Rathäuser von Friedrichroda - Teil 1
Das frühere Rathaus

Das "alte" Rathaus um 1900.
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  • Das "alte" Rathaus um 1900.
  • Foto: gemeinfrei; AK
  • hochgeladen von Peter Köllner

Vom „alten“ und vom „neuen“ Rathaus der Stadt Friedrichroda

Beim Durchstöbern meiner über viele Jahre hinweg angesammelten Bilder, Fotos, Bücher und losen Blätter, voll mit Notizen zu Überliefertem und eigenen Anmerkungen zur wechselvollen Vergangenheit unserer Region um Reinhardsbrunn, bin ich auf einen lange verschollen geglaubten „Netzfund“ gestoßen. Im Jahr 2009 hatte ich bei meiner intensiven Recherche im Internett eine schon damals inaktive Webseite entdeckt, die mich fast elektrisierte. Es war der Bericht eines ehemaligen Friedrichrodaer Bürgers, dessen Namen mir bis heute unbekannt geblieben ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich aber um einen direkten Vorfahren eines Herrn Ralf Reinecke (Quelle(verweist): http://freenet-homepage.de/ralfreinecke/geschich.htm).
Was aber an diesem Bericht ist so spannend? Meine Antwort darauf: „Er bezieht sich darauf, dass bis dto. fast nichts über unser „altes“ Rathaus bekannt ist.“ Natürlich ist bekannt, dass dieses abgebrannt ist und nie wieder, trotz mehrerer Anläufe, an gleicher Stelle errichtet wurde. Inzwischen zeugt, seit einigen Jahren wieder, ein Gedenkstein an diesem Ort vom einstigen Rathaus der Stadt. Die Generationen, die es noch persönlich kannten sind inzwischen gegangen.
Über die Jahre hinweg wird immer wieder, bei einem Blick zurück, ersichtlich, dass unser Gemeinwohl von stetiger Veränderung geprägt ist.
Dem Besucher von heute, wird auffallen, dass sich das Zentrum der einstigen Stadt Friedrichroda aus der Hauptstraße heraus in Richtung des neu entwickelten Innenstadtareals um die Sparkasse herum verschiebt. Der Beginn dieser Veränderung kann getrost schon auf das Datum des Rathausbrandes des „alten“ Rathauses gelegt werden.

Im Folgenden möchte ich Ihnen, den interessanten Bericht des unbenannten Verfassers zur Kenntnis bringen:

Das frühere Rathaus

Das von alten einheimischen Friedrichrodaern mit Stolz als "onse Rothus" bezeichnete Gebäude wurde leider am 3. August 1904 in kürzester Zeit ein Raub der Flammen. Der frei gewordene Platz wurde nicht wieder bebaut, die Badeverwaltung errichtete hier eine schmucke Wettersäule und von der Stadtverwaltung wurde zur bleibenden Erinnerung an das alte Rathaus ein Denkstein, der mit einer Metallplatte mit dem Bild des ehemaligen Rathauses eingefügt ist, errichtet. Die vormalige im Rathausturm angebrachte Ratsuhr ging oft ihre eigenen Wege und stand lange Zeit in dem Geruch der Unzuverlässigkeit. Alt und geschwätzig geworden, kam es ihr nicht darauf an, mitunter mehr als zwanzig Mal hintereinander zu schlagen! Die vollen Stunden ließ sie durch das Anschlagen einer an der Uhr befindlichen Schlagglocke ertönen, während die Viertelschläge auf einfachen Metallscheiben erfolgten. Diese in Seligenthal gegossene Schlagglocke trug die Inschrift:

"Ich bin die Nachteil,
wenn ich beginn zu singen
hört man's mit lautem Schall
Durch Friedrichroda klingen."

Außer Ihrer eigentlichen Bestimmung als Schlagglocke hatten ihr die Stadtväter manch andere Pflichten aufgelegt. War Feuersgefahr von "auswärts" gemeldet, stürmte es auf dem Rathausturme. Benötigte der Stadtkämmerer einer steuerlichen Abgabe, dann schlug die Glocke ihr eintöniges: bim, bam, bim, bam! dem der Volkswitz den Wortlaut unterlegte:

"Brengt Geld - de Lühd!
  Brengt Geld - de Lühd!"

Das sehr geräumige Rathausgebäude barg in seinem Obergeschoß einen großen Tanzsaal. In der Mitte desselben war ein großer Pfeiler und rings um denselben das Orchester. Gelegentlich der Einweihung der neuen Schule 1868 hatten wir dortselbst den letzten Kindertanz, der vom heiteren Bürgermeister Hörchner zur Freude der Kinder festgelegt war. Dieser Saal wurde dann verbaut. Die Räume dienten fortan stadträtlicher und gemeinnützigen Zwecken (Sparkasse, Schiedsamt, Gewerbebank usw.) Im Unterstock wurde eine Gastwirtschaft betrieben, die in den frühesten Zeiten keinem städtischen Überschuß erbrachte, so wurde zum Beispiel dem Pächter Adolf noch ein Zuschuß gegeben, um nur den Betrieb offen zu halten. Der Ratsdiener Thiel gab ebenfalls keinen Pacht. Dem Pächter Wienert wurde nebst der Bierwirtschaft noch der "Alleinverkauf von Salz" für die Einwohnerschaft übertragen. Ende der sechziger Jahre ging die Wirtschaft in Daniels Hände über. Von nun an bekam die Ratskellerwirtschaft einen Ruf und infolge dessen steigerte sich auch die Pachtsumme von 600 Mark nach und nach bis zu 2000 Mark. Welche E.Sauerteich zahlte, der dann Eigentümer des Hotels "Herzog Alfred" wurde. Ein mehrjähriger Pächter war auch Albert Lange, der sich dann des weit bekannte "Hotel Lange" in der Hauptstraße erbaute.
Manche ergreifenden Szenen haben sich gerade in diesen Wirtschaftsräumen abgespielt. Wir erinnern zum Beispiel an die im Frühjahr 1812 vom Bedrücker Napoleon zu unerwartet vorgenommenen Aushebung. Nach einem aufregenden Trommelwirbel mußten sich alle Ausgehobenen in der Wirtsstube des Rathauses einstellen, woselbst sie nach ganz oberflächlicher Musterung sofort auch eingekleidet, mit dem schweren Gewehr belastet und dem vorgeschriebenen Päckchen Tabak, 1/4 Pfund Wurst und 1 Batzen (16 Pfennige) als Bargeld versehen, dem schon bereitstehenden militärischen Trupp eingeordnet und in der Richtung Gotha, Erfurt, Leipzig abgeschoben wurden. Mitfühlende jüngere Bürschchen bekleideten ihre eingezogenen Brüder und trugen ihnen abwechselnd die schweren Gewehre, bis sie vor Gotha zurückverwiesen worden. (Unter diesen Eingezogenen befanden sich z.B. der Großvater der Gebrüder Wilhelm und Karl Linz, Obersteiger Linz und Johannes Hildebrandt). Einem wehklagenden Elternpaare wurde nach kürzester Zeit durch die unerwartete Rückkehr ihres eingezogen Sohnes große Freude bereitet. Derselbe hatte in Erfurt die Gera durchwatet und durch eiligste Flucht sich der Fremdherrschaft entzogen. Als "Deserteur" mußte er sich seiner Sicherheit wegen im Körnberg versteckt aufhalten. Beim Rückzug der Franzosen in demselben Jahr trat er freiwillig in die Reihen der vorrückenden Preußen und nahm an den Befreiungskriegen 1813/15 teil! Ähnliches wiederholte sich im Sommer 1870, als unsere Reservisten sich mit Ihren Angehörigen im Rathaus versammelt hatten, um sodann auf einem Leiterwagen nach der Garnisonsstadt Gotha befördert zu werden. Vor der Abfahrt überreichte der zu Späßchen aufgelegte Materialwarenhändler (im Rechenbachschen Hause) Moritz G. den scheidenden eine Kiste Zigarren mit der Mahnung: "Wenn ihr nach Paris kommt, bringt ihr mir aber ein größeres Quantum "Pariser Schnupftabak" mit; 's ist bei mir schon lange darnach gefragt worden! Der gutherzige und heitere Moritz half mit seiner Liebesgabe und dem freundlich zuversichtlichen Witzwort den Einberufenen über die Wehmut des Abschiedes hinweg. Ob sie den echten "Pariser Schnupftabak" mitgebracht haben? Gelegenheit zum Einkaufen in Paris war gegeben!
Die östliche und südliche Seite des Rathauses war mit folgender und großer Sorgfalt eingeschnitzter Schwellen - Inschrift versehen:

FRIEDE ERNERED; UNFRIEDE VERZERED. EIN WEISER REGENT IST STRENG.UND WO VERSTENDIG OBRIGKEIT IST DA GED ES ORDENTLICH HER: C:M:B: (Casbaar, Melchior, Balthasar die Schutzheiligen der Stadt).

Über 2 1/2 Jahrhunderte diente das Rathaus seinen vielen öffentlichen Zwecken als Wahl; Beratungs und Versammlungslokal. Es war den Friedrichrodaer ans Herz gewachsen. Jedenfalls läßt die schon erwähnte Bezeichnung des Gebäudes als "onse Rothus" darauf schließen daß alle die Geschlechter, die ihre Sorgen dort niederlegten, zumeist erleichtert von hinnen gingen. Es war ja kein mustergültiger schöner Bau, aber gar innig verflochten mit den Schicksalen und Geschichten der Stadt. Es sah im Wandel der Zeiten eine lange Reihe Geschlechter kommen, aufgewachsen, bestehen und vergehen im immerwährenden Gleichschritt kurzen menschlichen Daseins.
Ein Rathaus ist ja nicht nur der örtliche Mittelpunkt einer Stadt, sondern noch mehr und vor allem die leitende, den Gang des Gemein- und Einzelwesens regelnde, aber auch
richtende Seele derselben.
Nur mit dieser Wehmut sahen die Friedrichrodaer ihren alten lieben Kameraden, der
ihre Vorfahren durch das 17. 18. und 19. Jahrhundert begleitete, 1904 ein Opfer der gefräßigen Flammen werden. Vor dem in Achtung errichteten Denkmal stehend, ziehen an dem geistigen Auge des Beschauers die wechselvollen Zeiten und Ereignisse vorüber, deren Zeuge diese Stätte war. Last "onse Rothus" unvergessen seien, es kann den treuen Herzen auch heute noch gar viel Mahnung, Trost und Ermunterung geben.

Verfasser ist (derzeit) unbekannt, der Verfasser schein nach eigenem Erzählen frühestens 1855 und spätestens um 1860 geboren zu sein – gez. P.Köllner

weiter mit Teil 2

Autor:

Peter Köllner aus Gotha

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