können ein Provisorium nutzen, um ans andere Ufer zu gelangen. Pkw, Busse und Lastkraftwagen müssen 35 statt der gewohnten etwa fünf Kilometer zurücklegen.
Im Café spenden Sonnenschirme Schatten, der Blick wandert übers Wasser ans andere Ufer. Schön ist es hier. „Von Schönheit allein kann man nicht leben“, erwidert Klaus-Peter Fischer, Inhaber des Strandcafés und Chef des Fremdenverkehrsvereins Saalburg. Er und einige Gewerbetreibende, die mit am Tisch im Lokal sitzen, verstehen nicht, weshalb die Öffnung der Brücke mehrmals verschoben und die Region damit geschwächt wurde. „Wenn die Frachtkosten teurer sind als der Materialwert, dann brechen irgendwann Märkte und Strukturen weg“, erläutert ein Bauunternehmer. Für das Geld hätte man auch eine neue Brücke bauen können, winkt ein anderer ab.

Auf der anderen Seite des Stausees sitzt man gemütlich im Eiscafé mit Blick auf die Brücke und ein paar Bauarbeiter. Es ist Freitag 14 Uhr - Schicht im Schacht. Die Berufspendler haben noch eine stundenlange Fahrt über die Autobahn vor sich. Auch in diesem Teil des 3700-Einwohner-Städtchens hält sich der Besucherstrom in überschaubaren Grenzen. Ob hier sonst mehr los sei? „In der Vorsaison kaum“, antwortet die Eisverkäuferin. „Aber wir können uns nicht beklagen, die andere Seite trifft es bedeutend schlimmer.“ Ein Mann, der mit Gattin und Enkeltochter aus Plauen auf ein Eis nach Saalburg kam, mischt sich in die Unterhaltung: „Die sind abgeschnitten. Furchtbar ist das. Vor 200 Jahren hat man an solch einer Brücke auch nicht langsamer gebaut.“

Korrosion hat ganze Arbeit geleistet

Seit acht Wochen ist die Brücke nun wieder halbseitig befahrbar. Ulrich Wenzlaff, Leiter des Straßenbauamtes Ostthüringen, erklärt die Verzögerung. „Die jahrzehntelange Korrosion hat ganze Arbeit geleistet. Das wurde aber erst sichtbar, als die alten Träger abgebaut waren.“ Die Brücke konnte auch nicht einfach durch einen Neubau ersetzt werden: Sie gehört zu den landesweit einzigartigen ingenieurtechnischen Konstruktionen und ist als Technisches Denkmal unbedingt schützenswert. Und ein Neubau hätte schon deshalb bedeutend mehr gekostet, weil zum Brückenüberbau auch die Pfeiler hätten erneuert werden müssen, sagt Wenzlaff.
„Kostenvergleiche zwischen Instandsetzung und Ersatzneubau waren nicht relevant und sind deshalb auch nicht durchgeführt worden“, erklärt Antje Hellmann vom Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft. Korrosionsschutz und Arbeiten am Geländer stehen laut Ministerium noch an, bevor die einstreifige Verkehrsführung aufgehoben werden kann. Wegen der Betriebsfestigkeit sei „die Gesamtlastbeschränkung auf Fahrzeuge bis 16 Tonnen je Fahrtrichtung geboten“, begründet Hellmann.

Auch im Kletterpark geht es wieder aufwärts

Zu jenen, die aufatmen, dass die Brücke zumindest halbseitig wieder offen ist, gehört Tino Grimm. Er betreibt den Kletterwald in Saalburg. „Während der Sperrung brachen die Umsätze ein. Wir liegen in einer Sackgasse und den Umweg wollten viele Besucher nicht auf sich nehmen. Aber jetzt geht es wieder aufwärts.“
Auch Saalburgs Bürgermeister Volker Ortwig schlägt versöhnliche Töne an. „Natürlich haben uns die Tagespendler gefehlt. Aber etliche Besucher sind auch gekommen, um die Brücke zu betrachten und durch den Fußgängertunnel auf die andere Seite der Stadt zu laufen.“
Und aus wirtschaftlicher Sicht? „Einigen Unternehmen tat die lange Sperrung  weh. Auch dem Tourismus – aber Gott sei Dank haben wir Campingplätze links und rechts der Saale, so dass nicht alle Besucher ausgeblieben sind.“
Dass die Sanierung länger dauerte als geplant, kann der Stadtvater nachvollziehen. „Wer ein altes Haus umbaut, weiß, dass während der Sanierung Schäden zutage treten, die vorher nicht zu sehen waren. Soviel ich weiß, wurden in den Sechzigern nicht alle Teile wieder aus dem Wasser gefischt. Die musste die DDR nacharbeiten.“
Die Stimmung heute? „Der Unterschied ist deutlich zu spüren - unser Städtchen beginnt wieder zu pulsieren.“ Und augenzwinkernd: „Zum Glücklichsein brauchen wir in Saalburg eigentlich nur die Sonne.“

Hintergrund:
Die Brücke des Friedens ist 240 Meter lang und Lebensader der Stadt Saalburg.
Mehrere Jahrhunderte stand an ihrer Stelle eine Holzbrücke, wo Wegezoll fällig war.
1891 wurde sie durch Hochwasser schwer beschädigt und abgerissen.
1893 wurde eine neue, knapp fünf Meter hohe Brücke eingeweiht.
36 Jahre später entstand ein Viadukt von 293 Metern Länge und etwa 60 Metern Höhe (circa 10 Meter über der Wasseroberfläche).
1945 sprengte die Wehrmacht Teile der Brücke, 1963 erfolgte der Wiederaufbau und vier Jahre später die Freigabe für den Verkehr.
Problematisch war in den vergangenen Jahrzehnten der wachsende Schwerlastverkehr, der den Spannbeton der Fahrbahnplatte angegriffen hatte.

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